Sicherlich ist "Emanuelle nera in America" kein rundum guter Film, dafür aber zumindest ein faszinierendes Kuriosum und ein gutes Beispiel für die doch erstaunliche Filmkultur der 70er Jahre.
Von allen Filmen der "Black Emmanuelle"-Reihe, mit der Laura Gemser zu einem der großen Stars des erotischen Films aufstieg, ist dieser sicherlich der denkwürdigste, liefert er doch einerseits leicht selbstreflexive Ansätze und andererseits Aspekte, die den Versprechungen des Genres zuwiderlaufen. Die arg holperige, episodenhafte Handlung und stärker noch das Unvermögen D'Amatos, glaubhaft eine kohärente Moral zu präsentieren, machen aus dem Ganzen letztlich ein Sammelsurium unterschiedlichster Eindrücke und Auslegungsmöglichkeiten, was dem Film einen ganz besonderen Reiz verleiht: In seiner durchaus naiven Flachheit sorgen Unstimmigkeiten im Vortrag der Moral und krude Überraschungen in der Inszenierung von Erotikszenen letztlich dafür, dass man diesem Film gegenüber eine doch recht ambivalente Haltung einnimmt.
Zu Beginn unterscheidet sich der Film kaum von anderen Filmen der "Black Emmanuelle"-Reihe: es beginnt [Achtung: Spoiler!] - fast schon ein Standard-Beginn des erotischen Films, wie man ihn auch in "Emanuelle e Françoise le sorelline" (1975) oder "Rolls Royce Baby" (1975) erleben kann - zunächst mit einem Fotoshooting (mit Emmanuelle hinter der Kamera), verquickt mit Eindrücken aus dem Großstadt-Trubel und unterlegt mit Nico Fidencos liebenswert schmalzigem Leitmotiv, das viel zum Charme des Films beiträgt. Kurz darauf tendiert der Film noch heftig in Richtung alberne Sexklamotte, wenn der Freund eines der Modells Emmanuelle mitverantwortlich für den Werteverfall in Zeiten sexueller Revolution verantwortlich macht und zu erschießen gedenkt, ehe er von seinem Opfer mittels Fellatio in seinen Ansichten verwirrt wird und die Flucht ergreift. Solche Albernheiten wird der Film danach jedoch weitestgehend zurückfahren, wenn Emmanuelle mit Upper-Class-Angehörigen anbändelt, um über die Perversionen und Machenschaften der Reichen zu berichten - was die Beziehung zu ihrem Partner keineswegs stört, allein die räumliche Distanz wird eine Unannehmlichkeit für beide. Auch der Umstand, dass Emmanuelle mit ihren Sex- und Gewalt-Artikeln erfolgreicher ist als ihr Partner mit seinen Polit-Artikeln, trübt die Harmonie der beiden nicht - ihre Beziehung ist ebenso offen wie frei von patriarchalischen Zügen.
Emmanuelle kommt so zunächst im Privatharem eines herrsch- und geltungssüchtigen Millionärs unter, dem sie unverblümt ihre Meinung sagt, beim Kartenspiel ausnimmt und schließlich verlässt, nachdem sie seine Handlanger und Gespielinnen um den Finger gewickelt und seinen Waffenhandel aufgedeckt hat. So bewahrt sie sich trotz des Aktes der Prostitution ihre Souveränität, der reiche Kunde hingegen verliert sein Gesicht und bleibt als Verlierer zurück.
Die zweite Station bildet ein geiles Adelspaar, das Emmanuelle in ihr Liebesspiel einbindet und mit ihr und anderen eine riesige Orgie veranstaltet. Dass die Ehe des gehobenen Paares ebensowenig perfekt ist, wie die gefälschten Gemälde, mit denen zumindest der Gatte in großem Ausmaß handelt, deckt Emmanuelle im Handumdrehen auf und steht auch diesmal als Gewinnerin da: glücklicher, trotz weniger Geld, und trotz geringeren Renommées moralisch vorbildhafter.
