„Mit Vollgas im Stau.“
Regisseur und Autor Dietrich Brüggemann („Heil“) debütierte mit dem 20. Fall der Stuttgarter Kripo-Ermittler Thorsten Lannert und Sebastian Bootz (Richy Müller und Felix Klare) innerhalb der öffentlich-rechtlichen „Tatort“-Fernsehkrimireihe: „Stau“ wurde Ende 2016 gedreht und am 2. Juni 2017 auf dem SWR-Sommerfestival uraufgeführt. Die TV-Erstausstrahlung erfolgte am 10. September 2017. Das Drehbuch, das wie eine Hommage an die deutsche Kultkomödie „Superstau“ (1991) anmutet, verfasste Brüggemann zusammen mit Daniel Bickermann.
„Deutlich sichtbarer Kratzer!“
In der Stuttgarter Wohnsiedlung Haigst wird die 14-jährige Gudrun von einem Auto überfahren und verstirbt kurz darauf elendig auf der Straße, der/die Verursacher(in) begeht Fahrerflucht. Der einzige mögliche Zeuge ist Luis (Lias Funck, „Tatort: Die Pfalz von oben“), der dreijährige Sohn der alleinerziehenden Sophie Kauert (Amelie Kiefer, „Nirgendwo“). Während Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) – eigentlich auf der Suche nach einem verschwundene Belastungszeugen in einem ganz anderen Fall – geduldig versucht, Informationen aus dem Jungen herauszubekommen, ermittelt Thorsten Lannert (Richy Müller) im Stau: Eine Baustelle muss den Flüchtigen direkt auf die Stuttgarter Weinsteige geleitet haben, wo aufgrund eines Wasserrohrbruchs gar nichts mehr geht…
„Wo bleiben die eigentlich alle?“ – „Die stehen im Stau.“
Eine schlimm schwäbelnde Erzieherin quatscht den Vater (Roland Bonjour, „Der letzte Mentsch“) des kleinen Noah voll, ein Mieter (Rüdiger Vogler, „Anatomie“) sucht Hilfe aufgrund einer Eigenbedarfskündigung, ein Pflegediensttransporter ist spät dran, Herr Treml (Daniel Nocke, „3 Zimmer/Küche/Bad“) wird im Personalgespräch kritisiert und lässt sich einen Paketbotendienst aufschwatzen, ein Paar (Julia Heinemann, „Die glückliche Familie“ und Eckhard Greiner, „Die letzte Sau“) streitet sich beim Einkaufen und eine gestresste junge Mutter (Susanne Wuest, „Ich seh, ich seh“) hat ihre neunmalkluge Tochter Miris (Anastasia Clara Zander, „Wir, Geiseln der SS“) abgeholt – Feierabend in Stuttgart, Feierabendverkehr auf Stuttgarts Straßen, alle sitzen sie in ihren Karossen und hören unterschiedliche Musik. Der Zusammenschnitt dieses Parallelmontage-Panoptikums bildet einen großartigen Einstieg in diesen ungewöhnlichen Whodunit?-„Tatort“.
„Wer nennt heute noch sein Kind Gudrun?!“
Eine etwaige anfängliche Sorge, dass es bei einer derart hohen Anzahl an Figuren und damit individuellen Geschichten schnell unübersichtlich werden würde, erweist sich als unbegründet. In urbaner Herbstabendatmosphäre lernt man das Ensemble nicht nur aufgrund Lannerts Befragungen nach und nach besser kennen – als Menschen, aber auch als Verdächtige und nicht zuletzt als Ausdruck deutscher Befindlichkeiten in der Stauhauptstadt Stuttgart. Durch einen beiläufigen Kommentar Lannerts avanciert der Angestellte Treml zum angestachelten Rebellen, der sich nichts mehr gefallen lassen will, der bemitleidenswerten Mutter mit ihrer supernervigen Tochter möchte man „Kondome schützen!“ zurufen, wenn man nicht gerade die Hände vor ihren einen Auffahrunfall im Stau verursachenden Fahrstil überm Kopf zusammenschlägt. Der Chauffeur (Jacob Matschenz, „3 Türken & ein Baby“) mit dauertelefonierender arroganter Geschäftsfrau (Sanam Afrashteh, „Tatort: Böser Boden“) auf dem Rücksitz, die ständig Spitzen gegen ihn abfeuert, macht das einzig Richtige und geht erst mal eine dampfen. Gut, dass ein Joint daraus wird, ist im Straßenverkehr wiederum weniger zu empfehlen, doch dazu hat ihn der Pflegedienstfahrer (Deniz Ekinci, „Heil“) verführt. Die Junggesellenabschiedstruppe ein paar Autos weiter ist hingegen gut am Zechen. Fehlt eigentlich nur Otti Fischer im Wohnmobil.
