„To be born is to be wrecked on an island“
– J.M. Barrie, 1913
Im ersten Moment registriert das Auge nicht das Bild, sondern den Rahmen. Wie durch ein Bullauge von einem retro-futuristischen U-Boot, das einem Abenteuerfilm aus den 50er Jahren als Kulisse gedient haben könnte, formt sich der Ausschnitt auf ein exotisches Inselparadies, und man glaubt beinahe, jeden Moment könnte die Gischt ans Fenster spritzen. Es dauert aber nicht lange, bis man sich an die starre Aussicht gewöhnt hat. Dann klärt sich der Blick für die unermessliche Fülle, die hinter dieser flachen Glasscheibe wartet, dem einzigen Trennkörper des Betrachters vom Betrachtungsgegenstand. Auf der anderen Seite erstreckt sich ein Phantasma aus verschlungenen Körpern, Pflanzen und Säften aller Art, das sich mäandernd, hybridisierend und symbolisierend von einem Ur- in einen Zielzustand zu verwandeln scheint.
Kurzfilm-Regisseur Bertrand Mandico hat Gründe dafür, dass man seinen in Super 16mm gedrehten ersten Langfilm erleben soll wie durch die Fensterscheiben einer Isolationsglocke. Das Ziel ist zwar, die Illusion möglichst lebendig wirken zu lassen, dennoch ist sie nicht dazu gedacht, dass man sie eigenhändig durchstreift, als sei man selbst Teil der Handlung; schließlich geht es hier nicht um Virtualität, sondern um eine märchenhafte Illustration.
Lose basierend auf der postapokalyptischen Zukunftsdystopie „The Wild Boys – A Book of the Dead“ von William S. Burroughs, frönt Mandico seinen erotischen Phantastereien lieber in der Vergangenheit, genauer gesagt der bourgeoisen Ordnung des frühen 20. Jahrhunderts. Im auslösenden ersten Akt geht es um den mutwilligen Verstoß gegen die vorherrschenden ethischen und moralischen Prinzipien durch eine junge Gruppe männlicher Wilder aus gutem Hause, die dem schädlichen Bann des Okkulten verfallen sind. Im Sinne einer aufgeklärten Zivilisation, in der ungehemmter Wildwuchs nicht geduldet werden kann, erfordert die Tat der Bande Sanktionen; wenn schon nicht durch das (diesmal machtlose) Gesetz, dann zumindest durch die Eltern. Die schicken ihren verkommenen Nachwuchs im zweiten Akt auf eine Seefahrt mit einem autoritären Kapitän (Sam Louwyck), der ihnen auf engem Raum Zucht und Ordnung beibringen soll, bevor am Ende der Reise eine Insel wartet…
Sexuelle Rituale, in denen Lust und Gewalt ebenso wie Unschuld und Verdorbenheit untrennbar miteinander verknüpft sind, noch dazu unter Beteiligung durchgehend androgyn wirkender Darsteller, lassen „The Wild Boys“ zu einem entflammten Phoenix des queeren Kinos geraten. Der kultivierte Status Quo auf dem Festland ist nur die Startbahn auf dem Weg in eine Odyssee, auf der Architektur und Mode in die Ferne gleiten, während sich die Farne öffnen und das Glitzern von Sand, Meer und triefenden Ölen freigeben.
Die Insel, im Film beschrieben als Auster, die Perlen ausbrütet, fungiert in der Fiktion seit jeher als Mikrokosmos, auf dem Experimente geführt, Ursprünge erkundet und tief verborgene Wahrheiten aufgedeckt werden können. Mandico bewegt sich bei ihrer Erkundung in tiefen Traditionen und ist sich dessen spürbar bewusst; die völlig formlose Bildsprache lässt Referenzen an 100 Jahre Film entstehen und im gleichen Moment wieder zerfallen, um Raum zu schaffen für neue Referenzen. Ganz generell zeigen sich die Schatten der Stummfilm-Ästhetik. Dann gibt es Rückprojektionen wie aus der Ära Hitchcocks zu bestaunen. Dargestellte Gesichter und Gegenstände aus dem projizierten Hintergrund erscheinen dabei oftmals überdimensional groß und erzeugen so einen surrealistischen Effekt. Low Key und High Key spülen sich gegenseitig hinfort wie die Gezeiten. Das Filmkorn wächst bisweilen zu Hagel an und zerfällt dann wieder zu feinem Granulat. Ein Gesicht wird per Überblendung auf eine Felswand projiziert oder per Maske auf ein Tier. Vor allem jedoch erblüht die Schwarzweiß-Basis in den besonders traumartigen, umwälzenden Momenten zu einer Palette aus verwitterten Inseltraum-Farben wie von einer ausgeblichenen Postkarte, als würden Lovecrafts „Farben aus dem Weltall“ ihren Einfluss auf das Irdische geltend machen. Powells / Pressburgers „Irrtum im Jenseits“, Premingers „Bonjour Tristesse“ oder die von Mandico selbst als Einfluss angeführten „Pinku Eiga“-Werke des japanischen Regisseurs Kōji Wakamatsu hinterlassen hier ihre Spuren.
