Wie bei Monty Python: Ein schurkischer Fiesling beansprucht das Besitzrecht auf ein Stückchen Land, auf dem zum Teil das Haus eines Schmieds steht; eine Einstellung später sieht man den Schmied dann bei der Arbeit - vor seinem nun halbierten, zur Hälfte abgerissenen Haus, in dessen Inneres eine Schar fassungsloser Mitbürger hineinstarrt. Es sind gerade diese Momente des Films, die erbarmungslosen Untaten des titelgebenden Juden, die es einem heute überaus leicht machen, der propagandistischen Wirkung dieses vielleicht populärsten Hetzfilms nicht zu erliegen. Auch die Ablehnung der Juden durch vereinzelte Figuren hält einem vor Augen, wessen Geistes Kind dieser Film ist: trifft Malte Jägers Faber erstmals auf den angereisten Oppenheimer[1], dabei argwöhnisch "Das ist doch ein Jude" raunend, um diesem dann schlagartig ausgesprochen aggressiv zu begegnen, muss man schon ein eingefleischter Antisemit sein, um nicht mit Ferdinand Marians Oppenheimer, der sich elegant aus der Affäre zieht, zu sympathisieren und in Faber sein Feindbild zu finden.
Dumm nur, dass diese Zu- und Abneigung dann bereits jene Distanz durchbrochen hat, die man dem Film gegenüber einnehmen wollte. Man merkt plötzlich, dass er emotional wirkt, wenn auch eher anders als intendiert. Manchmal aber auch der Intention entsprechend[2]: zwar wird er heutzutage niemanden zum Antisemitismus verführen, aber es gibt diese Momente im Film, in denen einem plötzlich die weniger aggressiven Antisemiten nicht gänzlich unsympathisch sind - etwa Eugen Klöpfer als meist milde auftretender Konsulent Sturm -, in denen man sich für einen Moment eher vor Oppenheimers jüdischem Sekretär (Werner Krauß in einer von mehreren Rollen) ekelt, als vor dem zugrundliegenden Regiekonzept (das den Ekel erzeugt und den Grund für diesen Ekel im "Urjüdischen" des gemeinen "Urjuden" [O-Ton Harlan] ansiedelt), das man sich nach dem ersten Affekt wieder erstmal ins Gedächtnis zurückrufen muss. Immer dann, wenn die Ursachen für solche Zu- und Abneigungen gravierender werden, tritt das Wissen um die perfide Inszenierung am deutlichsten in den Vordergrund - in den allermeisten Fällen befindet es sich aber ohnehin schon deutlich genug in diesem.
Und so fällt es auch zunächst schwer, sich vorzustellen, dass die zumeist doch sehr plumpe Masche 1940 und die Jahre darauf gewirkt haben soll... dass die Leute nicht schon 1940 abgewunken haben, wenn Harlan seinen überzogenen Bösewicht das Haus des Schmieds halbieren lässt. Es erweist sich dann doch als ausgesprochen vorteilhaft, den Film im kommentierten Rahmen mal in einem Kino sehen zu können: nicht in erster Linie wegen dieses Rahmens, in dem man dann unter anderem von den zahlreichen Zeitzeugen-Berichten erfährt, nach denen die Hemmschwelle im Hinblick auf Endlösungsfragen nach der Sichtung von "Jud Süß" deutlich gesunken sein soll - sondern vor allem wegen der verkappten Altnazis, die sich regelmäßig in diesen Vorstellungen finden lassen, die einzig und allein die grauenhafte Gewalttätigkeit in dem Film als Mangel auffassen, die Klischeedarstellungen genuin jüdischer [!] Eigenschaften leugnen, alle Mitwirkenden verteidigen und vom deutschen Filmgeschäft sprechen, das sich vor 1932 "in jüdischer Hand" befunden habe. In diesen Diskussionen kann man dann regelmäßig live miterleben, was man eigentlich nur schwer glauben mag: Ein (bald ausgestorbenes) Publikum von damals heute bei der Zweitsichtung des Films erleben zu können, vermittelt in vielen Fällen noch am eindringlichsten die Wirkung dieses Films auf ein damaliges Publikum. Man bekommt dann doch eine Ahnung davon, wie widerstandslos man - unter entsprechender Rundum-Propaganda, in entsprechender Gesellschaft - die Klischees und Verschwörungstheorien damals wohl teilweise aufgenommen hat.
