Schlägt denn der alte Drunken Master noch, Drunken Master noch, Drunken Master noch?
Jaaaaaaaa – er schlägt noch, er schlägt sich ganz fein. Und das, obwohl er schon so alt ist. Er ist so alt, dass er „Großvater“ genannt werden will.
Darum geht's dann auch im Film, wobei die Figur es nicht verdient hat, im Titel aufzutreten. Sie ist nur ein titelgebendes Nebenprodukt, das dem Machwerk durch die vielversprechende Bezeichnung „Drunken Master“ Zuschauer sichern will. „Kung Fu on Sale“ passt da schon besser, denn der Ansatz von Regisseur Su Chen Ping ist der, den auch im Osten der Welt immer weiter eintretenden Materialismus zu hinterfragen und dies mit der Tradition zu verbinden, die mit den Weisheiten und der Macht der allmächtigen Kung-Fu-Kampfkunst gleichgestellt ist.
Zu diesem Zweck präsentiert Ping ein Darstellertryptichon, das sich aber erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert: Auf der obersten Stufe steht der weise Drunken Master, darunter der von Reichtum besessene Vater und darunter sein noch ungeformter Sohn, auf den nun entweder der Materialismus oder die Tradition der Kampfkunst abfärben kann. Mit dem Film wird also ein leeres Blatt beschrieben, ein leeres Blatt in Form unseres Hauptdarstellers (Sze Ma Lung).
Das ist ein vom Grundgedanken her gar nicht mal so übler Gedanke. Dafür ist der Film aber noch lange nicht gut, obwohl es ganz nett anfängt. Beinahe im Stil von „Einer, der auszog, das Fürchten zu lernen“ springt unser Sze Ma Lung grün bis an die Nasenspitze ins kalte Wasser der Freiheit und versucht, alleine zurecht zu kommen und seinen Weg zu gehen. Man glaubt hier an das Gute im Menschen, deshalb ist Lung tendenziell dazu bereit, den Weg der Tradition zu gehen... ach was, nicht tendenziell, im Eastern der 70er/80er ist das Wort „Subtilität“ unbekannt. Nennen wir das Pferd beim Namen: Lung ist urgeil darauf, endlich den bösen Buben dieser Welt eins auf die Zwölf geben zu dürfen.
So geil, wie er ist, so hilflos ist er aber auch. Und das führt uns schon zum Hauptproblem: eine Identifikationsfigur ist mit Sze Ma Lung keinesfalls gegeben. Es ist einfach nur jämmerlich, wie er sich von einer phrasendreschenden Bohnenstange (Choi Wang) verprügeln lässt oder wie er sich hilflos um das Bein eines Riesenklopses (Cheng Fu Hung) klammert. Lung stellt eine hoffnungslose Witzfigur dar, für die man eher Mitleid empfindet als ein Gefühl der Einheit. Daran ändern auch die gerade zum Ende zugegeben recht ansehnlichen Martial Arts-Häppchen nichts, die er uns serviert. Sein Helden-Faktor tendiert selbst nach erfolgreicher Ausbildung am Ende noch gegen Null. Was mich betrifft, hat er sein Flaschen-Image jedenfalls weg.
Sein Mentor, als welcher er ihn jedoch erst zum Schluss betrachtet, soll der Drunken Master sein, der aber diesmal leider nicht vom markanten Simon Yuen („Sie nannten ihn Knochenbrecher“) verkörpert wird, sondern vom etwas profilloseren, dennoch sehr erfahrenen Dean Shek. Der macht seine Aufgabe an sich nicht so schlecht, von der Präsenz des Simon Yuen ist er aber zumindest hier ein Stück weit weg. Das liegt mitunter auch am Drehbuch, denn Drunkieboy hält sich durchweg im Hintergrund. Selbst aktiv wird er kaum, sein Handeln beschränkt sich höchstens mal darauf, dass er seinen Schützling mit einem Stock „dirigiert“. Überhaupt hat unser Saufbold eine gewisse Affinität zum Sadismus, denn gerne hüpft er mal auf die Schultern von Lung und versohlt ihm mit dem Stöckchen den Hintern wie einem Pferdchen.
