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Generell richtet sich die Rape-and-Revenge-Sparte an die Genugtuungszentrale des Zuschauers. Einer Vergewaltigung folgt entsprechende Selbstjustiz und das möglichst jeweils explizit, um das Auge-um-Auge-Prinzip spürbar werden zu lassen. Einen etwas anderen Weg schlägt Regisseurin Natalia Leite ein, indem sie diverse Ausnahmesituationen mit Aspekten künstlerischer Kreativität verbindet.

Kunststudentin Noelle (Francesca Eastwood), die in ihrem Kurs für die fehlende Emotionalität in ihren Bildern kritisiert wird, verknallt sich in den Kommilitonen Luke. Auf einer Party kommen sich die beiden näher, doch nach einer harmlosen Knutscherei muss Noelle eine Vergewaltigung über sich ergehen lassen. Wenig später kommt es zu einer Rangelei, bei der Luke unabsichtlich zu Tode kommt. Nach Recherchen stößt Noelle auf weitere Fälle am Campus, die bislang ungesühnt sind…

Drehbuchautorin Leah McKendrick, die eine Nebenrolle als Noelles Mitbewohnerin bekleidet, kann einen wesentlichen Punkt nicht sonderlich glaubhaft vermitteln: Die Motivation der Rächerin. Noelles Peiniger verunfallt tödlich und aus einer eher schüchternen Studentin wird ein in nahezu allen Situationen überlegener Racheengel, der sich für fremde Opfer einsetzt, wodurch gleichzeitig künstlerische Inspiration geschöpft wird. Letzteres ist zwar glaubhaft und in einigen markanten Szenen umgesetzt, doch entsprechende Vergeltungsschläge sind derart kalkuliert inszeniert, dass man an manchen Stellen fast von Wunschvorstellungen des Racheengels ausgehen könnte.

Auf der anderen Seite ist die Tochter von Clint Eastwood (die ihm kein Stück ähnlich sieht) eine Darstellerin mit einer ungeheuer einnehmenden Präsenz. Sehr bewusst nimmt Regisseurin Leite oftmals ihre großen, mysteriösen Kulleraugen ins Visier, setzt auf Sexappeal und Verführung, gesteht ihrer Figur jedoch auch das Hinterfragen der Opferrollen zu. Obgleich der Stoff jene Aspekte leider nur oberflächlich anreißt, werden Verschleierungstaktiken am Campus ebenso thematisiert wie die Suggestion einer eventuellen Mitschuld.

So mutet die Geschichte über weite Teile mehr wie ein Psychodrama denn Rache-Thriller an, zumal die FSK16 in Sachen Gewaltdarstellung bereits Bände spricht. Mal abgesehen von Eastwood mangelt es an Schauwerten, es fehlt primär das Garstige, während der feministische Anstrich bisweilen etwas zu dick aufgetragen ist.
Dennoch sind innerhalb des Subgenres einige positive Abweichungen vom Einheitsbrei auszumachen, während die weitgehend ruhige Herangehensweise der stark aufspielenden Hauptfigur zugute kommt.
6 von 10

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