Der Soundtrack unterstreicht die tausend Gesichter des Films und seiner Gestalten zusätzlich. Eigenproduktionen vermischen sich mit Experimentalmusik und New Wave der 70er (Nina Hagen). Der fremdartige Einsatz klassischer Stücke (Tchaikovskys „Danse de la Fée Dragée“, Offenbachs „Barcarolle“ aus „Hoffmanns Erzählungen“) erinnert an die Vorgehensweise eines Stanley Kubrick.
Man könnte der Unermesslichkeit der hervorgebrachten filmhistorischen Bezüge eine fehlende Linie vorwerfen, aber eigentlich frönt Mandico lediglich seinem Credo, dass Filme (anders als die zu Beginn gezeigte bourgeoise Kultur) keine Regeln benötigen, um sinnerfüllt zu existieren. Dass sich der reichhaltige Rückgriff auf alte Filmtechniken unterschiedlicher Jahrzehnte so flüssig zu einer neuen Vision zusammensetzt, die schillert und fasziniert, gibt ihm wohl Recht.
Nachdem der in harten Kontrasten gedrehte Festland-Akt Kubricks „Clockwork Orange“ aufleben lässt, laufen die filmhistorischen Bezüge kontinuierlich weiter rückwärts in der Zeit. Jules-Verne-Adaptionen aller Couleur, Geschichten aus 1001 Nacht, Seefahrt- und Piraten-Abenteuer spiegeln sich während der Überfahrt auf dem Meeresspiegel, nur eben mit diesem perversen Twist, der sich zwischen den Jugendlichen und ihrem Kapitän ergibt. Unentschlossenes, Form- und Dehnbares trifft in diesem Abschnitt auf den gegerbten, tätowierten Felsen, den der Bootsführer seinen Körper nennt. Es entsteht Bewunderung und Abhängigkeit, Faszination und Besessenheit. Spätestens jetzt gibt Mandico völlig seiner Affinität für Metaphern nach, erst recht, als der Hund des Kapitäns in der Nacht als Dämon mit glühenden Augen über die Gesichter der schlafenden Jungs streicht und dabei die bestialische Seite des Männlichen verkörpert.
Doch erst die Insel wird zum absoluten Quell immer neuer Mutationen des Metaphorischen, die dann auch regelmäßig von den Reisenden in entsprechende Worte verkleidet werden. Girlanden kräuseln sich verspielt und Sträucher zittern, als würden sie von menschlicher Koordination gesteuert; die „Triffids“ lassen grüßen, doch auch Bavas „Planet der Vampire“ zeigt sich zwischen den Steinformationen. Angesichts der Anwesenheit eines Kapitäns und der außerirdischen Anmutung der vorhandenen Flora möchte man auch immer wieder an die erste „Star Trek“-Serie denken. Was sich Kirk und Spock jedoch nicht zu träumen gewagt hätten: Auf dieser Welt öffnen Sträucher ihre Schenkel, haarige, stinkende Früchte füllen die Mägen und die Milch fließt im Paradies aus fleischigen Wülsten, die bequem auf Kopfhöhe von Bäumen wachsen. In dieser Phase gehen die metaphorischen Gäule womöglich ein wenig mit dem Regisseur durch; auch thematisiert er den Ansatz einer „Feminisierung der Gesellschaft“ als antike Utopie im folgenden etwas zu offensiv. Inhaltlich wird der höchste Ausdruck vielmehr in jenen Momenten erreicht, in denen sich die Bildnisse ihre vielfältige Interpretierbarkeit bewahren. Niemand, der einen Blick auf das mit Haaren verklebte Segel des Kapitäns geworfen hat, wird diese Abstrusität wohl jemals vergessen können.
Trotz der zahllosen Versuchungen, die das Formelle einem Kunst- und Experimentalfilmer wie Mandico stets bietet, weiß dieser genau, dass er sich einfach nur auf seine Darsteller verlassen muss, wenn er am Ende mehr vorbringen möchte als eine verkopfte Collage aus surrealen Plastiken, die mit der Realität durch metaphorische Schleimfäden verbunden sind. Lorillard, Pons, Rouxel, Snoek und Warnier bilden gemeinsam den wichtigsten Spezialeffekt des Films. Ihre Transformation gehorcht zwar den Naturgesetzen der Fluidität, von der Mandico so besessen ist, ironischerweise verleiht sie dem 110-minütigen Werk aber auch seine feste Form. Die Darsteller sind es, die verhindern, dass der Spielfilm in viele kleine Kurzfilme zerfällt, die alle ihre eigene Stimmung verfolgen.
„The Wild Boys“ stellt Forderungen an ein maximal offenes Publikum: Wenn die Seefahrt beginnt, wird wohl selbst unter den aufgeschlossenen Cineasten jeder Zweite am Festland zurückbleiben. Dabei ist es eigentlich ein weicher, ein süßlich schmeckender Film; kein völlig unverständlicher Arthouse-Alptraum, eher ein märchenhaftes Mosaik. Kein Hardcore-Porno, wie ihn sich Burroughs vorstellte, sondern höchstens eine erotisch kribbelnde Irritation. Der bisweilen zum Plakativen neigende Einsatz von Metaphern gehört zu dem Gefühl der Irritation sicherlich dazu, doch in der Verflüssigung aller Regelwerke bleibt genug Essenzielles übrig, das von der Insel mitgenommen werden kann.