Ich erinnere mich, also bin ich
Einst schufen die Menschen eine Lebensart nach ihrem eigenen Abbild: die Replikanten. Seither sind diese synthetischen Personen dazu verdammt, als Sklaven zu dienen. Doch nun, im Jahre 2049, droht ein Aufstand. Die Replikanten wollen ihr Recht auf Gleichberechtigung einfordern – wenn es sein muss, mit Gewalt. In dieser erhitzten Situation stösst der Ordnungshüter K (Ryan Gosling) auf ein sonderbares Wunder, das die alte Ordnung über den Haufen zu werfen droht. Und seine Vorgesetzte Joshi (Robin Wright) setzt ihn auf den mysteriösen Fall an.
K ist selbst ein Replikant; allerdings ein neues Modell, das der Regierung unterstellt ist. Immer tiefer gerät er in den Sog seiner Vergangenheit, was seinen Gehorsam lockert. „Könnte es sein, dass doch nicht alles an mir künstlich ist?“, fragt er sich. „Dass es einen echten Kern in mir gibt?“ So begibt sich K auf die Suche nach seiner eigenen Erinnerung. Und macht sich dabei mächtige Feinde …
1982 drehte Ridley Scott einen Meilenstein des Science-Fiction-Genres: Blade Runner. Der Film bestach vor allem durch seinen Stil; gleichzeitig meditativ und dreckig, behände und spannungsvoll. Das Script drehte sich um die Frage, was einen Menschen überhaupt ausmacht. Dabei gaben die Replikanten eine spannende Kontrastfolie ab. Blade Runner ist eine Mischung aus Film Noir und Philosophie-Phantastik à la Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey. Seinen Rang als Klassiker hat sich der Film redlich verdient, wenn er seinen Tiefsinn auch eher behauptet, als tatsächlich belegt.
Und jetzt, stolze 35 Jahre später, kommt Blade Runner 2049 ins Kino. Rund 150 Millionen US-Dollar soll das Prestige-Projekt gekostet haben, und mit Denis Villeneuve (Arrival, Sicario) wurde ein Regisseur verpflichtet, der bereits bewiesen hat, dass er tiefgründige Science-Fiction drehen kann. Man durfte im Vorfeld also vorsichtig optimistisch sein. Die Trailer versprachen stilvolle, atmosphärische Sci-Fi-Action. Doch Blade Runner 2049 ist viel mehr als das. Er ist nichts weniger als der bisher beste Film des Jahres; ein Meisterwerk des modernen Hollywood-Kinos. Villeneuve erinnert uns an die alten Tugenden des Blockbusters und umschifft gekonnt dessen schlimmsten Sünden: Blade Runner 2049 ist opulent statt grossspurig, nachdenklich statt besserwisserisch und gefühlvoll statt kitschig.
Die Einstellungen, die uns Kameramann Roger Deakins vorsetzt, machen sprachlos. Sie sind bis ins Letzte durchkomponiert, von einer kühlen, messerscharfen Erhabenheit, die einen nicht selten frösteln lässt. Auffällig ist der Mut zur Leere: Oft verschluckt absolute Dunkelheit ein Grossteil des Bildes, oder glatte Flächen lassen unsere Blicke ausrutschen. Dann wieder gibt es Szenen, die völlig überwuchert sind mit Details; etwa eine riesige Müllhalde, oder ein gerammelt volles Waisenhaus. Oft wird davon gesprochen, ein Regisseur hätte eine „Vision“. In den meisten Fällen ist dieser Begriff zu hoch gegriffen; hier passt er so gut wie selten. Denis Villeneuve hat tatsächlich eine Vision. Und er zieht sie kühn und konsequent durch.
Der Soundtrack von Hans Zimmer (Pirates of the Caribbean) und Benjamin Wallfisch (It) ergänzt die Optik mit einem sphärischen Elektro-Klangteppich, der mit Dissonanzen und Störungen verunsichert, aber immer auch die nötige Wucht mitbringt. Wie schon das Filmposter deutlich macht, spielt Villeneuve mit krassen Farbkontrasten. Die erste Hälfte des Filmes ist kränklich blau, der zweite giftig orange. Dazwischen gibt es mehrere Nuancen, jede Episode scheint ihren eigenen Farb-Code zu tragen. Der Stil ist klar inspiriert vom Original, bleibt aber immer eigenständig.
Auch das Script von Hampton Fancher (Blade Runner) und Michael Green (Alien: Covenant) überzeugt auf ganzer Linie. Es spinnt die Themen des Vorgängers weiter, macht sie komplexer und emotionaler. Die Fortsetzung beschäftigt sich wiederum mit philosophischen Fragen, flüchtet sich aber weniger in schwammige Symbolik, als das Original. Wenn Symbole vorkommen, dann sind sie immer griffig. Man denke etwa an den abgestorbenen Baum, das Holzpferd aus Ks Erinnerung, oder an den zotteligen Hund. Sie wecken allerlei Assoziationen, haben aber einen klaren Platz in der Story, ohne eine Meta-Ebene zu forcieren. (Anders als etwa das Einhorn im Original.) Insofern wirkt der Plot organischer. Er wird getragen von menschlichen Sehnsüchten.
