Warum noch eine Besprechung zu "Black Emanuelle in America"? Weil es den Anschein hat, daß dieser Film zwar berüchtigt ist, aber viele Betrachter nicht in der Lage sind, ihn wirklich zu würdigen. Dies wahrscheinlich deshalb weil das Publikum von heute weitaus ärgeres, brutaleres und "echteres" gesehen hat . Man muß sich aber vor Augen halten, daß dieser D´Amato-Streifen 1976, und damit vier Jahre vor "Cannibal Holocaust", entstanden ist, aber zumindest in der zweiten Hälfte genau nach dem selben Prinzip funktioniert wie dieser heute anerkannte Klassiker. Die Snuff-Szenen sind gut gemacht, genauso gut wie die Kannibalenszenen von Deodato. Beide Filme wären ohne der genialen Filmmusik (hier von Nico Fidenco, dort von Riz Ortolani) nicht denkbar. Ich will nicht bestreiten, daß "Cannibal Holocaust" der bessere Film ist, aber trotzdem ist D´Amato hier ein Werk passiert, das in seinem Erotik-Opus ziemlich singulär ist (seine sonstigen Erotik/Horror-Mischungen sind ja völlig daneben und nur die Softpornoszenen genießbar).
Auf der reinen Softporno-Ebene gibt es in "Black Emanuelle in America" schöne konventionelle Szenen wie die Spiele im Swimming Pool, unter Wasser sehr gut umgesetzt, und der öffentliche Quickie mit Orchesterbegleitung in Venedig. Dazu kommen die Hardcore-Szenen, die vielleicht nicht sehr toll aber zumindest akzeptabel sind (ich will ja jetzt niemanden bei OFDb auf die Idee bringen, daß dieser Film deswegen eigentlich als Hardcore markiert werden müßte...)
Es ist nun nicht so, daß in ein harmloses Sexfilmchen die Brutaloszenen unvermittelt und unpassend hineingesetzt sind. Nein, der Film beginnt ja schon damit daß Emanuelle mit einer Pistole bedroht wird, weil ein junger Mann sie für die Sexualisierung der Gesellschaft verantwortlich macht. Daß auch er durch einen Blowjob leicht korrumpierbar ist, mindert nicht die potentiell selbstkritische Aussage im Rahmen des Filmes. Der Harem des Möchtegern-Paschas und das Bordell für gelangweilte reiche Damen sind zwei weitere, von Emanuelle durchaus kritisch gesehene Auswüchse. Noch stärker jedoch in der filmischen Umsetzung ist die dekadente venezianische Party, die zwar ein Abklatsch von "Das große Fressen" darstellen dürfte, das drei Jahre zuvor entstanden ist, aber immer noch gut gelungen ist. Der Film kennt also - ähnlich wie das stark unterschätze "Emmanuelle perchè violenza alle donne" - eine Steigerung der Perversitäten, die im Snuff ihre Endstufe erreichen.
Die Botschaft des Films ist dabei aber gerade nicht eine pseudo-moralistische, wie in denjenigen Exploitern die vorgeben eine konventionelle Moral zu predigen, sondern liegt in der Entgegensetzung der natürlichen, ungezwungenen und geradezu unschuldigen Sexualität der Emanuelle gegen die verkrampfte, abartige Perversion ihrer Umgebung. (Ein klassisches Beispiel ist auch "Sklavenmarkt der weißen Mädchen" wo sie gegen Mädchenhändler vorgeht, aber selbst nichts dabei findet mit ihrem Körper zu bezahlen.) Das ist natürlich ein gewagter, schmaler Pfad, der in anderen Emanuelle-Filmen auch mit sexualmetaphysischen Pseudo-Weisheiten unterlegt wird, der aber aus einem einzigen Grund glaubwürdig rüber kommt: wegen der Ausstrahlung Laura Gemsers, an der die ganze "Botschaft" der Emanuelle-Filme hängt, was man genausogut als deren Stärke wie deren Schwäche ausmachen kann. Besonders gut kommt die Reinheit des Eros in der Verbindung mit Wasser (Meer, Swimming Pool, Dusche) zur Geltung und in den lesbischen Szenen.
Ich weiß nicht ob es wirklich stimmt, daß David Cronenberg für "Videodrome" von diesem Film inspiriert wurde, aber er hat - auf intellektuell weitaus elaboriertere Weise - die Sexualität von Nikki (Deborah Harry) der auf Gewalt aufbauenden Macht Videodromes entgegengesetzt. Die Snuff-Szenen in "Videodrome" sind dabei extrem lahm gegen die von D´Amato gebotenen.