„Rapp-ort zum Feierabend"
Tja, der Film ist halt „generisch". Dieses nichtssagende, pauschalierende, feuilletonistische Mode-Unwort liest man inzwischen in gefühlt jedem zweiten Review zu Filmen, die sich mehr oder weniger deutlich einem bestimmten Genre verschrieben haben. Gemeint ist es meist abfällig, in dem Sinne, dass man hier formelhaftes und arg vorhersehbares Kino geboten bekommt. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, ob sich jemand, der einen Kinobesuch bewusst nach eindeutigen Genrevorlieben auswählt, wirklich daran stört? Der Autor dieser Zeilen kann das eindeutig für sich verneinen. Das Gegenteil ist der Fall. Jüngst wieder bestätigt durch den Actionstreifen „American Assassin".
Bedient der Film gängige Muster des Actionkinos? Absolut. Hat man das so schon einmal, oder auf ähnliche Weise gesehen? Sicher. Ist das irgendwie ein Problem? Nicht im geringsten. Warum? Weil man das Genre für seine typischen Eigenheiten liebt und deshalb immer wieder gerne davon kostet. Wer will schon eine Pizza mit Würstchen? Und überhaupt. Wer seit Jahren mit gener... , äh 08/15 Dünnbrettbohrerware aus dem billigen Heimkinosektor malträtiert wird, der verzehrt sich geradezu nach einem halbwegs kompetent und aufwendig gemachten Leinwandableger.
Witzigerweise kann man mit „American Assassin" gleich die Probe aufs Exempel machen, schließlich darf hier auch ein gewisser Scott Adkins mitmischen, seines Zeichens eine der wenigen ernst zu nehmenden - weil noch nicht im abgehalfterten Karriereherbst angekommen - B-Ikonen. Klar, er ist ein Kampfsportass vor dem Herrn, aber Charisma? Leinwandpräsenz? Neben dem etwas milchbubihaften Hauptdarsteller Dan O´Brian, dessen mimisches Portfolio mit ein zwei juvenilen TV-Serien und den seichten Dystopie-Teenie-Abenteuern „Maze Runner" nicht gerade Ehrfurcht gebietend daher kommt, wirkt er jedenfalls wie ein grob gezimmerter Holzklotz. Im Vergleich mit O´Brians reiferem Werdegang-Pendant Taylor Kitsch, der hier einen knackigen Bad Boy-Auftritt hinlegt, wird die Diskrepanz sogar noch deutlicher.
Schön auch, den in den letzten Jahren wieder merklich präsenter gewordenen Michael Keaton an Bord zu haben. Es ist immer eine Freude, dem Mann beim Spielen zuzusehen, egal wen er verkörpert. Hier spielt er das CIA-Urgestein Stan Hurley, Ex-Navy Seal und Ausbilder für die wirklich schmutzigen Jobs. Eine Klischee-Figur? Aber hallo. Und Keaton geht genüsslich darin auf. Das hätte der ursprünglich vorgesehene Bruce Willis mit Sicherheit nicht besser hingekriegt.
Ach ja, die Story. Mitch Rapp (O´Brian) ist zur falschen Zeit am falschen Ort, als seine Verlobte Opfer eines islamitischen Terrorangriffs wird. Fortan sinnt er auf Rache, wobei ihm sein Arabisch-Studium ganz gelegen kommt. Natürlich dauert es nicht lange, bis die CIA auf den ungeschliffenen Assassinen-Rohdiamanten aufmerksam wird. An kompetenten Attentätern herrscht ja irgendwie immer Mangel. Und Hurley hat schon ganz andere klein gekriegt.
Nur dumm, dass der erste Einsatz schneller kommt als gedacht. Gestohlenes, waffenfähiges Plutonium, daran interessierte iranische Hardliner und mittendrin ein abtrünniger Superagent erfordern das sofortige Eingreifen von Hurleys besten Rekruten. Ob Amerika dafür keine fertig ausgebildeten Spezialisten hat ist keine ganz unberechtigte Frage, aber mal ehrlich, ein wenig Logik-Dehnung gehört ganz einfach zur Grundausstattung. Also Augen zu, Hirn auf Standby und los. Und zwar mit Volldampf.
Der Bond-erprobte Second-Unit-Regisseur und Stunt-Veteran Vic Armstrong greift seinem Spy-Thriller-erfahrenen Chef Michael Cuesta („Homeland") beherzt unter die Arme und hetzt das Duo Rapp-Hurley durch einen abwechslungsreichen Parkour aus Shootouts, Faustkämpfen, Autoverfolgungen und Explosionen. Trotz des straff gezurrten Budgets von 33 Millionen Dollar findet davon einiges in Istanbul und Rom statt, was neben dem Zuschauer v.a. Scott Adkins gefreut haben dürfte, der endlich mal nicht nach Rumänien musste um die bösen (Terror-)Buben zu jagen.
Die sind übrigens keineswegs alle und auch nicht hauptsächlich aus dem islamistisch motivierten Lager. Nicht, dass das völlig aus der Luft gegriffen und infam gewesen wäre. Ganz so simpel gestrickt und auf schwarz-weiß gebürstet ist der Film aber dann doch nicht. Hier lauert der Feind vor allem auch in den eigenen Reihen. Zwar erreicht Cuesta nie die Komplexität und Differenziertheit von „Homeland", allerdings ist das trotz der verwandten Thematik weder hinsichtlich Format noch Zielgruppe ein fairer Vergleich. Das Actionkino lebt seit jeher von Verdichtung, Vereinfachung und der klaren Fokussierung auf Schauwerte. Dafür wird es von vielen geliebt und von nicht wenigen verteufelt.
Inzwischen ist hoffentlich klar geworden, dass „American Assassin" für jeden wahren Actionfreund einen Kinobesuch wert ist. Ist ein bisschen wie beim Stammitaliener. Bewährt schmackhaft und urgemütlich. So können Feierabend und Wochenende beginnen. Gerne immer wieder. Die Chancen stehen gar nicht mal so schlecht.
Trotz feuilletonistischen Naserümpfens hat sich bisher schon eine veritable Zahl an Actionfreunden in die Lichtspielhäuser getraut. Und Thrillerautor Vince Flynn hat bis zu seinem Tod 13 Mitch Rapp-Romane verfasst, die allesamt so richtig schön generisch sind. Seit 2015 führt Kollege Kyle Mills die Serie weiter, gerade ist Band 16 erschienen. Da geht also noch was. Und bitte weiter so stramm nach Schema F. F wie formidabel.