Die vielleicht grösste Stärke des Drehbuchs ist die Tatsache, dass es die Zuschauer nicht für dumm verkauft. Ach so verwirrliche Verwicklungen und sich überschlagene Ereignisse suchen wir vergeblich. Die Geschichte muss sich nicht hinter erzählerischen Taschenspielertricks verstecken. Villeneuve gibt den Themen genug Raum, um sich zu entfalten. Die letztlich unwichtigen Informationen im Bezug auf die Frage „Was bisher geschah“ lagerte Warner Bros. folgerichtig auf Youtube-Kurzfilme aus. Das Tempo von Blade Runner 2049 ist gemächlich, hypnotisch. Die Action ist spärlich, aber intensiv. Jede Szene trieft nur so vor Ausdruckskraft. Nun, was sind eigentlich die Themen? Das Hauptmotiv ist sicherlich die Erinnerung. K jagt seiner eigenen Vergangenheit nach, um sich selbst als Subjekt zu legitimieren. Mit einem ähnlichen Problem beschäftigte sich dieses Jahr auch das Remake zu Ghost in the Shell, wenn auch deutlich weniger ausgeklügelt. Bei Villeneuve erhält die Erinnerungsfrage ein existentielles Gewicht, das zu Herzen geht.
Ein zweites Themenfeld dreht sich um die Liebe. In diesem Punkt scheint sich Villeneuve stark an Spike Jonzes Her (2013) orientiert zu haben. Während es dort noch um die Frage ging, ob man eine KI lieben kann, bejaht Blade Runner 2049 diese Frage bereits. Ks Geliebte Joi (Ana de Armas) ist eine künstliche Persönlichkeit mit holografischem Erscheinungsbild. Das wirkt zunächst irritierend, wird aber im Verlaufe der Geschichte immer selbstverständlicher, bis uns Joi als vollwertige Persönlichkeit entgegen tritt. Die Interaktionen zwischen K und Joi gehören zu den verstörendsten und dramatischsten des Filmes. Überhaupt ist Blade Runner 2049 ein verblüffend berührender Film. Die verzweifelte Sinnsuche von K nimmt so viel Raum ein, dass man bisweilen fast vergisst, überhaupt einen Science-Fiction-Film zu schauen. Die Geschichte ist letztlich gar nicht abhängig von all den technischen Spielereien, sie funktioniert eigenständig als Drama.
Die Schauspieler agieren durch die Bank fantastisch. Hauptdarsteller Ryan Gosling (Drive) geht wunderbar subtil zu Werke. Der Replikanten-Officer K wirkt abgebrüht, und doch erkennt man sofort die sehnsüchtige Einsamkeit hinter der Fassade. Harrison Ford (Star Wars) kehrt zurück als Rick Deckard und ist grandios: ruppig, müde, desillusioniert. Ana de Armas (Hands of Stone) gibt eine herzliche Performance KI Joi, und Sylvia Hoeks (La migliore offerta) als Luv dürfte eine der gruseligsten weiblichen Bösewichte der letzten Jahre sein. Jared Leto (Requiem for a Dream) darf in seiner Rolle als verrückter Firmenchef Niander Wallace ohne Ende pseudo-philosophisches Gebrabbel vom Stapel lassen. Einzig Robin Wright (The Princess Bride) wirkt etwas steif, was aber vielleicht ihrer Rolle als strenge Vermittlerin geschuldet ist. Der heimliche Star des Filmes ist allerdings die Schweizerin Carla Juri (Feuchtgebiete); ihr kurzer Auftritt als Erinnerungsmacherin Dr. Ana Stelline ist atemberaubend. Umwerfend, wie viel Tiefe, Leben und Gefühl Juri in eine einzige Szene haucht. Sie hat eine wahnsinnige Präsenz.
Blade Runner 2049 dauert 164 Minuten, verlangt also viel Sitzleder. Aber ich will verdammt sein, wenn nicht jede einzelne Minute filmische Poesie ist. Denis Villeneuves Fortsetzung schlägt das Original von Ridley Scott um Längen. Der neue Blade Runner ist aufwühlend, spektakulär, gedankenvoll; wagemutig in seiner Grösse und Persönlichkeit. Das Blockbuster-Kino beweist hier eindrücklich, zu welchen ästhetischen Höhen es sich aufschwingen könnte, wenn es denn nur wollte. An der Kinokasse mag Blade Runner 2049 derzeit enttäuschen, aber die Filmgeschichte wird dieses Werk garantiert nicht vergessen. Eine langfristige Wertanlage, sozusagen.
10/10