Die geradezu unwiderstehliche emotionale Sogkraft, die man dem Film wohl durchaus attestieren muss, liefert den Nährboden, auf dem dann schließlich die krausen Botschaften angesiedelt werden: Im Prinzip ist es nicht schlimm, wenn man beim Anblick des schmierigen jüdischen Sekretärs kurzfristig einem plötzlich auftretenden Ekel verfällt (solange man mit diesem Ekel auf die "schmierigen" Züge reagiert, und nicht auf die vermeintlich "jüdischen" Züge, die der Film allerdings bereits größtenteils in einen Kausalzusammenhang setzt: schmierig, weil jüdisch), erst recht ist es kein Problem - auf der Seite Oppenheimers stehend - Abscheu zu empfinden, wenn der blonde, fesche Ariertyp Faber seinem Antisemitismus unverhohlen freien Lauf lässt... "Jud Süß" setzt nun aber vor allem darauf, dass man - der emotionalen Sogkraft erstmal erlegen - sich den kleineren und größeren, subtileren und gröberen Manipulationen öffnet. Fabers Vorurteile werden gegen Ende bestätigt, selbst der vergleichsweise milde, duldsame Sturm schlägt sich voll und ganz auf dessen Seite - er verurteilt unter Berufung auf Luthers antisemitische Schriften ("Von den Jüden und ihren Lügen", von den Nazis gerne herangezogen um die von Luther selbst so keinesfalls geforderten Pogrome schmackhaft zu machen) den verschwörerischen Juden zum Tode und verhängt - die Freude steht ihm ins Gesicht geschrieben - den "Judenbann" über die Stadt, an dem noch alle folgenden Generationen ehrenhaft festhalten sollen. Und immer wieder ist der Film bemüht, Oppenheimers "Untaten" - von denen nicht wenige vom geneigten Zuschauer als Rache eines von Antisemiten Geknechteten goutiert werden können[3] - nicht zu bloßen Untaten eines Einzeltäters abzustempeln, sondern sie vielmehr als Tat der Juden überhaupt zu verkaufen. Da wird vom "säuischen Wesen" gesprochen, das "der Jude [...] an unseren Frauen und Töchtern treiben" will, immer wieder stellt Oppenheimer seine Eigenschaften als genuin jüdische Eigenschaften aus - etwa wenn er im Gespräch mit Rabbi Loew die jüdische Art und Weise, die Wahrheit zu sagen, betont -, immer wieder wird Luther herbeibemüht, um etwa Dorotheas Vergewaltigung durch Oppenheimer eine historische Dimension anzudichten und gleichzeitig wird der vermeintlich historische Fall "Jud Süß" auch zur historischen Vertiefung der damaligen Gegenwart: Unter Berufung auf Luther zeigt der angebliche Historienfilm "Jud Süß" dem Publikum, warum Ehe und "Rassenschande" mit Juden ein Unding sein müssen. Und nicht zuletzt wäre da Werner Krauß zu nennen, der in fünf Rollen gleich fünfmal einen Juden darstellt und damit die "gemeinsame Wurzel" der Juden regelrecht ins Auge springen lassen soll.
Im Nachhinein mag freilich keiner verantwortlich gewesen sein: Veit Harlan nicht, Ferdinand Marian nicht, der Krauß nicht, die naive Söderbaum sowieso nicht; jeder will gezwungen worden, keiner mag unbekümmert dabei gewesen sein. Und die meisten wollen versucht haben, aus dem Unglück noch das Beste zu machen: Marian, ein außerordentlich talentierter Darsteller, betonte, er habe seinem Oppenheimer charmante Züge verleihen wollen, um das Publikum für diesen zu vereinnahmen - nicht ohne Erfolg, stärkte der Film seine Rolle als Frauenschwarm doch enorm. Was ein löblicher Ansatz gewesen sein mag, entpuppte sich dann jedoch als perfide Taktik, die antisemitischen Absichten nicht gleich zu Anfang offen auszuspielen. Zudem wurde er als eleganter jüdischer Charmeur, der sich mit Gewalt die unschuldige Dorothea greift, auch zur potentiellen Zielscheibe des Neides männlicher Zuschauer, die sich mit einem Juden nicht identifizieren wollten: nach "Dracula" (1931) und "King Kong" (1933) quasi ein überzeichnetes, fremdes Monstrum aus Deutschland - auf dem Filmplakat wird der süffisant lächelnde Oppenheimer passenderweise monströs, giftgrün verfärbt abgebildet -, das als Verführer und/oder Frauenräuber und damit als Konkurrent auftritt.
