Review

Massaccesi scheint sich vor allem von "Massakrieren" abzuleiten.

DER Skandalfilm innerhalb des ohnehin skandalträchtigen Œuvre D'Amatos, die Chronistenpflicht zwang mich, auch dieses bizarre Teil anzuschauen. Es hat mich nicht aus der Bahn geworfen oder sittlich noch weiter in den Abgrund gerissen, als es ohnehin schon der Fall ist. - Obschon der Film mit starkem Tobak aufwartet, der noch über D'Amatos/ Massaccesis "Buio Omega" oder "Maneater" oder "2020 - Texas Gladiators" oder "Absurd" hinausgeht (so zumindest meine Beurteilung).

Geboten wird über weite Strecken ein eher braver Softerotik-Film (und in den geschnittenen Fassungen - ob vom Regisseur entschärft oder nachträglich zensurbedingt - bleibt es auch dabei). Der Film hakt seine Handlungsstationen ab, lässt sie und deren bescheiden ausgearbeitete Protagonisten zurück, ohne noch einmal zurückzuschauen.
 Einen immerhin bleibenden - wenngleich widerlichen - Eindruck hinterlässt der hässliche Reiche, der sich einen Harem hält, sein Geschwafel ist kaum auszuhalten. Zwielichtig wirkt Emanuelles "Hauptlover", der ab und an auf den Plan tritt und dann gleich wieder verschwindet. Und, nicht vergessen, Lorraine De Selle (Cannibal Ferox, uvm.) spielt mit und hat als Bestandteil des Millionärsharems ganz alltägliche Frauenprobleme, nach D'Amato-Art: "Wenn er mich doch wenigstens mal über's Knie legen würde...".

Die Handlungsakte unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Atmosphäre oft derart, dass "Emanuelle in Amerika" wie aneinandergereihtes Stückwerk wirkt. Opulenz (Venedig-Episode), garstige Gewalt (siehe unten), (aufgesetzte) Ernsthaftigkeit (Diskussion zwischen Emanuelle und dem leitenden Redakteur in der Redaktion) und überdreht Unbeschwertes, leicht Irres (die nicht zum Film passende Schlusszene bei den Eingeborenen) folgen, wenig elegant übergeleitet, aufeinander.

Einige Längen und viel aufgesetztes Gelaber (ständig kleinere Machtspielchen zwischen Mann und Frau - ein dünner roter Faden im Film) gilt es dabei durchzustehen. Dreimal ist mir eine Dialogzeile als überraschend originell aufgefallen, manches hat sogar Verve, meistens aber dominiert das Genre-Klischee.

Zwischen-Resümee: Zelebrierter Hedonismus. Die Grundhandlung passt auf den bekannten Bierdeckel. Die Musik (Nico Fidenco) ist mitunter gekonnt eingesetzt, die Kameraarbeit zuweilen auffallend gut (letzteres bekanntlich auch Joe D'Amatos eigentliche Profession). Emanuelle/ Gemser schwebt anmutig und selbstbewusst von Schauplatz zu Schauplatz und nimmt sich, was sie will, bzw. wen sie will. Gelegenheiten zum Ausziehen gibt es immer. Eine erstaunliche Frau in seltsamen Filmen (einmal saß sie ja auch bei Terence Hill auf dem Sozius).

In der längsten - und wohl auch eigentlichen - Fassung dann die Aufreger-Szenen, von denen einige seinerzeit auch das Gericht/ die Gerichte beschäftigten: Die berüchtigte Pferde-Szene ist absolut unmotiviert ins Geschehen hineingepflanzt, wirkt in ihrer Machhart etwas albern - und dennoch ekelhaft. Eine kalkulierte Tabuverletzung, aber allzuviel wird dann glücklicherweise doch nicht gezeigt.
Dann, recht spät im Film, ein paar kurze, knackige Hardcore-Szenen (Madame Gemser bleibt wie immer sauber), wie sie D'Amato oft noch "am Rande der Dreharbeiten" in Szene setzte. Dies meist ganz ohne Beteiligung seiner "Stars", wie George Eastman oder eben Laura Gemser, die von der Existenz dieser Szenen oft überhaupt nichts wussten, bzw. davon Kenntnis besaßen, aber darüber hinwegsahen (wie ich diversen Interviews entnahm).
Und schließlich dieser "Pseudo-Snuff", diese kranken 30 Sekunden-Gewaltexzess-Filmchen im Film, welche tatsächlich, auch aufgrund ihrer - in Bezug auf die Effekte äußerst realistischen - Machart, einen niederschmetternden Eindruck hinterlassen. Selbst für Italo-Exploitation-Verhältnisse. Die Schlusszenen von Pasolinis "Salo" sind beinahe gnädig inszeniert dagegen, und auch Aktuelles, wie "Martyrs", wirkt im Vergleich eher zurückhaltend.
Unerwähnt soll dabei nicht bleiben, dass besagte Szenen in ihrer Machart schon jene vielzitierten aus dem vier Jahre später entstanden "Cannibal Holocaust" vorwegnehmen, wo Deodato ähnlich glaubwürdig "Amateurfilmersequenzen" in die Handlung integrierte, indem er wackelige Aufnahmen gekonnt auf alt trimmte.

D'Amato hat bei diesem Italoschmuddel wirklich keine Gefangenen gemacht - ein Teil der Filmgeschichte, aber kein rühmlicher. Massaccesi scheint sich vor allem von "Massakrieren" abzuleiten. Kleiner Scherz.
Die letzte halbe Stunde von "In der Gewalt der Zombies" - da hat D'Amato z.B. mal gezeigt, was er auf dem Kasten hat; das ist fiebriger, irgendwie entrückter Italo-Horror, den man sich gerne antut; aber ob besprochenes Filmchen lebt vor allem von seinen Provokationen.

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