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Sie wirken ein wenig übermütig, die jungen Medizinstudenten, die unter der strengen Ägide von Dr. Wolfson an einem Krankenhaus in Toronto ihre Ausbildung durchlaufen. Dabei wird die Clique um Courtney Holmes (Ellen bzw. Elliot Page) bald ihre eigenen Experimente starten, denn angestachelt von der umtriebigen Dunkelhaarigen, wird sie das Forschungsfeld Nahtoderfahrungen bald nicht mehr loslassen. In einem derzeit nicht genutzten, medizinisch eingerichtetem Raum im Keller legt sich Courtney höchstpersönlich auf die Liege, um ihre Herzfrequenz fast bis zum Stillstand zu bringen - nach kurzer Zeit will sie wieder ins Leben zurückkehren und über diese ihre Erfahrungen, von denen sie sich viel verspricht, berichten. Ihre Kommilitonen Marlo (Nina Dobrev), Jamie (James Norton) und Sophia (Kiersey Clemons), die zunächst gar nicht wissen, wie ihnen geschieht, dann aber aus Neugier mitmachen, assistieren ihr, später kommt noch Ray (Diego Luna) dazu. Das Experiment gelingt - Courtney erwacht wieder aus dem Schattenreich und fühlt sich in den Tagen danach deutlich vitaler: sie erinnert sich an viele Dinge von früher, glänzt bei den Vorlesungen mit unerwartetem Fachwissen und ist ganz allgemein fröhlicher.
Diese Wandlung bestärkt die anderen Studenten, sich jeweils selbst jener Prozedur zu unterziehen - einer nach dem anderen wird zum titelgebenden flatliner, was sich übrigens auf die fast durchgehende Linie der Herzfrequenz am Monitor bezieht. Und auch sie haben zunächst Glücksgefühle danach, doch das dicke Ende kommt postwendend - neben den vielen positiven Erinnerungen kommen nämlich auch negative Erfahrungen zum Vorschein. So hatte Courtney vor Jahren ihre Schwester bei einem Autounfall verloren, ein verdrängtes Ereignis, das sie nun zunehmend belastet, Jamie hatte eine frühere Freundin geschwängert und sie dann sitzengelassen und Sophie eine Mitschülerin übelst gemobbt - Begebenheiten, die die freiwilligen Probanden in Form von Visionen nun immer stärker belasten...

Das 2017er Remake von Joel Schumachers gleichnamigem 1990er Film flatliners greift das seinerzeit dominierende Thema von Schuld und Sühne eher als Nebenhandlung auf - im Vordergrund steht vielmehr der techniklastige medizinische Background der Nahtoderfahrungen sowie einige (Horror-) Visionen, die dank fortgeschrittener Bildtechnik ihre Wirkung auch nicht verfehlen. So ordnet sich dieses Remake dann auch mehr in die Sparte sanftes Gruselpsychodrama als in das Genre SciFi ein - vom Regisseur des 1. Teils (Verblendung) der großartigen Milleniums-Trilogie hätte man sich allerdings deutlich mehr erwartet als dieses alles in allem seichte Studenten-Filmchen.

Die einzelnen Darsteller - und hier besonders Ellen Page - vermögen in ihren Rollen durchweg zu überzeugen, besonders sympathisch kommen sie jedoch nicht rüber. Dies gilt sowohl für den den Experimenten gegenüber grundsätzlich skeptischen Ray, der hier als schon weiter ausgebildeter Arzt eine Art moralischer Instanz verkörpern soll wie auch für den schon aus dem Original bekannten Kiefer Sutherland, der hier eine winzige Nebenrolle als leicht überheblicher Uni-Professor bekleidet.
Vor allem jedoch die völlig unkritische Begeisterung angehender Ärzte(!) für die lebensgefährlichen Selbst-Experimente (als seien diese ein neues Deodorant oder eine neue Salatsauce, welche man mal so nebenbei ausprobiert) schaffen eine gewisse Distanz zu den Filmcharaktären: die wissen offenbar gar nicht, was sie da tun, und dies bezieht sich nicht nur darauf, daß ein Defibrillator auf der Haut angesetzt werden muß, da er durch die Kleidung (anders als es der Film suggeriert) nämlich überhaupt keine Wirkung hat. Dementsprechend kann man ob dieses nicht nachvollziehbaren Leichtsinns bei flatliners auch nicht wirklich mitfiebern.

Seine eher mäßige Spannung bezieht das Remake dann auch mehr aus den zu erwartetenden negativen Flashbacks bzw. deren graphischer Umsetzung vor allem in der zweiten Hälfte des Films, nachdem Courtneys ungebremster Optimismus durch einen grauen Duschvorhang als vermeintliches Leichentuch in ihrer Wohnung einen ersten Rückschlag erfährt. Allzuviel darf man sich in dieser Richtung allerdings nicht erwarten, zu glattgebügelt und vorhersehbar (auch ohne das Original zu kennen) verläuft dann die weitere Handlung, die trotz gesteigerten Erzähltempos keinen größeren Nervenkitzel mehr generieren kann.

Fazit: Das Remake eines vor 30 Jahren noch spannenden, aus anderer Perspektive erzählten Themas mutiert 2017 zu einer wenig glaubhaften Story über die Auswirkungen eines selbstverursachten Herzstillstands - flatliners ist bestenfalls mäßig unterhaltsam, mehr allerdings auch nicht. 4 Punkte.

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