„AND
ALL THAT…
...JAZZ"! Dies ist nicht nur der Titel des Eröffnungssongs des Musicals „Chicago" (2002), sondern auch der erste Bühnensong der Hauptdarstellerin Velma (Catherine - Zeta Jones). Die Etymologie es Wortes „Jazz" ist eher ungeklärt, man weiß nur soviel, dass der Begriff aus dem afroamerikanischen Slang stammt und sexuelle, bzw. anrüchige Konnotationen besaß. Genau so einen schwammigen, diffusen und unbefriedigten Eindruck wie die Klärung des Begriffs „Jazz" hinterlässt das Musical „Chicago" beim Betrachter.
Seit ein wenig mehr als zehn Jahren, beginnend mit der Musicalverfilmung „Evita" (Musik: Andrew Lloyd Webber, Libretto: Tim Rice) im Jahr 1996 mit Madonna in der Hauptrolle als argentinische Präsidentengattin Eva Perón (1919 - 1952) erlebt dieses Filmgenre einen regelrechten Boom, zuletzt mit dem Sequel „High School Musical". Zahlreiche, auch ältere, bereits etwas angestaubte Musicals wurden zumindest auf DVD neu aufgelegt („Grease" (1978), „Cats"(1998)), es wurden aber auch einige, neue Musicals als große Kinoproduktionen veröffentlicht. Bei einer derartigen Fülle ist es ganz natürlich, dass die Qualitätsspanne sehr weit auseinander geht. Sehr gute Musicals bzw. Musicalverfilmung sind meines Erachtens die letzte DVD - Version von „Jesus Christ Superstar" (2000), „Moulin Rouge" (2001) oder das eben genannte „Evita". Das hier besprochene Musical „Chicago" gehört aber leider ganz und gar nicht in diese Kategorie.
Der Begriff „Musical" stammt ursprünglich von „Musical Comedy" (musikalische Komödie) und „Musical Play" (musikalisches Schauspiel) ab. Dies sagt schon aus, dass die wichtigsten Hauptbestandteile eines Musicals die Musik und das Schauspiel sind. Beide Elemente sind als etwa gleichwertig zu betrachten, da die Handlung von der Musik getragen wird. In jedem Musical sind diese beiden Bestandteile logischerweise (von Stück zu Stück) qualitativen Schwankungen unterlegen. Problematisch wird es nur, wenn es sich sowohl bei der Musik als auch bei der Schauspiel nicht um Schwankungen handelt, sondern um ein permanentes Tief, wie es bei Rob Marshalls Musical „Chicago" der Fall ist.
Die Handlung des Films sei an dieser Stelle kurz erklärt, denn für eine ausschweifende Darstellung gibt sie auch nicht viel genug her. Handlungsort ist das Chicago der 1920er Jahre. Die Charaktere sind einfallslos, schwarz - weiß gezeichnet. Die Möchtegern - Tänzerin Roxie Hart (Renée Zellweger), das blonde, naive aber dennoch durchtriebene Dummchen will dorthin, wo die schillernde, schwarzhaarige, vamp-artige, unnahbare, arrogante Nachtclub - Tänzerin Velma Kelly (Catherine Zeta-Jones) bereits ist: auf die ruhmreichen Bretter, die die Welt bedeuten. Als Roxie erfährt, dass sie von ihrem Liebhaber, von dem sie sich den ersehnten Karriereschub erhofft hatte, nur ausgenutzt wurde, erschießt sie ihn kaltblütig. Als wehleidige Heulsuse versucht sie zuerst, die Tat ihrem Ehemann und Ernährer in die Schuhe zu schieben, was jedoch misslingt. Wie es der Zufall so will, begeht ihr Idol zur gleichen Zeit einen Doppelmord (Ehemann und Schwester, als sie erfährt, dass beide ein Verhältnis hatten), was dazu führt, dass beide Tänzerinnen im selben Gefängnis aufeinander treffen. Dort buhlen beide um die Gunst des Staranwalts, den besten Strafverteidiger Billy Flynn (Richard Gere), ein graumelierter, geldgieriger, rücksichtloser Playboy, dem nicht nur Frauen sondern auch die Medien zu Füssen liegen. Er manipuliert die Presse und schafft schließlich das Unmögliche: er befreit die beiden Damen, aus denen mittlerweile Partner geworden sind, aus dem Gefängnis und bringt ihnen den ersehnten Ruhm...