Krauß - ebenfalls ein außerordentlicher Darsteller, bekannt als Dr. Caligari aus "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1919) oder als Scapinelli aus dem zweiten "Student von Prag" (1926) -, dem oft und gerne Antisemitismus vorgeworfen worden ist, betonte, er habe die mehrfachen Rollen verlangt, um letztlich nicht engagiert zu werden (was wohl - falls es denn so lief - nicht geklappt hat); auch betonte er, er habe die verschiedenen Rollen nuanciert gespielt, um den Juden individuelle Züge zukommen zu lassen - was angesichts der zugrundeliegenden Wurzel, die Krauß als Darsteller zwangsläufig verkörperte, freilich ein sinnloses Unterfangen darstellte. Drastischere Regieanweisungen will er mit seinem Spiel etwas abgemildert haben - ob es jedoch positiv zu vermerken ist, dass etwa sein Rabbi Loew (röchelnd, keuchend & dem Äußeren nach eine krasse Karikatur) sich etwas unglücklich & bekümmert abwendet, nachdem er sich bereit erklärt hat, Oppenheimers Pläne zu unterstützen, bleibt fraglich: womöglich fürchtet Loew auch bloß das drohende Unheil, denn "streng ist die Strafe des Herrn, wenn die Juden vergessen, wer sie sind", wie er selbst es im Film formuliert. (Vor allem bleibt die Frage im Raum stehen, warum sich Krauß, der bekanntlich mit viel Herzblut möglichst häufig spielen wollte, seine Rollen in "Jud Süß" mit derartig viel Eifer, Hingabe, Mühe gibt...)
Die "Reichswasserleiche" Söderbaum, Ehefrau des Regisseurs, die hier das proppere hübsche Mädel gibt, das von Oppenheimer erpresserisch in die Vergewaltigung gezwungen wird und hinterher den reinigenden Freitod wählt, indem sie - einmal mehr - ins Wasser geht, betonte später immer wieder, einfach zu schwach gewesen zu sein, um sich gegen die Absichten des Regimes zu stellen; ihren Mann hat sie dann gerne als das eigentliche Opfer verkauft, das unter seinen Regieleistungen im Dienste der Nazis später schlimm zu leiden hatte. Harlan selbst wies in seinen Entnazifizierungsprozessen darauf hin, er habe den "Jud Süß" ja gar nicht machen wollen. Aussagen des Regiekollegen Géza von Cziffra und Tagebucheinträge Goebbels sprechen dagegen. Harlan log wie gedruckt, wurde freigesprochen - von einem Richter übrigens, der vor 1945 noch mehrfach als Staatsanwalt Todesstrafen für Diebstähle und "Rassenschande" einforderte! - und drehte ab "Unsterbliche Geliebte" (1951) - ein Boykott-Aufruf brachte dem Publizisten Erich Lüth damals eine Verhandlung wegen Sittenwidrigkeit ein, gegen deren Urteil er später erfolgreich Verfassungsbeschwerde einlegen konnte/musste! - weiterhin Filme, die dann auch mal "Verrat and Deutschland" (1955) heißen konnten... darunter auch der weitestgehend als "faschistoid" aufgenommene "Anders als du und ich" (1957), der sich auf zweifelhafte Art und Weise immerhin gegen den § 175 richten sollte.[4]
Während Harlans Mitarbeit am "Jud Süß" vergleichsweise eindeutig beurteilt werden kann, mag die Lage bei Krauß und Marian schon etwas undeutlicher liegen: wieviel Zwang und Druck sie ausgesetzt waren, in welchem Ausmaß sie was für Folgen im Falle einer Weigerung überhaupt gespürt hätten, dürfte man kaum sicher beurteilen können.[5] Interessanter als diese biographischen Fragen bleibt aber der Umstand, dass die vorgebrachten Verteidigungen von Krauß oder Marian deutlich darauf hinweisen, dass gerade ambivalentere, weniger eindeutige Feindbilder letztlich der Propaganda dienlicher waren. Wenn man von der Frage absieht, ob die Darsteller überhaupt mitspielen mussten, kann man hier eine Spur gestalterischer Ohnmacht erhaschen: Hätte man - falls man es überhaupt gewollt hat - jüdische Figuren überhaupt auf eine Art und Weise spielen können, die im Rahmen der Inszenierung durch Harlan und den alles beäugenden Goebbels tatsächlich frei vom Vorwurf antisemitischer Propaganda hätte sein können?
