Review

1.Staffel

New York 1972: Vincent und Frank Martino (Doppelrolle für James Franco) sind zwei ziemlich unterschiedliche Zwillingsbrüder: während Vincent sich als Familienvater und ehrlicher Geschäftsmann versucht und versteht, ist Frank der unseriöse, der sich mit Wetten und schrägen Jobs über Wasser zu versuchen hält.
Über Mafia-Umwege erhält Vincent das Angebot, eine ehemalige, heimliche Schwulenkneipe neu zu eröffnen und zu führen…und siehe da, der Laden läuft und Mafioso Rudy ist ziemlich beeindruckt von ihm und seinem Geschäftssinn. Zur gleichen Zeit boomt das Geschäft mit dem käuflichen Sex, in dem sich Candy (Maggie Gyllenhaal) als freiberufliche Nutte ohne Zuhälter durchzuschlagen versucht. Ganz anders als Lori (Emily Meade), frisch aus Minnesota, die direkt dem nächsten Superpimp C.C. in die Arme läuft und unter seine Fittiche genommen wird…
Und im Hintergrund werden Sexfilme immer erfolgreicher, die heimlich (und ohne Großaufnahmen von Geschlechtsteilen) in schmuddeligen Hinterzimmern oder Kinos an der 42. Straße (Spitzname: The Deuce) gezeigt werden. Und in dieses florierende Geschäft will auch die Mafia einsteigen und sie möchte, dass der zuverlässige Vincent auch dabei ist…

David Simon hat schon mit „The Wire“ eines der besten Gesellschaftsporträts aller Fernseh-Zeiten abgeliefert. Ging es dabei noch um die Macht der Drogen, so geht es in seiner neuen Serie „The Deuce“ um das Entstehen der erfolgreichen Sexindustrie nach Freigabe der Pornografie in den USA 1973. Er (und Ko-Autor George Pelecanos) entwerfen dabei das Sittenbild einer aus heutiger Sicht was nostalgischen Zeit, die man z.B. aus Blaxploitation-Filmen oder frühen Pornos wie „Deep Throat“ kennt. Mit jenem Film, der über Umwege von der Mafia produziert und vertrieben wurde, wurde Porno endgültig gesellschaftsfähig und ein weltweites Phänomen…und mit ihm endet auch die letzte Folge der ersten Staffel.

Wobei beide nie die Schattenseiten dieser Branche und der Zeit verschweigen: die Recht- und Schutzlosigkeit der Frauen, ihre Ausbeutung, die Gewalt der Zuhälter und der Mafia… aber eben auch die Hoffnungen der Figuren, es zu schaffen, sich zu behaupten und glücklich zu sein. Und dabei Pornografie bzw. Prostitution als ein legitimes Mittel zum Geldverdienen empfunden werden und Hauptfigur Candy sie sogar eher als Ausweg aus ihrer Prostitution sieht, um schließlich Filme-macherin werden zu können. Überhaupt sind die Frauenfiguren (besonders Candy und Lori) hochspannend, nicht klaglose Opfer, sondern starke und selbstbestimmte Frauen. Lori wirkt am Anfang wie ein naives Landei und doch merkt man schnell, wie sie ihren Pimp durchschaut und wie abhängig er von ihr wird.
Das Klischee von der hübschen Nutte mit dem goldenen Herzen (hallo, Pretty Woman!), die nur auf ihren Sugardaddy wartet, umschifft "The Deuce" zum Glück auch.

Die Ausstattung ist eine Augenweide, voller wunderbarer Details und Entdeckungen, die Musik ist großartig (allein schon der Titelsong von Curtis Mayfield!) und die Schauspieler sind erste Klasse. James Franco als unterschiedliches Zwillingspaar (man sieht es allein schon an den Klamotten) hat mir hervorragend gefallen, ebenso Maggie Gyllenhaal und Margarita Levieva und Emily Meade. Voyeuristisch ist die Serie nicht, trotz viel nackter Haut, dafür ist sie zu düster und das Milieu oft genug zu bitter.
HBO hat bereits eine zweite Staffel bestellt, was mich sehr freut, denn für mich ist „The Deuce“ (okay, ich liebe Filme, die im New York der Siebziger spielen) eine der überragendsten Serien der letzten Jahre.

9,5/10.

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