In einem Club, in dem Millionärinnen gegen Bares exotische Männer vernaschen, geht ihre Reise weiter. Die reichen Damen, die sich die farbigen Muskelpakete wie auf einer Viehauktion auswählen und anschließend mit ihnen - in teils reichlich belustigenden Rollenspielen - vergnügen sind jedoch nur ein Teil der Reportage, die Emmanuelle dort zustande bringt: ein Snuff-Ring, auf den sie dabei stößt, lenkt schließlich all ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie wird erwischt und eingefangen, verführt aber im Schnelldurchlauf ihre Wärterin und flieht, um an der Seite eines hochrangigen Politikers unter Drogen gesetzt ins Zentrum der Snufffilmer vorzudringen, wo sie schockierende Ereignisse auf ihrer Kamera festhalten kann.
Diese hält sie nach ihrem Rausch noch für Phantastereien, aber als ihr Chef ihr die entwickelten Bilder zeigt, kennt ihr Entzücken über die Story ihres Lebens keine Grenzen mehr - dass man jedoch diese Bilder nicht veröffentlichen will um sich keinen Gefahren auszusetzen, widert sie dann jedoch so derartig an, dass sie fristlos kündigt und sich mit ihrem Partner in einen ausgedehnten Südsee-Urlaub flüchtet. Dort verkauft er sie im Scherz als zwölfte Frau an einen Stammeshäuptling: gemeinsam feiert man die Hochzeit, genießt die paradiesischen Umstände, lebt angesichts einer ungewissen Zukunft (beide haben schließlich ihren Job aufgegeben) "von Luft und Liebe" und muss schließlich vor einbrechenden Kamerateams fliehen, die hier einen Film zu drehen beginnen und die Zivilisation mit sich bringen, der man eigentlich entfliehen wollte.
Mit diesem Schlussgag endet dann der Film, dessen Utopie von freier Liebe und offenen Partnerschaften ebenso erfreulich ist wie der Umstand, dass in der Beziehung zwischen Emmanuelle und ihrem Partner dieser ganz gelassen den beruflich unterlegeneren Part zu geben versteht, ohne Eifersucht oder gekränktem Selbstwertgefühl. Ein Film, der vordergründig gegen Heuchelei und Autoritäten aller Art vorgeht, der Erfolgsdenken über Bord wirft und ein Leben fernab zivilisatorischer Zwänge und Einschränkungen anvisiert.
Gleichzeitig entlarvt sich D'Amato aber auch selbst und weicht mehrfach unangenehm von dieser Linie ab: als Erotikfilm, der Schönheit und Liebreiz propagiert, kommen die weniger anmutigen Figuren schlecht weg - der gekränkte Millionär, den Emmanuelle zuerst abserviert, ist ein etwas stämmigeres Babyface mit beginnendem Haarausfall, alte dürre Männer tauchen als Kuriosität auf Orgienszenen auf, im Dialog werden die steinreichen Sextouristinnen des Edelclubs als teilweise alt und hässlich beschrieben (was die Vermarktung exotischer, knackiger Männerkörper so widernatürlich aussehen lassen will, wie zuvor den Privatharem des Millionärs - die Damen, die D'Amato dann zeigt, sind jedoch gemäß den Richtlinien des Genres größtenteils ziemliche Augenweiden) und der feige Chef Emmanuelles, der grausige kriminelle Machenschaften aus Angst lieber nicht aufdeckt, ist auch keine Schönheit; das zieht sich freilich nicht durch den gesamten Film (so gibt es durchaus auch attraktive Böslinge), fällt aber dennoch als Tendenz unangenehm auf.
Dass D'Amato die Figur der Emmanuelle über die Echtheit ihrer vermeintlichen Drogenträume, über die Folterungen für schmierige Snuff-Videos in Verzückung geraten lässt, weil sie nun die Story ihres Lebens gefunden haben will, steht auch in krassem Kontrast zum Tonfall des Films und wirkt beinahe schon unangemessen & unfreiwillig schwarzhumorig.
Dass der Film hier mit Männlichkeitsidealen bricht und den liebenswertesten Mann des Films einen nicht sonderlich erfolgreichen und auch nicht übermäßig umwerfend attraktiven Charakter sein lässt, ist zwar zu begrüßen, dennoch peilt man hier ein Publikum an, das Homoerotik bloß unter Frauen zu sehen wünscht: Lesbenerotik bietet D'Amato immer wieder, Schwulenerotik wird hier peinlich genau ausgeklammert - der übliche chauvinistische Tonfall der Mainstream-Pornographie... allzuweit reicht der Bruch mit Männlichkeitsidealen also wieder nicht, die männliche Bisexualität ist ein Tabu, an das sich D'Amato vollkommen hält.
