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Selten war Poker so öde

Mit Herzblut hat Molly Bloom (Jessica Chastain) auf diesen einen Moment hin gearbeitet: Auf der Buckelpiste will sie ihr Ticket für die Olympischen Winterspiele erkämpfen. Doch es kommt ganz anders. Molly verletzt sich bei einem Sprung so stark, dass sie ihre Karriere als Sportlerin aufgeben muss. Bevor sie ihr Studium in Recht beginnt, nimmt sie ein Jahr Auszeit in Los Angeles. Per Zufall rutscht sie in die Pokerszene. Molly erkennt: Reiche und berühmte Männer sind wie besessen von diesem Spiel, bei dem es um den Kick und die grosse Kohle geht. Sie weiss ihren Verstand und ihr Äusseres zu nutzen, Kapital aus der Sucht der Mächtigen zu schlagen. Und dabei ist Molly so erfolgreich, dass sie bald ins Blickfeld des FBI gerät.

Mit Molly’s Game (2017) versucht sich der scharfzüngige Drehbuchautor Aaron Sorkin (The Social Network) zum ersten Mal auch als Regisseur. Das Resultat – eine auf Tatsachen beruhende Biographie – ernüchtert. Schon bei der atemlose Montage zu Beginn des Filmes, die in Mollys Kindheit einführen soll, übernimmt sich Sorkin. Es wirkt, als wolle er auf Biegen und Brechen »filmisch« wirken. Aber nicht einmal mit diesem bemühten Schnittgewitter kann Sorkin davon ablenken, dass er stets dem gesprochenen Wort verhaftet bleibt. Molly Bloom muss alles, aber auch wirklich alles, per Voice-Over kommentieren. Das ist billig. Und nach dreissig Minuten ermüdetet es nur noch. Zumal unsere Hauptfigur eine arrogante Besserwisserin ist, deren Charisma sich in Grenzen hält.

Als Zuschauer muss sich wirklich fragen, weshalb man sich um das Schicksal Molly Blooms scheren sollte. Sie ist redegewandt und hübsch, okay. Aber sonst? Nicht viel. Wir erfahren, dass Molly unter ihrem strengen Vater litt. Sorkins Skript dampft ihren Charakter auf diesen Vaterkomplex zusammen. Das ist weder originell noch mitreissend. Während der ganzen 140 Minuten macht Molly so gut wie keine Entwicklung, so gut wie keinen Konflikt durch. Eher durch Zufall schwingt sie sich zur Organisatorin von High-Stakes-Pokerrunden auf. Und warum? Sorkin kann es nicht lassen, uns auch dies pfannenfertig zu erklären: Molly wollte Macht über mächtige Männer ausüben, um das Trauma mit ihrem Vater zu überwinden. Viel mehr als Psychologie für Dummies ist das nicht.

Einen tiefer greifenden Subtext lässt sich in Molly’s Game mit dem besten Willen nicht ausmachen. Wäre der Film wenigstens spannend! Das Milieu der Pokerspieler ist erschreckend blutleer. Selten war Poker so öde. Die Spieler bleiben allesamt Statisten – und der Thrill des Spiels eine blosse Behauptung. Und immer wieder ist da Mollys Voice-Over, das uns Spielzüge, Charaktere und Gemütslagen erklärt. Das will ich nicht erläutert bekommen. Ich will es sehen! Und Molly selbst, sie macht im Grunde nicht viel. Während die Männer zocken, sitzt sie an einem Nebentisch, zählt Geld und googelt ein bisschen herum. Was für eine Heldin … Der Film scheitert daran, Molly zu einer Identifikationsfigur zu machen.

An kaum einer Stelle hat Sorkin den Mut, die Bilder für sich sprechen zu lassen. Entsprechend uninspiriert ist die Kamera. Alles muss im Mono- oder Dialog abgehandelt sein. Sorkins Drehuch ist zwar gewohnt clever, schafft es aber nicht, Gefühle zu wecken. Nur zwei Szenen holen emotional ab. Wenn sich Molly zum ersten Mal seit Jahren mit ihrem Vater ausspricht, ist das berührend. Und wenn Mollys Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) vor dem Staatsanwalt völlig austickt, klebt man ihm an den Lippen. Aber nach Jaffeys Tirade fragt man sich dann doch: »Alter, weshalb geht dir diese Frau so nahe?«

Molly’s Game zeigt eindrücklich, dass ein wortgewandtes Skript noch keinen Film macht. Was uns Sorkin hier bietet, ist eher eine Aneinanderreihung von Lebensszenen als eine Geschichte. Wer immer Molly Bloom ist: Nach der Sichtung dieses Films, fällt es schwer, sie zu mögen.

3/10

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