Es dürfte wohl kaum ein größeres Geschenk für einen alternden Schauspieler geben, als sich final einmal selbst zu spielen, sich nicht verbiegen zu müssen, ja sogar persönliche Eigenheiten einbringen zu können. Das Regiedebüt von John Carroll Lynch ist eine Hommage an den im Herbst 2017 mit 91 Jahren verstorbenen Mimen Harry Dean Stanton, der hier eine beeindruckende Abschiedsperformance abliefert.
Lucky (Stanton) lebt allein in einem kleinen Wüstenkaff in Arizona und geht routiniert seinen täglichen Beschäftigungen nach. Als er eines Tages einen kleinen Schwächeanfall erleidet, sein Arzt jedoch keine Diagnose zu stellen vermag, wird Lucky nachdenklich…
Ohne Stanton wäre der Film in dieser Form undenkbar gewesen, denn das Drehbuch ist relativ genau auf ihn abgestimmt: Lucky raucht, hebt gerne mal einen, macht morgens ein paar Sportübungen, trifft stets die selben Gesichter an selben Orten und neigt zur leichten Griesgrämigkeit. Mit 90 Jahren weiß er natürlich, dass so langsam das letzte Kapitel eingeläutet wird, doch es ist die Frage, wie man diesen Weg beschreitet.
Als Lucky und ein anderer Kriegsveteran (Tom Skerritt) Erinnerungen austauschen, werden ein wenig die Weichen zum Positiven umgestellt.
Nun ist Stanton, speziell im hohen Alter ein Hauptgewinn für ein Charakterdrama dieser Art, doch etwas mehr als die tägliche Routine hätte der Geschichte gewiss gut getan. Zwar variieren einige Abläufe leicht, doch spätestens am sechsten Morgen mit Sportübungen und Katzenwäsche hat man den Tagesablauf begriffen. Wesentlich interessanter gerät die Erzählung, sobald sich kleine sympathische Anekdoten im Zusammenspiel mit den teils interessanten Nebenfiguren ergeben, wie etwa beim zweiten Treffen mit einem Anwalt oder beim sehr starken und ein wenig überraschenden Auftritt während einer Fiesta.
Diesbezüglich werden im Verlauf zu viele Möglichkeiten liegen gelassen, um für etwas mehr Schwung und Abwechslung zu sorgen.
Stattdessen latscht die Hauptfigur etwas zu ausgiebig durch die kargen Kulissen und so wirklich ergiebig ist der kurze Besuch in einer Zoohandlung auch nicht. Immerhin schließt sich der Kreis mit der entlaufenen Landschildkröte Roosevelt und die letzen Einstellungen nach dem Betrachten eines Kaktusses bilden einen in jeder Hinsicht würdigen Abschluss.
Stanton ist natürlich der totale Fokus, doch anbei hat auch Kultregisseur David Lynch ein paar starke Momente, Tom Skerritt punktet mit einer ruhigen, jedoch emotional bewegenden Einlage, während James Darren und Beth Grant ein toll harmonierendes Gespann am Rande bilden.
Melancholie, ein wenig Hoffnung, aber auch eine ordentliche Portion Demut durchziehen den Streifen, der zweifelsohne ein paar starke Momente aufzubieten hat, zuweilen mit leisem Humor punktet und nebenher mit Friedrich Georg Beckhaus (Jahrgang 1927) einen der ältesten, noch aktiven Synchronsprecher als Hauptstimme ins Spiel bringt.
Etwas mehr Elan hätte dem Werk nicht geschadet, doch wer in der Stimmung ist, sich mit dem Alter und dem damit verbundenen Umgang auseinanderzusetzen, liegt hier nicht falsch.
6,5 von 10