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Wer über den Zeitraum von über zehn Jahren eine Figur verkörpert und auch noch mit ihr erwachsen wird, hat es schwer, dieses Image jemals loszuwerden. Daniel Radcliffe ist dies jedoch mit Bravour gelungen, denn sein Interesse für spezielle Rollen hat sich ausgezahlt und spätestens mit vorliegendem „Jungle“ wird man ihn nicht mehr als ehemaligen Kinderstar belächeln.

Bolivien: Im Oktober 1981 trifft der israelische Rucksacktourist Yossi (Radcliffe) auf den Schweizer Lehrer Marcus (Joel Jackson) und den Fotografen Kevin (Alex Russell). Er versucht die beiden zu überzeugen, sich dem deutschen Geologen Karl (Thomas Kretschmann) anzuschließen, der in einem kaum erkundeten Gebiet im Dschungel einen unentdeckten Indiostamm wähnt. Doch nach einer turbulenten Flussfahrt wird die Gruppe getrennt und Yossi ist auf sich allein gestellt…

Regisseur Greg McLean hat offenbar ein Faible für raue Umgebungen, denn bereits sein Tierhorror „Rogue – Im falschen Revier“ spielte mit den Tücken der Natur, „Wolf Creek“ hingegen mit den Auswirkungen psychopathischer Veranlagungen in ebenfalls düsterer Umgebung. Hier kommt das für einen Survival-Thriller übliche Leitthema Mensch gegen Natur zum Tragen, wobei das gängige „beruht auf einer wahren Begebenheit“ keine Floskel darstellt, da die literarische Vorlage von Hauptfigur Yossi Ghinsberg persönlich verfasst wurde.

Zwar dauert es ein wenig, bis der eigentliche Überlebenskampf einsetzt, doch die Entwicklung gruppendynamischer Prozesse wird durchaus glaubhaft transportiert.
Denn eigentlich weiß die Gruppe wenig über Karl, der den Dschungel angeblich wie kein anderer kennt, gelegentlich gegen die Ausbeutung der Natur wettert, sich ansonsten einige Male auffällig verhält, als wolle er sich von einem Moment zum nächsten aus dem Staub machen. Als es noch während der Fahrt auf dem Floß zum Streit kommt, ist es mit dem Zusammenhalt dahin.

Etwa ab da steht Yossi allein im Zentrum des Geschehens, welches mit dem Überlebenskampf in den Stromschnellen den ersten spannenden Höhepunkt einfährt. Die souveräne Kamera ist stets auf Höhe des Überlebenskämpfers, fängt anbei einige überaus gelungene Impressionen der atemberaubenden Landschaften ein, um im nächsten Moment wieder ins Detail zu gehen, etwa, als die schmerzenden Füße von den Socken befreit werden müssen.

Mithilfe des erstklassigen Make-ups und dem überragenden Spiel von Radcliffe, dem man auch physisch die Tour de Force abnimmt, erwächst daraus ein Leidensweg, der die visuellen Mätzchen mit christlichen Metaphern gegen Ende absolut nicht gebraucht hätte.
Auch der ansonsten sauber abgestimmte Score schießt nach hinten raus ein wenig übers Ziel hinaus.

Dennoch, wer ein Faible für Überlebenskämpfe unter freiem Himmel mitbringt, sollte sich „Jungle“ nicht entgehen lassen, obgleich der Verlauf über weite Teile vorhersehbar ist und zwischen Blutameisen und wurmiger Beule nicht übermäßig viele spannende Einlagen auszumachen sind. Mit der Konzentration auf den reinen Überlebenswillen bringt McLean eine nicht zu verachtende Dynamik ins Spiel, die den Stoff bis zuletzt unterhaltsam und teils mitreißend gestaltet.
7 von 10

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