Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat sich der Naturdokumentarfilm zu einem eigenständigen Genre entwickelt. Bereits frühe Highlights wie die Filme von Bernhard Grzimek oder die legendäre Disney-Produktion „Die Wüste lebt“ vermitteln das Bild einer sterbenden Natur und erinnern an die Notwendigkeit der Rettung dieser letzten unberührten Naturflecken. Diese Beispiele leben aber außerhalb der versierten Bilder und der drastischen Botschaft von ihrem hohen Informationscharakter. Noch vor vierzig Jahren waren die meisten Bilder exotischer Tiere und Landschaften noch relativ unbekannt für die Bevölkerung, in heutigen Zeiten tummelt sich im Fernsehprogramm eine große Auswahl informativer Tierdokumentationen. Mit rein informellem Material ist der Zuschauer nicht mehr zu beeindrucken, woraufhin die Franzosen Claude Nuridsany und Marie Perennou mit ihrem Erfolgsfilm „Mikrokosmos“ dem Genre eine neue Ausrichtung gaben. Statt auf wissenschaftlichen Nährwert beschränkt sich dieser neue Stil auf eine kommentarlose, audiovisuell aufregende Verpackung. Dieser rein ästhetischen Ausrichtung folgt auch „Impressionen unter Wasser“, ein Film, der schon durch die Umstände seiner Realisierung und Veröffentlichung ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurde.
Mit niemand anderem als Leni Riefenstahl meldete sich Deutschlands wohl umstrittenste Filmemacherin aus einem fast sechzigjährigen kreativen Exil zurück. Nachdem ihre Regiekarriere nach dem Zweiten Weltkrieg ein jähes Ende fand avancierte die brillante Künstlerin zur Ikone der ethnologischen Fotografie, insbesondere durch die Veröffentlichung ihrer berühmten Bildbände über das afrikanische Volk der Nuba. Mit bereits über siebzig Jahren erlernte Leni Riefenstahl schließlich noch das Tauchen und fand zu der vielleicht letzten großen Leidenschaft in ihrem Leben. In ihren letzten dreißig Lebensjahren verfolgte sie diesen Sport solange es physisch für sie möglich war und mit „Impressionen unter Wasser“, ihrem letzten Film, setzte sie der schillernden Unterwasserwelt, die sie schnell lieben gelernt hatte, ein bildgewaltiges Denkmal von irritierender Anmut.
Vor dem eigentlichen Film, der mit einer Laufzeit von weniger als 45 Minuten äußerst kurz ausgefallen ist, erklärt Riefenstahl in einem knappen Vorwort ihre Absichten. Sie möchte jenen Zuschauern, die noch nicht selbst in exotischen Gewässern tauchen konnten oder wollten, einen Eindruck vermitteln von der paradiesischen Tier- und Pflanzenwelt unter Wasser. Alle Werke von Leni Riefenstahl sind durchzogen von einer faszinierten Körperlichkeit, durchzogen von Symmetrie und Perfektion. Jedes einzelne Bild ist auch in „Impressionen unter Wasser“ sorgfältig selektiert, sodass ein Eindruck inszenierter Perfektion nicht von der Hand zu weisen ist. Wie streng die Auswahl des Materials von Riefenstahl vorgenommen wurde zeigt schon die Laufzeit. Ohne einen belehrenden bzw. informierenden Kommentar konzentriert sich der Film ausschließlich auf die beeindruckenden Farbespiele, die obskuren Tierarten und die Kamerafahrten über noch unberührte Korallenriffs. Unterlegt ist das teilweise atemberaubend eingefangene Naturportrait nur von sphärischer Musik, die wesentlichen Anteil trägt an der ungeheuer beruhigenden Atmosphäre. Der Score fängt die erhabene Ruhe des Meeres exakt ein, wirkt in seiner einlullenden Klangfolge schon esoterisch. In allen nur erdenklichen Formen und Farben präsentiert sich dem Zuschauer ein Unterwasserbild, wie er es aus diversen ähnlichen Dokumentationen vielleicht schon zu kennen glaubt, eine so perfekte Montage wunderschöner Bilder lässt aber schon nach wenigen Minuten eine versierte Regie vermuten. Bedauerlich, das Riefenstahl den Film erst kurz vor ihrem hundertsten und somit vorletzten Geburtstag an veröffentlichte und „Impressionen unter Wasser“ damit ihre einzige filmische Naturdokumentation blieb.
Die für Leni Riefenstahl übliche, extreme Stilisierung der Bilder qualifiziert auch diesen letzten Film als interessantes Kunstwerk, ebenso als letzten biografischen Merkstein vor ihrem Tod. Erstaunlich auch ihre körperliche Form: Mit über achtundneunzig Jahren sieht der Zuschauer die Filmemacherin als vitale Taucherin, die aber nur in wenigen Szenen präsent ist, meist konzentriert sich die Kamera ganz auf die mannigfaltige Tierwelt. Doch so einzigartig wundersam die einzelnen Kreaturen auch sind, sie alle bleiben nur Teileindrücke eines großen Ganzen, kein Lebewesen wird mehr in den Vordergrund gerückt als andere. „Impressionen unter Wasser“ zeigt eine weitgehend unbekannte Welt, die zwar schon im Begriff ist zu sterben, von deren drohendem Untergang aber nur in Riefenstahls Vorwort die Rede ist.
8,5 / 10