35 Jahre nach dem ersten Teil kam man auf die Idee, einen der einflußreichsten und umstrittensten (weil sperrigsten) intellektuellen Sci-fi-Filme, an die sich Hollywood in Gewand eines Blockbusters wagen durfte - und semi-scheiterte - fortzusetzen. Der damalige Regisseur gab hierfür nicht nur seinen Segen sondern forcierte das Projekt sogar, nur dass es diesmal nicht unter der Regie eines gewissen Ridley Scott stattfinden sollte, sondern eines Dennis Villeneuve.
Und damit macht man schonmal eine ganze Menge richtig, denn Villeneuve ist einerseits einer, der intellektuelle "Mindfuck"-Movies beherrscht (Enemy), gleichzeitig abder auch High-Concept Sci-Fi mühelos meistert (Arrival), das mit dreckigem Realismus (Sicario) paaren kann und so mal ganz nebenbei nervenzerfetzenden Thrill mit moralischer Untermalung (Prisoners) abdecken kann. Ein Tausendsassa, für den es sozusagen höchste Zeit war, ein Prestigeobjekt zu stemmen. Dass er da anstatt Star Wars, Star Trek, Jurassic Parc eben Blade Runner angeboten bekommt, ist ein zusätzliches Zeichen dafür, dass sich die Produzenten was bei gedacht haben. Denn im Gegensatz zu eben genannten Reihen ist Blade Runner eben eher das Hollywoodäquivalent zu solchen Perlen wie dem Original Solaris oder Stalker: Ein extrem sperriger Film, der mit mehr Ideen aufwartet als sonst ein ganzes Semester Philosophie. Das Problem, das Blade Runner hatte, nur um kurz darauf noch einzugehen (schließlich handelt es sich hier um die Besprechung der Fortsetzung), war einfach Ridley Scott gewesen, der zwar alle Ideen in dem Film auch irgendwie nennt und/oder streift, den überberstenden Film aber nie unter Kontrolle bekommt, selbst nach zig Schnittfassungen, die den Film nun schon sehr nah an sehr gut bringen, hat der Film vorne und hinten mit solch massiven Problemen zu kämpfen, dass ich nach Jahren dem Film subjektib betrachtet nach wie vor nur 5 Punkte geben kann, obwohl er objektiv wahrscheinlich eher in Richtung 9 Punkte gehen dürfte, doch dazu später mehr.
Blade Runner 2049 - künftig nur noch BR 2049 betitelt - macht nun genau da weiter, wo Blade Runner (künftig nur noch BR benannt) anfing: Er übernimmt alle Ideen des ersten Teils, formuliert gerade so aus, dass man sich die selben Fragen stellt, die man sich damals schon hätte stellen sollen, geht auf detailliertere Fragen ein, solche die in BR nur im Ansatz mit einem Mikroskop erkennbar gewesen sind, und beleuchtet das alles in formidabler Weise. Er gibt uns denselben, wenn nicht sogar mehr, Interpretationsraum und geht sogar so weit, die Aussage, die BR (der Final Cut) einem sozusagen aufdrängt, nur als eine Interpretationsmöglichkeit anzusehen. Desweiteren greift der Film zig Ideen auf, die sich seit 1982 in dystopischen Zukunftsverfilmungen mit Androiden-Einschlag tummeln (sei es Battlestar Galactica, die Serie, Ghost in the Shell, Equilibrium, Matrix etc.) und vermengt sie zu einem großen Ganzen. Dafür nimmt er sich extrem viel Zeit und stopft den Zuschauer regelrecht mit Informationen voll.
Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass der Film knapp 3 Stunden an Handlung (tatsächlich HANDLUNG, nicht nur Laufzeit, was in der heutigen Zeit bei Blockbustern nicht immer gegeben ist) vorweisen kann. Das ist nicht immer zeitgemäß und manch ein Zuschauer wird sich gelangweilt fühlen. Das ist aber eher ein Zeichen unserer Zeit als eine Aussage zur Qualität des Films. Ich erwische mich schließlich selbst auch immer wieder bei Filmen, die ich früher gerne geschaut habe, weil sie sich die Zeit für World Building nehmen, bis es ans Eingemachte geht, dass ich mich frage, warum das denn so lange geht...
Aber gerade dieses aus der Zeitfallen der Inszenierung macht BR 2049 prinzipiell zeitlos.Inszentarorisch macht BR 2049 von der ersten Minute an klar, dass er sich nicht sklavisch nach dem Original richten wird, sondern sein eigenes Ding macht, dabei aber den Geist des Originals einatmet. Dies resultiert in einer überragenden Kameraführung (wie im Original), einem genialen Schnitt (ähnlich dem original), einer sensationellen Ausstattung (ähnlich dem Original), und einem Hammerscore (ähnlich dem Original). Abweichungen finden sich darin, dass die akkustische Untermalung sowie die optische Aufbereitung nie die Penetranz des Originals erreicht, was Segen und Fluch gleichzeitig ist, da das im Original ja gewolltes Stilmittel war.
Grundsätzlich erzählt BR 2049 zu keinem Zeitpunkt (wenn man sich ein bißchen in den letzten Jahren mit dem Thema filmisch und serientechnisch auseinander gesetzt hat) etwas neues oder überraschendes, aber er macht das mit solch einer Klasse, Tragik, Zugänglichkeit, dass einem vor lauter Ehrfurcht die Spucke fast weg bleibt.Unterstützt wird diese Ensemble-Großleistung vom grandios aufspielenden Cast (Harrison Ford liefert eine der besten Leistungen seiner zuletzt doch sehr müde wirkenden Performances und es wirkt fast so, als wolle er mit aller Macht, SEINE Interpretation der Rolle gegen alle vorliegenden "Beweise" behaupten), wenn es eine Schwachstelle gibt, dann am Ehesten Jared Leto, der ganz klar für eventuelle Fortsetzungen positioniert wird, der so schwammig wie fast schon zur Grenze der Karikatur gezeichnet wird. Im Prinzip kann man wirklich mehr aus dieser Rolle rausholen, aber in BR 2049 ist aber seine Attitüde fast schon störend.
Ansonsten gibt es fast nichts zu meckern, alle möglichen Kritikpunkte kann man wohlwollend als Stilelement deklarieren (Schnee in L.A.?).Um es wirklich kurz zu machen: BR 2049 ist ein Ereignis, das man gefälligst im Kino geniessen sollte. Er ist fast perfekt, zeitlos gut, und er vollbringt das seltene Kunststück, den ersten Teil zu vervollkommnen und deutlich besser dastehen zu lassen, als es das von alleine tat. BR 2049 ist eine der besten Fortsetzungen aller Zeiten, und es ist Stand Mitte Oktober 2017 wirklich schade, dass der Film anscheinend trotz überragender Kritiken auf allen Seiten sein Publikum einfach nicht zu finden scheint. Andererseits ein Franchise zu Blade Runner? Würde bedeuten, dass evtl. irgendwelche Talentlegasteniker sich dieses Universums annehmen würden. Und das will wirklich keiner. So haben wir einen fast perfekten kleinen großen Film.
10 Punkte