Review

Ein filmischer Traum

Ein jeder Mensch versucht seinem Leben einen Sinn zu
verleihen. Egal wie individuell unterschiedlich er seinen Lebenssinn erreichen will, so bleibt doch die "Lust" oder gar der „Zwang" danach immer Grundlage seines Handelns. Doch was ist, wenn dieser Sinn nicht erreicht wird oder gar gewollt negiert wird? Dann so würden Existenzphilosophen argumentieren, nimmt die eigene Abstraktion des Lebensentwurfes Form an. Erst dann wird die Freiheit des menschlichen Seins wirklich offenbart. Vielleicht sind dann auch einfach alle „Momente verloren, wie...Tränen...im Regen..." - Vielleicht ist dies auch gar nicht wichtig...

Das sich solche Fragen in cinematologischen Exkursen und philosophischen Denkerrunden einer neuen Beliebtheit gegenübersehen, ist nicht zuletzt ein Verdienst des „alten" Blade Runners.

Auch was filmische Einflüsse anbelangt, konnte Ridley Scott mit Blade Runner von 1982 eine dystopische Zukunft zum ersten Mal so authentisch und revolutionär im Design auf die Leinwand bringen, wie es nach ihm und ich behaupte vor ihm, noch Niemanden gelungen ist. - Cyberpunk wart geboren!

Dabei darf man natürlich jegliche Referenzen zu Fritz Langs Klassiker „Metropolis" nicht außer Acht lassen. Die sich in zahlreichen architektonischen Totalaufnahmen dem Zuschauer deutlich und stilbildend präsentieren.

Alleine diese sehr kurz gehaltene Wirkmacht des 80er-Cyberpunk-Klassikers, dürfte verdeutlichen, das Villeneuve vielleicht dem Größenwahn verfallen ist, wie soll man etwas bereits so perfektes, noch perfekter machen?

Die Antwort heißt: Blade Runner 2049 drehen!

Der Traum

Denis Villeneuve hat sich nicht nur an dem Vorgänger orientiert, er hat ihn verwandelt, neuzusammengesetzt und wieder zerschlagen. Nichts in diesen Film ist einfach, nichts kompliziert und nichts zu kraftvoll. Opulenz, Macht, Action, Gewalt, Trauer - Kann dies wirklich Ruhig sein? Es kann! Jedes Set in Blade Runner 2049 wirkt wie ein Traum, ein Blick in eine Welt die gleichzeitig verstörend, aber auch wunderschön ist. Die Atmosphäre ist unglaublich dicht und verführend, dass sobald man das Kino verlässt, nicht ganz sicher ist, ob man wieder in die Realität zurückgefunden hat.

Ein meisterhafter Score

Musikalisch bietet Hans Zimmer, sehr wohl unerwartet, eine Verbeugung nach der Anderen an Vangelis. Der griechische Komponist der mit Sounds wie "Chariots of Fire" und "Conquest of Paradise" ohnehin sehr markante Werke produzierte. Konnte mit Blade Runner etwas ganz Neuartiges vollbringen. Unverwechselbar sind seine Themen „Rachel's Song" und „Main Title From: Blade Runner". Alleine dies würde jeden Komponisten vor riesigen Hürden stellen. Nicht so Hans Zimmer, mit seinem Co-Komponisten Benjamin Wallfish ist es ihm gelungen den „alten" Sound neuzuarangieren und zu erweitern. Vielleicht eines seiner besten Werke und das darf beim Portfolio eines Hans Zimmers sehr wohl auch bezweifelt werden.

Die Stärke des Minimalismus

Bilder sind deutlicher als Dialoge, diese einfache und bisweilen oft ausgereizte Form der Darstellung, setzt regelmäßig die schauspielerische Leistung eines Darstellers vor Herausforderungen. Ryan Gosling der im Film „Drive" bereits gekonnt bewiesen hatte, dass er auch ein Stummfilm-Star sein könnte. Fährt in Blade Runner zu noch ungeahnten Leistungshöhen auf. Er beweist, dass minimalistische Darstellung, dosiertes feinfühliges auftreten gewaltiger und überraschender sein kann, als große Emotionen. Hierbei darf eine Kritik an Fassbender nicht fehlen, der diese Tragweite in seinen „Androiden"-Rollen nie erreicht. Gosling reißt mit und fasziniert zugleich. Man fühlt sich an Robinson Crusoe erinnert, nur ist dieser ganz alleine auf einer Insel. Gosling immerhin befindet sich im Zentrum von LA...
Kurz gesagt die Welt des Cyberpunks wurde selten in einer Person so gut verkörpert, wie in Ryan Gosling's Rolle des Blade Runners "K".

Doch auch er bleibt mit dieser starken Leistung nicht alleine. Ich gebe zu, dass ich Harrison Ford nicht mehr so schätze. Doch Villeneuve hat ihm den Raum gegeben, welchen Ford wohl seit langem wieder suchte. Er ist nahezu perfekt! Alleine für seine zweite besonders charakterstrake Darstellung von Rick Deckert hat er den Oscar für die Beste Nebenrolle verdient! - Mehr ist nicht zu sagen.

Auch der Rest des gesamten Cast, allen voran Robin Wright (Claire Underwood, House of Cards), Jared Leto (Rayon, Dallas Buyers Club) und Ana de Armas (Bell, Knock, Knock) beweisen größtes Geschick und Talent.

Was ist Menschlichkeit...?

Ist die Erinnerung an uns - wirklich wichtig? Ist es entscheidend, ob wir da waren? Oder sollten wir einfach Leben und es so tun wie wir es wollen? Warum verurteilen wir Andere und für was? Alle diese Fragen sind Teil des Films und auch nicht! Niemals gibt es eine Antwort, niemals eine ausgesprochene Frage, doch es sind diese Eindrücke die den Zuschauer beschäftigen können. Man muss sich im Klaren sein, Blade Runner 2049 wühlt auf. Er verlangt Mithilfe, Konzentration und vielleicht ein wenig Einkehr in einem Selbst. Doch eins ist sicher, er gewährt wieder einmal einen kleinen Blick zu den Tannhäuser-Toren.... -Der bisher wichtigste Film dieses Jahrzehnts!

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