Träumen Androiden von hölzernen Pferden?
Ganze 35 Jahre betrug die Wartezeit auf das Sequel zu einem der erklärtermaßen besten, in jedem Fall aber einflussreichsten SciFi-Filme der Filmgeschichte. Ob sich das Warten gelohnt hat, hängt jedoch davon ab, was man von der Fortsetzung erwartet.
BLADE RUNNER 2049 bleibt dem Kern des Originals absolut treu und expandiert um ihn herum, ist jedoch ein vollkommen eigenständiger Film, der weit entfernt ist vom 80er-Jahre-Stil von BLADE RUNNER. War die Frage, ob Harrison Fords Figur Deckard selbst ein Replikant ist, so etwas wie ein finaler Twist des Originals (zumindest in den zuletzt veröffentlichten Schnittfassungen), so ist die Frage um die eigene Identität und Herkunft hier Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, was BLADE RUNNER 2049 noch stärker in die Nähe von Noir-Klassikern oder gar Neo-Noir-Filmen wie beispielsweise ANGEL HEART rückt.
Ja, die Bildwelten des Originals werden zitiert, man erkennt die Welt, doch hat sie hat sich auch verändert. Ein durch militante Replikanten herbeigeführter Blackout im Jahr 2022, drei Jahre nach dem Ende des ersten Films, hat nicht nur die Replikantenproduktion, sondern auch die High-Tech-Entwicklung offensichtlich ausgebremst, LA wird nach wie vor von Neonszenerien und überdimensionalen, interagierenden Hologrammen belebt, doch macht die Stadt einen verlasseneren und heruntergekommeneren Eindruck als noch 30 Jahre zuvor, vor den Toren der Stadt wurde San Diego zu einer einzigen großen Mülldeponie umfunktioniert und Las Vegas ist eine Ruine, untergegangen im orangefarbenen Sand. Weiter in die Welt hinaus führt uns auch dieser Film nicht.
Denis Villeneneuve und sein Kameramann Roger Deakins finden für diese Zukunft Bilder einer deutlich anderen Ästhetik, nahezu jedes Set ist ein Traum in klarer Gestaltung und Ausstattung, streng komponiert und dominiert von einzelnen Farben, man möchte jeden einzelnen Frame augenblicklich rahmen lassen. Auch das 3D wird elegant genutzt, häufig blicken wir durch verregnete Scheiben oder die Oberfläche des Wassers auf das Geschehen dahinter, sehen in verlassene Hotelflure hinein. Das Erzähltempo ist entsprechend. Mehr als zweieinhalb Stunden lässt uns der Film in seine Bilder und seine Geschichte eintauchen. Das hier hat so viel mehr gemein mit Tarkovsky als mit Blockbuster, dass man schon fast irritiert ist, wenn dann doch plötzlich eine Explosion, ein Kampf, eine Actionszene stattfindet. Ähnlich einem Film von Terrence Malick muss man sich hier auf das Geschehen voll und ganz einlassen können. Dabei helfen auch die kongenialen Klänge, irgendwo zwischen Walgesängen, herabstürzenden Flugzeugen und den elektronischen Klangteppichen von Vangelis – Hans Zimmer hat hier (unterstützt von Benjamin Wallfisch) doch noch einmal einen überraschend beeindruckenden Score produziert, vielleicht seinen besten seit INCEPTION.
Es wird interessant sein, zu sehen, wie sich BLADE RUNNER 2049 nach dem sicherlich sehr erfolgreichen Startwochenende an den amerikanischen Kinokassen entwickelt. Denn wer das vom Trailer beworbene SciFi-Spektakel „Ryan Gosling und Harrison Ford gegen Jared Letos Replikantenarmee“ erwartet, wird böse enttäuscht werden. BLADE RUNNER 2049 ist ein komplett anderer Film. Letztlich löst er das ein, was GHOST IN THE SHELL vor einem halben Jahr versprochen hatte: Es ist ein kontemplativer Mysterythriller, ein visuell atemberaubender Science Fiction-Film für Erwachsene von innerer Spannung, der tief unter die Oberfläche dringt und sich ernsthaft mit Themen wie Humanität, Identität und Erinnerung auseinandersetzt.
So kann, so sollte zeitgemäße Science Fiction aussehen.
Wer sich auf den Film einstimmen will, sollte sich die drei Kurzfilme ansehen, die die Handlung zwischen 2019 und 2049 überbrücken.