Besondere Erwähnung verdienen freilich zwei Szenen, für die "Emanuelle nera in America" berüchtigt geworden ist: neben allerlei Soft- und Hardcore-Sexszenen (an letzteren hatte Laura Gemser selbst nie teilgenommen), die auf der Orgie auch eine vergnügliche "Sploshing"-Nummer mit Sahnetorten enthalten, wäre da die Masturbationsszene einer jungen Frau an einem stattlichen Hengst... eine explizite Zoophilie-Szene, der D'Amato - der freilich vor allem ihren spekulativen Schaureiz ausreizt - mit viel Toleranz begegnet und sie als erlaubtes freiwilliges Vergnügen inszeniert, statt sie als reine Perversion zu inszenieren, der kein Verständnis entgegengebracht werden kann. D'Amato geht in dieser Szene recht weit, den money shot spart er aber aus.
Noch erstaunlicher sind sicherlich die vielzitierten gestellten Snuff-Filme, auf die Emmanuelle stößt: mit verwackelter Kamera abgedreht, auf Filmmaterial, das man hinterher künstlich altern ließ, wirken die grausamen und größtenteils realistischen Folterungen erschreckend authentisch (tatsächlich hielt man sie zunächst auch für echt). Die Erotik des Films weicht plötzlich schockierenden Bildern - eigentlich ein Verstoß gegen die Absicht eines Erotikfilms, stürzt der Zuschauer hier doch von einem Extrem der Erregung in ein entgegengesetztes anderes. Gleichzeitig aber lässt D'Amato auch die Möglichkeit offen, diese gestellten Snuff-Motive zum Lustgewinn zu nutzen - sadomasochistische, bis ins Extrem getriebene und daher nahezu unauslebbare Vergewaltigungsphantasien finden hier ihre Darstellung, die nur innerhalb des Films als reales Snuff-Material verwerflich sind, während man als Zuschauer nach anfänglichem Schock doch um ihren gestellten Charakter weiß.
"Emanuelle nera in America" ist hier unfreiwillig von einer interessanten Doppelbödigkeit erfüllt, die den Film auch ansonsten stets durchzieht: ob ein Fotoshooting zu Beginn, ein Privatharem oder ein Sextourismus-Etablissement, ob Zerschleiß menschlicher Körper im Snuff-Ring oder das Eindringen eines Filmteams in das paradiesische Idyll gegen Filmende: andauernd zeigt D'Amatos Erotikfilm, der bezahlte Schönheiten für ein zahlendes Publikum in Szene setzt, dieses Prinzip vom Verkauf eigener oder anderer Körper an ein lüsternes Publikum (mal als Foto, mal als Film, mal als Prostituierte oder Gigolo).
Die eigene Heuchelei seines Exploitationfilms (und nichts anderes ist "Emanuelle nera in America" letztlich, wenn auch recht beachtlich inszeniert), der die Vermarktung von Körpern verurteilt aber selbst anwendet (und anwenden muss) und die Utopie von Zwanglosigkeit und Freiheit nur inszenieren, als kommerzieller Film jedoch nicht schon selbst erreichen kann, tritt hier voll und ganz zutage. (Ein undergroundiger pornographischer Klassiker der 70er Jahre wie "Thundercrack!" (1975) ist da letztlich deutlich freier, ehrlicher und weniger berechnend; D'Amatos Horror-Sex-Mischungen wie "Emanuelle e Françoise le sorelline", "Emanuelle e gli ultimi cannibali" (1977), "Buio Omega" (1979), "Le Notti erotiche dei morti viventi" (1980), "Woodoo Baby" (1980), "Porno Holocaust" (1981) können ihre spekulativen Züge nie ganz verbergen.)
Letztlich ein durchaus reichlich unausgegorener Film (was allein schon für die beliebig ablaufende "Dramaturgie" gilt), der sein eigenes Genre mal gelungen unterwandert, ihm mal völlig erliegt, der mal erfreulich, mal ärgerlich daherkommt; aber gerade in dieser unzusammenhängenden Fülle faszinierend.
Neben D'Amatos "Emanuelle e Françoise le sorelline", "Buio Omega", "Antropophagus" (1980) und "Le Notti erotiche dei morti viventi" einer der eigenwilligsten Filme des italienischen Schmuddelfilmers - und wohl für immer eine meiner guilty pleasures.
6,5/10