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Die neue chinesische Filmlandschaft und vor allem ihre Größenveränderung in letzter Zeit ist für Jemand wie John Woo Fluch und Segen zugleich. Zwar sind mittlerweile die Gelder auch für die Finanzierung seiner in den zurückliegenden Jahren vor allem auch kostenintensiven Arbeiten vorhanden und/oder der Einsatz der Trick- und Effekttechnik auf dem Stand der Dinge, der eine halbwegs solide aussehende Umsetzung seiner Wünsche garantiert. Aber ist Woo, Jahrgang '46, abseits von seinem nun mittlerweile schon höheren Alter auch nicht mehr in der Lage, seine Forderungen in der Aktualität zu diktieren, bzw. durch auch die Vielfalt und Vielzahl einheimischer Regisseure (wie bspw. den neuen Liebling Dante Lam) nicht mehr der König allein auf dem Regiestuhl, sondern bloß Einer von Vielen, und Einer von Denen, die trotz der Prominenz aus der Vergangenheit auch liefern müssen und bei ausbleibender Rentabilität schon aufgrund auch der eben höheren Kosten seiner Produktionen vor den Finanziers strammstehen.

Funktioniert hat das Vorhaben noch bei Red Cliff, das als Mammut- und Prestigeprojekt sowohl im chinesischen Mutterland als auch international für Furore und Aufsehen und eben auch Lobpreisungen von Publikum und Kritikern sorgte, und gescheitert ist es schon beim folgenden Zweiteiler The Crossing, welcher bei den Zuschauern gnadenlos unterging und im Vergleich zu dem Vorgänger auch grundsätzlich und wie komplett ignoriert. Nicht das erste finanzielle Debakel für den damit schon erfahrenen Woo, der nun wie damals auch bei Bullet in the Head das scheinbar einzige Richtige macht und eine Performance weniger für sich, als vielmehr rein für die zahlende Kundschaft, wie zur Rehabilitation seiner selbst hinlegt. Wo es dort die Caper Comedy Once a Thief als bunt-flotter Neujahrsfilm mit Starbesetzung, viel Leichtigkeit und europäischen Schauplätzen war, ist es nun der Action-/Polizeithriller Manhunt, welcher scheinbar direkt auf die Anforderungen und Bedürfnisse der Meute da draußen ausgerichtet ist und den Weg zum Box Office Erfolg ebnen soll; wobei die Voraussetzungen auf dem Papier auch sicherlich alle stimmten, die Kinogänger gerade im nun so wichtigen China (und in Japan und Südkorea) aber nicht ansprangen und Woo und seine Mannen nun erneut ein kommerzielles Desaster und eventuell damit den vorzeitigen Nagel zum Sarg seiner stockenden Karriere (als Großmeister der Schusswechel) fabrizierten:

Die gleichzeitige Firmen- und Familienfeier seines bisherigen Arbeitgebers Tenjin Pharmaceuticals., eines Chemie-Großkonzerns, bei der die Übertragung des bislang Inhabergeführten vom Vater Yoshihiro Sakai [ Jun Kunimura ] auf den Sohn Hiroshi Sakai [ Hiroyuki Ikeuchi ] offiziell übergeht, hat der Anwalt Du Qiu [ Zhang Hanyu ] noch auf freien Fuss erlebt. Zwar wollte er sowieso aus dem Dienstverhältnis ausscheiden und in ein anderes Land gehen, dass er am nächsten Morgen neben der Leiche einer 'Bettbekanntschaft' aufwacht und noch am Tatort wegen 'Widerstand gegen die Staatsgewalt' und 'akuter Fluchtgefahr' vom korrupten Polizisten Mamoru Ito [ Naoto Takenaka ] erschossen werden soll, stand nicht auf seinem Plan. Du Qiu flieht angesichts der Verschwörung mit Todesgefahr tatsächlich, den koscheren Cop Detective Satoshi Yamura [ Masaharu Fukuyama ] und seine Assistentin Rika [ Nanami Sakuraba ] sowie die extra entsandten Attentäter Rain [ Ha Ji-won ] und Dawn [ Angeles Woo ]  auf seinen Fersen. Und die einzige mögliche, aber unwillige Zeugin Mayumi [ Qi Wei ] hat er auch dabei.

Dabei wurde schon in der Ankündigung eine Rückkehr zu den Wurzeln versprochen, nicht nur mit der Neuverfilmung des (in Asien) populären Manhunt (1976) a.ka. Hot Pursuit a.k.a Dangerous Chase, basierend auf Juko Nishimuras "Kimi yo Fundo no Kawa o Watare", eine zeitgenössische Adaption für die nächste Generation, sondern dies auch mit den Mitteln des a) modernen Spektakelkinos und b) der Methodik der auf seine Art und Weise speziellen Choreographie und Montage der Actionszenen angestrebt. Quasi ein Rundumschlag sowohl für die Liebhaber der nunmehr verwaisten Heroic Bloodshed Gattung als auch für die Nachwachsenden, denen die Klassiker von vor einem Vierteljahrhundert und mehr eher egal sind, sich aber für das Hier und Jetzt und das insgesamt erstarkte Chinesische Kino interessieren. [Einen ähnlichen Versuch machte Ding Sheng mit dem 'Remake'/'Weiterführung A Better Tomorrow (4) und kurz zuvor Stephen Fung mit The Adventurers, der ausgerechnet das sowieso eher blasse Once a Thief als Vorbild nahm, noch anämischer herüber kam, aber als Einziges von der zahlenden Allgemeinheit akzeptiert.]

