Thelma Antichrist Virginstar
Man kann "Thelma", einen norwegischen Psycho-Chiller über eine gläubige Teenagerin mit womöglich übermenschlichen Fähigkeiten, locker eine komplette Kritik lang mit anderen (Meister-)Werken vergleichen. Er hat die Sensibilität eines "Raw", Bildkompositionen ala "Stranger Things" und Themen von Carl Theodor Dreyer bis zu modernen Superhelden. Es gibt klare Parallelen zu De Palmas "Carrie" und Refns "The Neon Demon" hat sicher ebenfalls beeinflusst. Man hofft, dass die Macher der nächstjährigen "New Mutants" hier genau hinschauen und spürt durchgängig eine Atmosphäre ala "Donnie Darko" und eine pochende Dunkelheit wie in "The Witch". Joachim Triers interessanter Mix könnte also Spuren von harten Nüssen enthalten. Doch er schmeckt so verdammt gut...
"Thelma" ist ein Brecher, gedankenfördernd, horizonterweiternd und nicht selten paralysierend. Nicht nur durch die heftigen Stroboskop-Effekte. Es trifft einen eine Coming-of-Age-Story, wie es sie noch nicht gegeben hat. Trotz aller oben genannter Versatzstücke. Voller unterdrückter Wut, verführerischer Sünde und menschlicher Schwäche. Trotz übermenschlicher Macht. Trier spielt mit Träumen und der Realität, mit Sexualität und Tabus, mit Schock und verunsichernden Streicheleinheiten. Wenig laute Knalle, viele Wirkungstreffer. Jede Entscheidung geht tief und wird meist schmerzhaft. Stoff, aus dem sich so manch ein Alptraum bilden kann. Langsam. Unaufhaltsam. Ohne je klar Horror zu sein. Ein komplexer Mindblower, der mit einem spielt wie die Katze mit der Maus, die Schlange mit Adam, die Kirche mit der Welt. Eili Harboe kann man nur als Entdeckung beschreiben. Die Kleine spielt sich die Seele aus dem Leib. Und ihre Figur geht einen weiten Weg. Über dessen Ziel sich jeder selbst Gedanken machen kann. Und automatisch wird. Großes europäisches Kino. Mit intimen Emotionen und überlebensgroßen Bildern.
Fazit: von norwegischer Kälte, jugendlicher Angst und menschlichen Mäkeln. "Thelma" lässt verstörend die Muskeln spielen, bleibt bei einem und erzwingt förmlich weitere Sichtungen. Ein nordisches Juwel. Urgewaltig!