Das kann alles spaßig sein, ist es auch irgendwie, nur Struktur bekommt der Regisseur zum Verrecken nicht in seinen Film. Gerade der erweiterte Mittelteil rettet sich von einer belanglosen Szene zur nächsten und zeigt nur, wie Lung davon abgehalten wird, einen Job / einen Kung-Fu-Meister zu finden. Zum Schreien komisch ist die seltsame Ansammlung von Vagabunden und deren Aktivitäten. Da bietet die Truppe an, dass man einem ihrer Knochengerüste für einen Dollar so fest wie nur möglich auf den Brustkorb einhämmert – und nach dem ersten Schlag verzieht sich Knochi jammernd und quengelt: „Ich kann nicht mehr! Huiuiuuuuh!“ Die Marktschreierin, beinahe aussehend wie eine überzüchtete Perserkatze, führt die ganze Szenerie ad absurdum und lässt den Film zeitweise wie ein Kuriositätenkabinett aussehen. Zumal die Leutchen im Deutschen mit einer quietschigen Zeichentrick-Synchronisation gesegnet wurden. Der Sinn dieser Szenen muss wohl darin liegen, die Entschlossenheit Lungs aufzuzeigen, da auch Lung bei dem Verprügel-Spiel mitmacht und sich von oben genanntem Riesenklops Cheng Fu Hung mehrmals auf das Brustbein hämmern lässt. Aber irgendwie mag das nicht so recht funktionieren, denn obwohl er ganz tapfer immer wieder aufsteht, fliegt er letztendlich eben doch meterweit durch die Lüfte. Ping verfällt hier der Versuchung, Brachialstunts zu zeigen und darüber die Charakterisierung des Hauptdarstellers ins Lächerliche zu ziehen. Ein Held muss zwar Prügel einstecken können, aber seine Würde sollte er immer behalten. Und davon ist Lung in diversen Szenen meilenweit entfernt.
Apropos Prügel. Insgesamt okay, was geboten wird, aber da gibt es schon Besseres. Ganz erbärmlich sind die Zusammenschnitte der einzelnen Moves zu einer flüssigen Combo, die teilweise im Sekundentakt auftreten. Man könnte beinahe meinen, Agent Mulders Theorie über den Zeitverlust bei UFO-Entführungen würde sich bewahrheiten und sei gerade in dem Film geschehen. Andererseits gibt es durchaus ein paar kreative Ideen. Selbst die aus „Schlitzauge sei wachsam“ bekannte „Schlaftechnik“ (vielleicht auch noch aus anderen Filmen, ich bin im Genre nicht so bewandert) kommt wieder zur Anwendung, diesmal in Kombination mit der Kranich-Stellung. Allerdings ist das alles im direkten Vergleich etwas farbloser. Was vielleicht auch daran liegt, dass eine Darstellerhierarchie nur bedingt vorliegt und irgendwie jeder mal gegen jeden alt aussieht.
Kurz vor dem obligatorischen Endkampf (im atmosphärischen Wald, Let's get ready to rumble!) gibt's tatsächlich einen überaus banalen Plottwist, dramaturgisch voll im Stich gelassen und emotional vollkommen kalt lassend. Für die Grundaussage hat dieser Twist allerdings nur Gutes zu bieten, denn die Materialismus vs. Traditionalismus-Problematik wird zwar oberflächlich, aber zufriedenstellend aufgelöst. Jetzt wissen wir alle, dass Reichtum unehrenhaft ist und die Kunst des Kung-Fu als Bestandteil asiatischer Geschichte niemals mit Geld aufgewogen werden kann. Der ästhetische Aspekt der Kampfkunst steht da ein wenig im Hintergrund, was vielleicht auch erklärt, weshalb die Kampfszenen so durchschnittlich ausgefallen sind.
Vom Grundgedanken her gut gemeint, legt uns Regisseur Su Chen Ping im Endeffekt jedoch einen überaus verworrenen Martial Arts-Film vor, der sich um einen Grünschnabel dreht, welcher vor einer Abzweigung stehend sich zwischen „Böses Geld“ und „Gute Tradition“ entscheiden muss. Traurigerweise ist der Hauptdarsteller ein armes Würstchen, das sich einfach nicht zur Identifikation anbietet, und wenn man es noch so sehr versucht. Der „Drunken Master“ weist zwar einmal mehr alle Eigenschaften eines solchen auf, doch tatsächlich trinken oder das „Drunken Boxing“ ausführen sieht man ihn oder seine Schüler nie. Wer keine Mogelpackung haben will, sollte das berücksichtigen. Somit ist „Drunken Master schlägt wieder zu“ aka „Kung Fu on Sale“ gleichermaßen ansehbar wie verzichtbar.