Das faszinierende an der Sache ist, wie man eine so einfach gestrickte Handlung auf fast zwei, nicht enden wollende Stunden ausdehnen kann. Dies gelingt nur, indem es die Filmemacher vermeiden, einen durchgehenden Handlungsstrang zu erzeugen. Es ist klar, dass bei einem Musical ständig Musikstücke eingespielt werden. Aber wie bereits erwähnt, sollten diese die Handlung unterstützen und Inhalte zum tragen bringen und nicht wie hier diese so derartig zerreißen, dass ein inkoherentes und inhomogenes Ganzes wie der hier vorliegende Film entsteht. Außerdem soll der der Soundtrack eines Musicals den Betrachter begeistern und mitreißen. Nachdem es inhaltlich schon Ähnlichkeiten zum weitaus besseren Musical „Moulin Rouge" gibt, ist auch der Soundtrack mit dem herausragenden Hit „Lady Marmalade" u.a. mit Christina Aguilera und P!NK um Klassen besser, als dieser belanglose 20er Jahre Stilmix aus Big Band, Jazz und Dixieland, der vergeblich versucht auf die von Robbie Williams mit dem Album „Swing when you´re winning" losgetretenen Retro-Swing-Welle aufzuspringen.
Nicht nur der Soundtrack ist misslungen, sondern auch die schauspielerischen Ergebnisse der drei Hauptdarsteller/-Innen: Renée Zellweger (Roxie Hart), Catherine Zeta-Jones (Velma Kelly) und Richard Gere (Billy Flynn). Alle drei wirken eher blass und teilweise unbeholfen, da sie nicht wissen, ob sie sich der Musik hingeben oder der Handlung unterordnen sollen. Sie spielen ihre Rollen so eindimensional, ohne überraschende Wendungen, dass man den Eindruck hat, als während die Hauptdarsteller beliebig austauschbar. Einzig und allein ihre gesanglichen, stimmlichen Versuche sorgen für einen nicht wünschenswerten Wiedererkennungswert. Über weite Strecken des Films kann man behaupten, dass nicht die Sänger ihre Stücke beherrscht haben, sondern umgekehrt. In einem Schulzeugnis würde stehen, sie haben sich stets bemüht.
Der Film an sich ist sehr dunkel und düster. Dies liegt hauptsächlich an den dunkelblauen, dunkelroten und gräulichen Farbfiltern, die, wie es in aktuellen Filmen derzeit Mode ist, vom Regisseur eingesetzt wurden. Eine zusammenhängende Handlung ist leider nur sehr schwer erkennbar bzw. man muss sich sehr stark konzentrieren, um den roten Faden (sofern man ihn findet), nicht wieder zu verlieren. Es dauert nahezu sieben Minuten bis der Eröffnungssong von Velma beendet ist um dann vergeblich festzustellen, dass die Handlung trotzdem keine Fahrt aufnimmt. Da die Songs eh schon belanglos und nervig sind, fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, ständig die deutschen Untertitel mitlesen zu müssen. Durch sehr schnelle Schnitte, (zum Teil gefilmt mit einer verwackelten Handycam) und Szenenwechsel, in denen sich eben die Handlung (zumeist im Gefängnis) mit eingestreuten Songnummern, die fernab des Geschehens in einem Nachtclub stattfinden, abwechseln, findet man kaum Zugang zu einem fortlaufenden, in sich geschlossenem Handlungsstrang.
FAZIT:
Als reine Bühnenproduktion vermag das Musical durchaus zu gefallen, denn dort gibt es vermutlich einen durchgehenden Handlungsstrang. Die leicht bekleideten Damen in ihren luftigen Kostümchen sind für das Publikum mit Sicherheit ein besonderer Augenschmaus. Es ist mir aber unerklärlich, wie ein so miserabler Film derart mit hochrangigen Preisen (sechs Academy Awards, u.a. als bester Film und drei Golden Globes) überhäuft werden konnte. Ich habe selten eine so misslungene und nervige Musicalverfilmung gesehen, bei der die Handlung so konfus und zerrissen ist, der Soundtrack derartig plump und die schauspielerische Leistung (eigentlich darf man den Begriff „Leistung" hier gar nicht verwenden, denn eine Leistung beinhaltet immer ein gewisses Maß an Anspruch und Qualität) der drei Hauptdarsteller so mies ist, dass es fast einer masochistische Tortur ähnelt, sich den kompletten Film am Stück anzusehen.
(1 / 10 Punkten)