Als Thelma noch gemeinsam mit Louise unterwegs war, ereignete sich irgendwie mehr.
Allerdings sollte man beim Drama des Norwegers Joachim Trier auch nicht den Inbegriff eines Reißers erwarten, sondern ein nett bebildertes Coming-of-Age der eher schwelgerischen Art.
Thelma (Eili Harboe) hat ihr Elternhaus verlassen, studiert in Oslo Biologie und hat es aufgrund ihrer streng religiösen Erziehung nicht leicht, neue Menschen kennen zu lernen.
Als sie auf Studentin Anja (Kaya Wilkins) trifft, verliebt sie sich und gleichzeitig wird Thelma von unterdrückten Gefühlen geplagt. Zudem treten bei ihr in bestimmten Situationen krampfartige Anfälle auf, die auf ein Trauma in ihrer Kindheit zurückgehen…
Thematisch beschreitet die Erzählung einen ähnlich gelagerten Weg wie einst „Carrie“, zuletzt auch „Raw“: Eine junge Frau erlebt ein Erwachen der Sexualität, dazu ein anstrengendes Elternhaus und nicht zuletzt eine übersinnliche Eigenschaft der Protagonistin, die grob ins Raster der Telepathie fällt. Allerdings erreicht Trier nie die Spannung von „Carrie“ und wird erst recht nicht so ungezügelt wie „Raw“. Oder anders: Nimmt einen die ruhige Erzählweise nicht binnen der ersten 45 Minuten emotional mit, ist man weitgehend aufgeschmissen.
Zwar arbeitet sich der Stoff recht sensibel an die Hauptfigur heran, beschreibt das Unterdrücken der Gefühle und den stillen Ruf nach Freiheit mit dezenten und gleichermaßen träumerischen Mitteln, doch anderweitig verharrt er manchmal viel zu lange bei Momentaufnahmen, nähert sich dem Geschehen oftmals wie in Zeitlupe an, während in der ersten Stunde erzählerisch kaum etwas herum kommt und von Spannung weit und breit keine Spur ist.
Dass hier durchaus mehr drin gewesen wäre, untermauern einige Szenen wie der unbehagliche Einstieg, eine surreal anmutende Notfallsituation in einem Hallenbad oder eine medizinische, grenzwertig erscheinende Untersuchung, die an manchen Stellen definitiv nicht für Epileptiker geeignet ist. Auch zwei Rückblenden gestalten sich einigermaßen ansprechend. Einen weiteren Pluspunkt bilden die durchweg glaubhaft agierenden Mimen, allen voran Harboe als Titelgebende, die eine breite Palette an emotionalen Nuancen mitbringt und anbei überaus präsent ist.
Es muss nicht immer literweise Blut fließen und es müssen auch nicht gleich ganze Regionen per Telepathie ausradiert werden, doch ein wenig mehr Bewegung und Ereignisreichtum hinsichtlich der vielen kleinen Unterthemen hätten „Thelma“ gewiss unterhaltsamer gestaltet.
So bleiben passable Ansätze, ein paar schicke Bilder und ein Showdown, der insgesamt das repräsentiert, was in entscheidenden Momenten fehlt: Mut zur Konsequenz.
5,5 von 10