Man sieht den Grusel vor lauter Bäumen... nicht?
"The Ritual" ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der positiven Seite kann er einem echt Angst einjagen. Höchst effektiv sind darin die ersten 45 Minuten. Wie eine maskuline Mischung aus "The Descent", "Deliverance" und "Kill List". Mysteriös und brodelnd. Wirklich vielversprechend. Leider stürzt der Film umso mehr er von sich preisgibt immer mehr ab. Nicht in den Keller, doch weg von den richtig starken Beiträgen seiner Art. Dass sich Netflix einen feinen Grusler geschnappt hat, steht jedoch trotzdem fest. Es geht um eine Männergruppe auf Wanderschaft. Und als ob den Herren das Genre des Horrorfilm ein Fremdwort wäre, nehmen sie eine unsichere Abkürzung durch den dichten Wald... den Rest kann man sich denken. Oder auch nicht. Denn "The Ritual" peppt seine generische Ausgangslage durchaus sehenswert auf. Mit brisanten Schuldfragen und Rissen in einer eingeschworen Männertruppe.
Natürlich kommen neben den genannten Klassikern noch Gedanken an "Blair Witch" oder auch "The Witch" auf. Nur welcher Film in diesem Genre kopiert nicht das ein oder andere Motiv? Genau, heutzutage wohl keiner mehr. "The Ritual" ist ein Okkult-Schocker, der fabelhaft aussieht, sich durch glaubhafte Männerfreundschaften festigt und sich mit einer unterirdisch kribbelnden Unruhe hinter dich tellt. Den Horror im Rücken sozusagen. Immer wenn man sich umdreht, ist er weg. Aber man spürt ihn. Da ist was. Nur was? Diese versteckte Angst können nur die besten Vertreter ihrer Art wecken. Wozu mit Sicherheit die psychologischen Fragen nach Feigheit und dem Drang wegzulaufen ihren Teil beitragen. Warum steigt "The Ritual" dann trotz all dem Lob nicht in die Liga der modernen Classics ala "The House of the Devil" oder "It Follows" auf? Tja, das weiß denke ich nach den letzten 30 Minuten jeder. Denn hier wird meiner Meinung nach Vieles mit dem Hinterteil eines Monsterelches (!?) eingerissen, was vorher gekonnt und mühsam aufgebaut wurde. Da möchte man am Ende im Sessel ähnlich laut schreien wie der Überlebende. Da war mehr drin.
Fazit: die erste Hälfte ist herausragend, voller Atmosphäre, wuchernden Konflikten und unterschwelligem Horror, Schuld, Angst und verlorenem Mut. Die zweite Hälfte verlässt dann den Pfad des Understatement und wirkt nur noch halb so beunruhigend und erschreckend. Sehr solides Spannungskino bleibt dennoch. Oder ist es dank dem Streaming gar kein Kino mehr?