Eine ländliche Gegend irgendwo im Norden von Quebec: Bonin (Marc-André Grondin) und ein Kumpel fahren mit einem Pick-up über einen Waldweg. Beide sind einigermaßen gut gelaunt, haben jedoch Waffen dabei und schauen und lauschen in den Wald, nachdem sie an einer Schneise angehalten haben. 50 Meter von ihnen entfernt zeigt sich plötzlich eine Frau: Stumm und bewegungslos steht sie da. Die Männer scheinen sie zu kennen, dennoch zielt einer mit dem Gewehr auf sie und erschiesst sie. Später stehen die beiden wie beiläufig an einer Lichtung, wo sie ein Feuer entfacht hatten, in dessen kohligen Überresten menschliche Knochen zu erkennen sind. In einer anderen Szene sieht man die Mittvierzigerin Céline (Brigitte Poupart), die ihren Kombi in einem Dorf mitten auf der Strasse stoppt, eine Machete in die Hand nimmt und aussteigt. Es dauert gar nicht lange, bis aus einem Hof ein Mann mit Gebrüll auf sie zustürmt, doch Céline erledigt ihn schnell und entschlossen, fast schon routiniert. Dann steigt sie ein und fährt einfach weiter. Etwas später hält sie an einem einsamen Gehöft, wo sie von zwei älteren Damen mit Gewehren in Empfang genommen wird: Nach einem kurzen Strip wird sie jedoch auf ein Bier hereingebeten - sie hat keine Bißwunden, sie ist also nicht infiziert. Nicht infiziert mit einem seuchenartigen Virus, das Menschen zu Zombies macht...
Regisseur Robin Aubert hat mit Les affamés ("die Ausgehungerten") einen kleinen, aber feinen Zombiestreifen abgeliefert, der von den gängigen Genre-Beiträgen stark abweicht und weniger auf blutrünstige Schocks abstellt als vielmehr auf die soziale Interaktion einiger Überlebender. Im Laufe weniger Stunden finden sich eine Handvoll Leute in dem Gehöft ein, ganz normale Durchschnittsleute aus mehreren Altersgruppen. Zusammen müssen sie nun überleben, staatliche Hilfe gibt es nicht, auch keinen Radio- oder TV-Empfang und Handies funktionieren selbstredend auch nicht. Mittels nur weniger Sätze verständigen sich die noch nicht Infizierten, wobei eine Frau (Monia Chokri als Tania), die angeblich von einem Hund gebissen wurde, für zusätzliches Mißtrauen in der Gruppe sorgt, da niemand den Biss gesehen hat, dessentwegen sie ihre Hand verbunden hat. Vertrauen ist also wichtig, Kontrolle aber genauso.
Denn niemand vermag zu sagen, wann ein solchermaßen Gebissener selbst zum Zombie wird. Im Laufe der Geschichte erfährt der Zuschauer über die Zombies nur, daß sie stunden- oder tagelang ruhig an einem Fleck verharren - einzeln oder in Gruppen - und sich über ein infernalisches Gebrüll verständigen. Hat einer einen "normalen" Menschen erblickt, ertönt das Geschrei und alle anderen herumstehenden Untoten stürmen in die Richtung des Gebrülls. Immerhin erkennen die Rasenden jedoch, wenn sie keine Chance mehr haben, z.B. wenn die Menschen in einem Auto fliehen (wie Bonin auf einer Erkundungstour), setzen sie nicht nach, sondern bleiben wieder wie angewurzelt stehen. Darüber hinaus scheinen sie auch einen pseudoreligiösen Tick zu haben, denn man sieht auf einer Weide einen von ihnen angehäuften Turm aus über hundert Stühlen gegen Himmel ragen, um den sie andächtig stehen. Auf der anderen Seite überlegt sich die Gruppe, wie sie diesem Alptraum, über dessen Entstehung sich keiner recht Gedanken machen will, entkommen könnte: Da gibt es einen alten Bunker in der Nähe. Vielleicht kann man den per Fußmarsch erreichen? Munition scheint noch reichlich vorhanden, und die alten Damen holen schon mal Gurkengläser aus dem Keller, als Proviant für unterwegs...
Man mag kritisieren, daß Les affamés keine wirkliche Handlung besitzt außer der Fluchtbewegung der zu Beginn größer und später durch Zombie-Einwirkung kleiner werdenden Gruppe. Aber gerade durch diese von jeglichem Zeitdruck losgelösten Szenen entsteht eine bedrohliche Atmosphäre, die jederzeit spürbar ist und unterstützt von einem passenden Soundtrack für Spannung bis zum Schluß sorgt. Theoretisch könnte der Film noch viele Stunden weiterlaufen, indem er immer wieder neue Überlebende sich finden läßt, deren kaum umrissene Charaktäre doch nur die Angst vor der Infektion eint und von denen einige wieder vorzeitig auf der Strecke bleiben.
Keine Auflösung, keine weiteren Erklärungen, kein dramaturgisches Ende (und schon gar kein Happy-End) und doch etwas Versöhnliches zum Schluß, dazu ein rätselhaftes Kunstwerk aus Stühlen inklusive Papagei - ein ruhiger und streckenweise eigentümlicher Film, der durch knisternde Atmosphäre und gleichzeitige Banalität fasziniert und keine Minute zu lang war. 8 Punkte.