Review

kurz angerissen*

Mit dieser Romanadaption verlangt Alex Garland Zugriff auf die entferntesten Ecken menschlicher Vorstellungskraft, um etwas zu beschreiben, das näher kaum sein könnte: Den Kampf des Menschen mit seinem eigenen organischen Ursprung. "Auslöschung" ist somit auch ein beherzter Griff in die Geschichte der Science Fiction, die es sich seit jeher zur Aufgabe gemacht hat, Dinge jenseits des Horizonts zu thematisieren und damit auf das innere Selbst zu verweisen, denn hier liegt die Quelle eines jeden Bewusstseins.

Als das fünfköpfige Expeditionsteam den "Schimmer" durchschreitet und eine Welt betritt, deren Muster verfremdet und doch in den Grundzügen vertraut erscheinen, stehen unvermittelt Referenzen zu veralteten Fantasy-Abenteuern im Raum: Man denkt an Abenteurer, die auf mysteriösen Inseln stranden und sich ihren Weg um riesige Plastikpflanzen und Felsattrappen bahnen müssen, bevor sie auf surreale Stop-Motion-Monster treffen. Oder auch an Wissenschaftler, die sich schrumpfen lassen, um mit ihrem Raumschiff durch ein Meer von Blutkörperchen zu segeln, die von Kulissenbauern aus Kunststoff gefertigt wurden. Dargestellt werden solche Szenarien im Jahr 2018 natürlich mit gehobeneren Produktionswerten, die mehr Realismus versprechen. Doch die Künstlichkeit, die in "Auslöschung" im Sinne einer unvollständigen Imitation der Natur durchaus gewollt ist, bleibt dieselbe. Die Kreaturen bestehen zwar nicht mehr aus Knetmasse, sondern aus Pixeln, ihr Design entspringt aber jener verspielten Denkweise, wie sie auch einem Ray Harryhausen zu eigen gewesen sein muss. Die irdische DNA bleibt das Zentrum aller Überlegungen, allerdings wird sie gekreuzt mit allem, was die Fantasie hergibt. Als Genre-Arbeit funktioniert der Mittelteil daher besonders gut. Das Artdesign ragt im Zusammenspiel mit dem Sounddesign heraus, hat es doch die wildesten Stilblüten zu bieten, an denen man sich weder als Horror- noch Science-Fiction-Anhänger sattsehen und -hören kann. Manchmal erstarrt man schon in Überwältigung wegen der Bilder und Geräusche selbst, meistens aber vor allem wegen der Überlegungen, die in ihnen verschlüsselt sind.

Was alles nicht heißen soll, dass das Drehbuch ein buntes Durcheinander aus audiovisueller Stimulation wäre. Im Gegenteil, bis in die kleinsten Gesten der Darstellerinnen hinein verfolgt Garland einen sehr präzise ausdefinierten Storybogen. Das führt dazu, dass die mysteriösen, ohne Kontext schlicht unerklärlichen Vorgänge im ersten Filmdrittel nicht einfach nur bedeutungsvoll inszeniert werden; ihre vorhandene Substanz wird durch den bildgewaltigen und trotzdem intellektuell äußerst stimulierenden Endabschnitt schlussendlich auch eingelöst. Letzteres kann im Übrigen gar nicht stark genug hervorgehoben werden. Dass die Auflösung den im Aufbau geweckten Erwartungen einigermaßen standhalten kann, ist nämlich relativ selten. So soll es zwischen den Produzenten David Ellison und Scott Rudin auch zur Debatte um die kommerzielle Ausrichtung gekommen sein. Wäre es nach Ellison gegangen, hätte man sich vermutlich auf einen weiteren stromlinienförmigen SciFi-Actioner mit integrierter Love Story einstellen können. Es ist daher wichtig, dass mit Rudin derjenige die Oberhand behalten konnte, der die Vision des Regisseurs verteidigte. So sind die Begegnungen zwischen Natalie Portman und Oscar Isaac kein Nährboden für eine Soap, die in Rückblenden angedeutete Affäre nicht der Auslöser für großes Drama. Und am Ende geht es nicht in erster Linie darum, den Schimmer zu zerstören. Es geht darum, die fremdartigen Funktionsweisen zu verstehen, die der Film wie Regeln im Drehbuch platziert, und sie als Allegorie auf uns bekannte Dinge zu übertragen. So wird man unter Garantie eine Menge aus dieser Geschichte mitnehmen. Mag sein, dass man im Ausklang noch tiefer ins Inhaltliche hätte abtauchen können, doch in der vorliegenden Version gelingt die perfekte Fusion der oftmals so unvereinbar erscheinenden Pole Unterhaltung und Anspruch.

*weitere Informationen: siehe Profil

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