„Wenn ich am Fenster sitz‘, dann sitz‘ ich am Fenster!“
Der erste Verdacht wird auf den Raser Gerold Breidenbach gelenkt, der mit seiner Frau Marie-Luise eine ganz gruselige Beziehung führt, bei der wohl auch keine Paartherapie mehr hilft. Doch am Wagen der Geschäftsfrau klebt Blut, gegen zwei Staufahrer wurde in der Vergangenheit bereits wegen Kindesmissbrauchs ermittelt und zwischenzeitlich heißt es, das Opfer sei möglicherweise vergewaltigt und aus einem fahrenden Auto geworfen worden. Insgesamt kommen rund 200 Fahrzeuge in Betracht, Dashcams werden ausgewertet und mit roten Heringen um sich geworfen, um das Fernsehpublikum an der Nase herumzuführen. Das ist mitunter etwas zu viel des Guten, insbesondere, wenn sich plötzlich die Prämisse ändert und dann doch wieder nicht, wenn der Zeuge keiner mehr sein soll und wenn man das Gefühl bekommt, die Seniorin Frau Ott (Sabine Hahn, „Nägel mit Köppen“) trage außer einer Karikatur auf garstige Stuttgarter Spießbürgerinnen kaum etwas zur Handlung bei (starker Auftritt dennoch!). Der karikierende und auch mal sarkastische Humor steht diesem „Tatort“ jedoch meist recht gut zu Gesicht, und manchmal ist er sogar ganz harmlos, beispielsweise bei der niedlichen Ermittlungsarbeit mit dem Knirps.
„Fünf Wochen unfallfrei? Kompliment!“
Dann wieder zurück zu einem ernsteren Tonfall angesichts des tragischen Ereignisses zu finden ist eine Herausforderung, die Brüggemann unter anderem mittels Illustration einer immer angespannter werdenden Lage meistert: Uniformkasper versus Kripo und beide versus aufgebrachte „Wutbürger“, die die Situation zu eskalieren drohen. Die Kripo-Beamten bleiben indes betont ruhig und besonnen und bilden den Ruhepol dieses spannenden Falls, der letztlich, wenn überhaupt – das Ende gibt sich nicht 100%ig eindeutig – eben nur mit Einfühlungsvermögen gelöst werden kann. Dieses Plädoyer für Vernunft und Empathie ist begrüßenswert und wird von Richy Müller souverän vermittelt. Dass „Stau“ nicht am Originalschauplatz, sondern in einer nachgebauten Weinsteige gedreht wurde und man die realen Panoramen nachträglich per Computertechnik einfügte, ist mir nicht aufgefallen, wohl aber, dass nicht jede Nebenrolle mit ausgebildeten Schauspielern besetzt wurde. Das tut dem Sehvergnügen jedoch keinen Abbruch. Aber: Seit wann werden einem bereits seine Rechte wie bei einer Verhaftung verlesen, sobald auch nur ein Anfangsverdacht vorliegt? Da ging wohl die Fantasie in Bezug auf Polizeiarbeit mit den Autoren durch, denen es die meiste Zeit gelang, mehr oder weniger subtil unterschwellige Kritik am seltsamen Verhalten einzuweben, sich in mit vernünftigem ÖPNV ausgestatteten Städten in rollenden Blechhaufen durch die Innenstadt zu schieben und seine Zeit in Staus zu verschwenden.