Review

Verlinkt und zugenäht

„Die Welt ist gebaut auf einer Mauer, die die Arten trennt!“

Sehr, sehr lange hatte man auf eine Fortsetzung Ridley Scotts kongenialer Future-noir-Verfilmung des Philip-K.-Dick-Romans „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“, „Blade Runner“ aus dem Jahre 1982, warten müssen. Es dauerte bis ins Jahr 2017, bis, begleitet von ein paar Kurzfilmen, Denis Villeneuves („Sicario“) in britisch-US-amerikanisch-kanadisch-ungarischer Koproduktion entstandener „Blade Runner 2049“ erschien. Diese erfordert mit gut 160 Minuten Laufzeit ein gutes Sitzfleisch.

„Ich habe noch nie etwas in den Ruhestand versetzt, das geboren wurde...“

30 Jahre, nachdem sich Replikantenjäger Deckard (Harrison Ford) mit Replikantin Rachael (Sean Young) abgesetzt hatte, spürt der Replikant einer neueren Generation, L.A.P.D. Officer „K“ (Ryan Gosling, „The Big Short“), den älteren Modellen nach, um diese „in den Ruhestand zu versetzen“. Dabei erfährt er eines Tages, dass irgendwo ein Kind einer Replikantin existieren soll – das gemeinsame Kind Deckards und Rachaels. Wer ist dieses Kind?

„Noch nie gesehen, einen Baum!“

Texttafeln zu Beginn erläutern knapp, was bisher geschah. Die Welt ist noch mehr am Arsch als zuvor, doch die alten Leuchtreklamen von Coca-Cola und Atari strahlen ihren Neonglanz noch immer in den Nachthimmel (Respekt, Atari!). Hampton Fanchers und Michael Greens Drehbuch führt neue Figuren ein, die Villeneuve mit Leben füllt – von Blade Runner K über die Erinnerungsprogrammiererin Dr. Ana Stelline (Carla Juri, „Feuchtgebiete“) bis zum Hologramm Joi (Ana de Armas, „Exposed – Blutige Offenbarung“), die zum feuchten Traum vieler Sci-Fi-Nerds geworden sein dürfte (und sich in einer vermutlich ein wenig von „Her“ inspirierten bizarren Dreier-Präsexszene verlustieren darf). Sie stammt von der Wallace Corporation und hat ein Datenschutzproblem – welch schöne Parallele zu massenhaft verbreiteten Konzernwanzen à la „Alexa“ und Konsorten.

„Manchmal muss man, um jemanden zu lieben, ein Fremder sein!“

Leider befindet sich zumindest in der von mir gesehenen deutschen Synchronfassung ziemlich lange dermaßen viel Hall auf den Stimmen, dass die Dialoge schwer verständlich sind – und da „Blade Runner 2049“ stärker auf Dialoge denn auf Action setzt, zerrt das schon sehr an den Nerven. Zudem ist der Film vor dem Hintergrund Komponist Hans Zimmers kreativer Geräuschkulisse im Zeitlupentempo erzählt und auf Hyperlänge aufgeblasen, kurz: herausforderndes, etwas anstrengendes Opulenzkino. Das Schöne dabei: Er sieht wirklich klasse aus. Das muss er auch, denn die Dystopie des Vorgängers war gerade auch eine visuelle. Mit seinen Fragen danach, was das Menschsein ausmacht, wie menschlich künstliche Intelligenz sein kann und ob diese nicht evtl. gar humaner und/oder besser als der Mensch sein kann, trifft „Blade Runner 2049“ dann auch den Ton des Vorgängers, wobei er die Aspekte persönlicher Identität und möglicherweise trügerischer Erinnerungen ihm gegenüber sogar vertieft. Mit einer sich immer interessanter zuspitzenden Handlung nimmt er nach und nach gefangen, um mit einer deftigen Wendung gegen Ende zu überraschen. Vorher gab sich noch Harrison Ford in seiner Rolle als Deckard ein Stelldichein.

Ich kann „Blade Runner 2049“ als Erweiterung des „Blade Runner“-Universums akzeptieren, wenn es auch schade ist, dass er quasi die Frage beantwortet, ob Deckard ein Replikant ist oder nicht. Es handelt sich zweifelsohne um einen überaus gelungenen Science-Fiction-Film, auf dessen Manierismen und Erzähltempo man sich aber einlassen können muss – und der an die Magie des Originals nicht heranreicht.

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