Wenn es der letzte direkte Vorgänger „Moulin Rouge“ mit Pop-Crossover und zeitgemäßerer Inszenierung versucht hat, dann bleibt „Chicago“ beim sicheren Leisten des klassischen Musical-Movies. Eine raffinierte kleine Geschichte, viel zynischer Humor, ein mitreißender Bühnenscore, ergänzt durch ein paar Extrastücke und eine Flut visueller Eindrücke.
„Chicago“, das ist keine rumsuppende Lovestory im Gangstermilieu, sondern ein fiese, kleine Geschichte rund um zwei Mörderinnen, die sich einem rampenlichtgeilen Anwalt anvertrauen, der sie gekonnt theaterhaft zu Medienruhm und aus dem Knast bringt, bis ihre 15 Minuten Ruhm um sind.
Renee Zellweger und Catherine Zeta-Jones sind die beiden fiesen Damen, wobei letztere ihre Schwester und ihren Mann beim Seitensprung meuchelte, während Zellweger von einem Nobody aus Ruhmsucht sexuell ausgenutzt wurde und zur Waffe griff.
Vollkommen ohne unnötigen Schwulst setzt Regisseur Rob Marshall das in Szene, konzentriert sich auf die Bühnenshow und ergänzt sie lediglich filmisch. Die Story zählt, die Lieder bebildern sie nur und jedes von ihnen hat ihre Bedeutung.
Der Film spielt hauptsächlich im Zellenblock des Gefängnisses und im Gerichtssaal, wobei für die Musiknummern die gängigen Sets (in etwa Zellenblock oder Aufenthaltsraum) plötzlich in anderes (blaues oder rotes vorzugsweise) Licht getaucht werden und durch die Zusatzinstallation von Leuchten oder Lampen ein glamourösen Anstrich erhalten. Teilweise wechselt das reale Geschehen auch auf eine eigene Nachtclubebene, in der sich die Chefaufseherin dann als „Fat Lady sings“ produziert oder der Anwalt an Hunderten von Schnüren die Puppen bzw. die Reporter tanzen läßt.
Was an Chicago gefällt, ist der Schmiß und der Drive, der nicht nur hinter der Partitur steckt, gepaart mit ungeheurer Energie und Spiellaune einer saumäßig gut aufgelegten Besetzung.
John C.Reilly ist ein wunderbar trauriger Niemand, Latifah majestätisch gut bei Stimme (auch wenn sie nur einmal singen darf), Gere knödelt sich zwar einen ab, wenn er mal singen muß, kann dafür aber beachtlich steppen, während ihm der Spaß aus jeder Pore trieft. Was Zeta-Jones an Sing- und Tanzarbeit bewältigt, gewürzt mit purem Sex, zieht nicht nur Jane Fondas Fitneßvideos die Schuhe aus, sondern dürfte auch Demi Moore für ihre peinliche „Striptease“-Tanzvorführung jaulend im Schrank verschwinden lassen.
Zellweger dagegen spaltet sicher die Massen, denn einerseits ist sie nicht überall beliebt, andererseits spielt sie auch noch ein sensationgeilen Blö(n)dchen, die nicht eben sympathisch wirkt auf Dauer. Aber weil es genau um so eine Figur geht, hat sie es nun mal voll drauf. Taye Diggs ist sozusagen Bandleader und Zeremonienmeister und kündet aus dem Off oder als Silhouette jede Nummer an.
Damit wird „Chicago“ zum Präzedenzfall für Filmmusicals, da diese eben nicht ein klebrige Liebesgeschichte erzählen und fröhliche Heiterkeit mit Tragik mischen müssen, sondern einfach rabenschwarzhumorig und bissig sein dürfen, so daß „grell“ nicht gleich „überzogen“ ist.
Ob es längerfristigen Wert für die Filmgeschichte hat, mag umstritten sein („Braveheart“ hatte das wohl auch kaum...), aber auf technischem und schauspielerischen Gebiet ist der Film halt absolute Oberklasse. Nun müßte sich nur noch das Mainstreampublikum auf einen Film einlassen, der seine Songs untertitelt und keinen sympathischen Charakter hat. Haie, Aasgeier, Schlampen – That’s Chicago! (9/10)