Die Geschichte selber erinnert den westlichen Zuschauer vor allem an Hitchcock oder die Generation weiter an die Kinofassung von The Fugitive; die Verfolgung eines Unschuldigen, der von allen Seiten bedroht wird und niemand mehr vertraut, aber auch gezwungen ist, die Flucht nach vorn anzutreten und sich selbst um die Aufklärung zu bemühen. Eine Erzählung, die altbewährt ist und man im Grunde immer sehen kann und einem auch immer wieder dargereicht wird, und auch nicht so schwer zu verstehen ist, als das hier groß Aufmerksamkeit darauf liegt. Woo, der mit Thrillern jetzt nicht wirklich arbeitet, macht das einzig Mögliche und konzentriert sich auf die Schnelligkeit des Vollzuges selber und dann auch weiterhin eher auf Bewegungskino allgemein, worin er sich auch noch als Fachmann mit selbst im Nachhinein interessant zu schauenden, da reizvoll bleibenden Choreographien auch unterschiedlicher Geschwindigkeiten, dem Forcieren, dem Akzentuieren, dem Poesieren und dem Einfangen diverser Blickwinkel darauf und darin erweist. Zum Glück auch, denn das, was hinter der ganzen Verschwörung steht ist im Grunde Murks und Kokolores und wird bei den meisten Zuschauern zu Recht auch Fragezeichen der Plausibilität oder schlimmer noch Gelächter und/oder Ablehnung der ganzen Synopsis auslösen.

Ausgehend davon, dass sich der Filmemacher selber – der hier übrigens erstmals seit langem wieder mit dem Autorenpaar Gordon Chan und Chan Hing-kar zusammen arbeitet, die u.a. verantwortlich für A Better Tomorrow waren und seitdem auch durchgehend aktiv im Hong Kong Filmgeschäft verwurzelt sind, – weniger für die narrativen Einzelheiten interessiert, und neben der Hommage an sein heißgeliebtes Original hier auch eine Art Best of seiner bisherigen Arbeiten fabriziert, sollte man eine weitergehende Rezeption der Geschichte selber meiden und ab dem letzten Drittel am besten den Film ganz ignorieren. Und sich bis dato getreu der Intention auf die Bilder, welche hier übrigens anfangs ungewohnt leicht und 'digital' gehalten sind konzentrieren. Die Gegend von und um Osaka als blühender Kontrast zu fast in schwarzweiß gehaltenen und in strengen Abschnitten und Linien aufgeteilten Büroszenen, dazu aufgrund der Verbindung von Cop und 'Mörder' und deren schnelle innere Verbundenheit trotz aller Vorbehalte und anfangs unterschiedlicher Interessen und Parteien und auch das Zusammenspiel mit der Frau in der Mitte als direkte Übernahme aus The Killer, sowie die typische Wooschen Manierismen, die sich natürlich längst in der Popkultur breitgemacht haben und mehr oder minder schon in der Parodie, nahe dran aber zumindest sind.

Anfangs funktioniert das noch recht gut, auch wenn das (wesentlich längere und ergiebige) Original nur von der Prämisse genutzt und sonst missachtet, die Bilder eben eher an seine zwei amerikanischen und amerikanisierten Piloten für die Fernsehsender erinnern und darstellerisch die ganz blasse Nummer mit zusätzlich viel Hilfestellung von Englisch zu Chinesisch und Japanisch und zurück über die Sprachbarrieren geboten wird. (Ursprünglich waren einmal Takeshi Kaneshiro und Andy Lau geplant, wobei v.a. der Erstere auch eindrücklicher als der nun genutzte Fukuyama ist, und der Zweite normalerweise mehr Zuschauer verspricht.) Der Einstieg mit einem Shootout im Teehaus ist flott und macht Hochgenuss durch sein sprichwörtliches Blutballet und  Freude auf Mehr,  eine Sniper- sowie anschließende Verfolgungssequenz auf Wasser ist wenigstens im Wechsel der Perspektiven und der räumlichen Zuordnung gut montiert. Herzstück ist eine in der Mitte nach mehreren kleinen Vorgeplänkel stattfindende Attacke auf ein Landhaus im freien Grün, in dem sich die Fliehenden für einen kurzen Moment versteckt haben und das nun aus vollen Rohren und von allen Seiten gestürmt wird: Berittene und maskierte Motorradkiller preschen durch die Fensterscheiben, werden noch in voller Fahrt oder auch im Flug von den Sitzen katapultiert, Horden an schießwütigen Attentätern mit einer gleichso bleihaltigen Antwort empfangen, blutig durchlöchert oder sich im eleganten, aber kurzen Schwertkampf bewegt.

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