Die Inszenierung ist da einfacher zu be- und verurteilen: wohl auch deshalb musste sich Harlan eher als Krauß oder Marian heftiger Kritik stellen. Wenn der Film nach seinem Prolog im berühmt-berüchtigten Schnitt vom württembergischen Wappen zu einem hebräischen Türschild führt, und dem gesitteten Familienleben in Stuttgart ein Gewimmel aus Habgier und verlotterter Ungeniertheit unter den Juden gegenübersteht, dann steht die Inszenierung voll und ganz im Dienst der krausen Geschichte. Und wenn am Ende ein winselnder Jud Süß erhängt wird, sorgt Harlan mit dicken, langsam hinunterschwebenden Schneeflocken, die in reinstem Weiß vom Himmel her auf die Beteiligten kommen, für eine fast schon sakrale Atmosphäre: Die Umsetzung eines vermeintlich direkt auf Luther zurückgehenden Urteils erfährt geradezu eine göttliche Segnung.
"Jud Süß" ist alles in allem freilich jener ungenießbare Hetzfilm, den man bereits vor der Sichtung schon erwartet hat. Bleibt die Frage, wie(so) man sich den Film heutzutage anschaut: In erster Linie natürlich als ein Stückchen (Film-)Geschichte, welches subtilere Propagandataktik, vor allem aber auch ausgesprochen plumpe Maschen präsentiert, die im Deutschland des Jahres 1940 allerdings durchaus auf "fruchtbaren" Boden gefallen sind. Der enorme Erfolg des Films dürfte in erster Linie jedoch auf die handwerklich auf hohem Niveau angesiedelte Regiearbeit zurückgehen, die wie nahezu alle Nazi-Propagandafilme letztlich jedoch einen konventionellen Kitsch hervorbringt. Gerade das saubere Handwerk übt auch heute noch seinen Reiz aus, während der Film als Propagandafilm keinerlei Gefahr mehr darstellen dürfte: Vielleicht nicht das Verschwinden, aber sicherlich der deutliche Rückgang antisemitischer Vorurteile in der Gesellschaft einerseits, ein kritischeres, zumindest geschulteres Rezeptionsverhalten beim Publikum andererseits lassen den Film heutzutage nicht einfach zum Zeitdokument werden, sondern darüber hinaus auch zur Parodie der zugrundeliegenden Geisteshaltung. "Jud Süß", das schwülstige, Douglas-Sirk-würdige Nazi-Melodram, mit seinem jüdischen Oberschurken in Vincent Price Manier, setzt der Dummheit der Antisemiten unfreiwillig ein Denkmal: Da, wo sich der Film witzig gibt, wirkt er peinlich, und da, wo er sich ernst gibt, wirkt er - freilich auf arg gallige Art und Weise - unfreiwillig erheiternd... er entblößt unter heutigen Gesichtspunkten die Phantasie vom Arier als argen Schwachsinn, er feiert verkürztes Vorurteils-Denken, er verzerrt seine Feindbilder bis ins Absurde. Selten haben sich Antisemitismus und Nationalsozialismus so offensiv als Schwachsinn zu erkennen gegeben!
