Die zurückhaltende, junge Thelma (Eili Harboe), aufgewachsen in weitgehend unberührter norwegischer Natur am Land, zieht zwecks Studium in die Hauptstadt Oslo. Die vielen neuen Eindrücke verfehlen nicht ihre Wirkung auf die streng religiös erzogene Studentin, die nach kurzer Zeit eine Art epileptischen Anfall erleidet. Zu den wenigen Kommilitoninnen, die ihr mehr als die üblichen Floskeln entgegenbringen, gehört die lebenslustige Anja (Kaya Wilkins), die sie auf Parties mitschleppt und ihr ein "normales" Leben frei von religiösen Zwängen vorlebt. Thelma, die ihrem dominanten Vater Trond (Henrik Rafaelsen) immer wieder ihre "Verfehlungen" beichtet, ist hin- und hergerissen zwischen ihren strengen Eltern und ihrer neuen Bekanntschaft, zu der sie immer stärkere Gefühle lesbischer Art entwickelt, welche durchaus erwidert werden. Dadurch gerät nicht nur ihr Hormonhaushalt durcheinander, auch ihre seit frühester Kindheit vorhandenen parapsychologischen Fähigkeiten hat sie bald nicht mehr ganz im Griff.
Regisseur Joachim Trier (nicht zu verwechseln mit dem entfernt verwandten Lars von Trier) baut hier in behutsamen Bildsequenzen eine coming-of-age-Geschichte auf, die ganz auf die glänzend aufspielende Hauptdarstellerin Eili Harboe zugeschnitten ist: Das häßliche junge Entlein vom Land entwickelt in der großen Stadt Selbstbewußtsein und wird dadurch zum strahlend weißen Schwan - zumindest innerlich. Diese Wandlung versteht Harboe, die sich erst nach und nach vom nicht unsympathischen, aber extrem dominanten Vater abnabelt, in durchaus positiver Weise darzustellen - nicht minder überzeugend dabei ihre neue Gefährtin Anja, die mit vermutlich südländischen Wurzeln und Feierlaune zunächst ganz das Gegenteil der spröde wirkenden Norwegerin darstellt. Da sich Gegensätze aber bekanntlich anziehen, bilden die beiden schon bald ein Duo, das sich gesucht und gefunden hat.
Soweit, sogut. Leider ist da die Mystery-komponente inform der telekinetischen Fähigkeiten von Thelma, die in Momenten starker emotionaler Erregung einsetzen und u.a. auch epilepsieartige Anfälle auslösen, die Thelma nicht immer steuern kann. Zwar versucht sie diese Ausbrüche, die mit einem unkontrollierten Zittern der Hände beginnen, unter Kontrolle zu halten, jedoch gelingt ihr dies nicht immer; davon abgesehen kann sie diese Kräfte auf Gegenstände und Menschen übertragen. Obwohl sie sich untersuchen läßt, können ihr auch die Ärzte keinen Rat geben, und so umgibt den Film bis zum Schluß ein etwas rätselhafter Hauch: Wie kommt Anja nachts vor Thelmas Studentenwohnheim, obwohl sie woanders wohnt - hat Thelma sie herbei"gebeamt"? Warum sitzt Thelmas Mutter eigentlich im Rollstuhl? Wo war Anja, die einige Zeit verschwunden ist, danach aber wieder fröhlich auftaucht? Und während die eine oder andere auftauchende Frage im Laufe des Films beantwortet wird, bleiben andere Dinge unbeleuchtet. Dazu kommt, daß sich manche Szene nachträglich als Tagträumerei der emotional sehr aktiven Thelma herausstellt.
Dass Thelma jedoch Menschen tatsächlich verschwinden lassen kann, und dies auch schon seit frühester Kindheit gezielt einsetzt / eingesetzt hat, daran besteht kein Zweifel. So erfreulich ihr Reifungsprozeß in Form der Befreiung aus familiären, religiösen Zwängen auch verläuft, so klar sind auch zwei ungesühnte Morde, die zu Buche stehen und keinerlei moralischen Widerhall finden - und das in einem Film, der moralische Aspekte (Alkoholgenuß = Sünde etc.) stark thematisiert. Daß Thelma mit diesen Morden so nonchalant durchkommt, gefällt mir einfach nicht. Dass sie ihre geistigen Kräfte gezielt für etwas Gutes einsetzen kann, beweist sie übrigens auch - tut dies aber nur ein einziges Mal.
Der Vergleich mit Brian de Palmas 1976er Horror-Schockers Carrie – Des Satans jüngste Tochter ist unangebracht - bis auf die erwähnten telekinetischen Fähigkeiten der Hauptdarstellerinnen gibt es nahezu keinerlei Gemeinsamkeiten - weder im Drehbuch, noch in der Kameraführung und schon überhaupt nicht in der Wandlung der jeweiligen Protagonistinnen.
Somit bleibt Thelma eine in ruhigen, einfühlsamen Bildern erzählte Bewußtseinswerdung einer jungen Frau - für die ebensolche Zielgruppe sicher eine sehenswerte Story. Für mich eher nicht. 4 Punkte.