Was bleibt, ist teils herrlich gefilmter Kitsch, eine grandiose Selbstentblößung einer so unhaltbaren wie unsinnigen Ideologie - immer jedoch auch ein Zeitdokument, das ins Gedächtnis ruft, dass einmal andere Sichtweisen möglich waren. So kann man sich heutzutage durchaus dabei ertappen, in den kitschig-schönen Bildern und der reißerischen Dramaturgie des Films zu schwelgen, die meiste Zeit jedoch reizt der Film zu tragischem Gelächter angesichts der unverhohlenen Blödheiten - ein Gelächter freilich, das einem im Halse stecken bleiben muss.
8/10
1.) Der Jude Oppenheimer holt sich [Achtung: Spoiler!] - im Film wohlbemerkt, nicht in historischen und literarischen Vorbildern - die Genehmigung des neuen Herzogs im Stuttgart des Jahres 1733, als Jude in Stuttgart einreisen zu können, um mit dem Herzog Geschäfte zu machen. Da dieser von den Landständen in seine Schranken gewiesen wird, macht er Oppenheimer, der ihn erfolgreich umschmeichelt, zum Finanzberater, um seinen Willen (Leibgarde, Ballett, Opernhaus) durchzusetzen. Oppenheimer lässt Steuern und Zölle eintreiben, verschafft sich damit die Abneigung der Bevölkerung ebenso wie die Zuneigung des Herzogs, von dem er die Handelsfreiheit der Juden in Stuttgart durchsetzen lassen will.
Die Straßen- und Brückengelder, die Oppenheimer zu Beginn fordert - dem Herzog gegenüber begründet er diesen Vorgang nicht zuletzt mit dem verbesserungswürdigen, schlechten Zustand der Straßen (tatsächlich ist er selbst bereits auf der Anreise mit der Kutsche verunglückt, wobei der Logik des Films zufolge der auf Eile drängende Oppenheimer den letztlich gelackmeierten Kutscher da regelrecht ins Unglück geritten hat, woraufhin er von der zufällig vorbeifahrenden Dorothea [Kristina Söderbaum, Harlans Lebensgefährtin], Tochter des Landschaftskonsulenten Sturm) - sind erst der Anfang: schon bald spitzt sich die Situation zwischen vergnügungssüchtigem Herzog und rechtschaffenen Landständen derartig zu, dass Oppenheimer dem Herzog dazu rät, Soldaten zu mieten um mit diesen gegen die aufrührerische Bevölkerung und die Landstände gleichermaßen vorzugehen: hinterher könne er dann sogar als absoluter Souverän herrschen. Unterstützt wird er dabei nicht zuletzt von Rabbi Loew, der auf Oppenheimers Wunsch hin dem Herzog den Lauf der Sterne, die Wahrheit also vorhersagt, wenn auch "auf unsere Art und Weise", d.h. auf jüdische Art und Weise.
Während Sturm und sein zukünftiger Schwiegersohn Faber - der Oppenheimer schon bei dessen Ankunft feindselig gegenüberstand - alles versuchen, um Oppenheimers Pläne und die Schritte des Herzogs zu vereiteln, lässt Oppenheimer über gefälschte Unterlagen und Rechtsverdreherei Sturm gefangennehmen, später auch Faber. Von Dorothea, die eigentlich einen Gnadengesuch bei ihm vortragen wollte, verlangt er im Zuge dessen dann einen schon lange angestrebten Liebesdienst und verleiht dieser Forderung stärkeren Ausdruck, indem er Faber vor der Ohrenzeugin Dorothea peinlich verhören lässt. Die schließlich von Oppenheimer vergewaltigte Dorothea wählt den Freitod. Im anschließenden Aufruhr lässt die Militärgarde den freigelassenen Faber und Sturm zum Herzog vor, um das schlimmste - den Bürgerkrieg - zu verhindern: Der Herzog schäumt vor Wut und kippt tot um (Herzinfarkt!), Oppenheimer kann sich nicht mehr rechtzeitig aus dem Staub machen und landet vor Gericht, wo ihn jedoch nicht ausschließlich Rachsucht erwartet, sondern auch Mitleid: schließlich herrscht hier christliche Nächstenliebe und nicht jüdische Rachsucht... Oppenheimer wird schließlich wegen des Beischlafs mit einer Christin zum Tode verurteilt.
2.) Der Begriff der Intention ist in diesem Fall jedoch nicht so leicht zu umreißen: Um den Antisemitismus zu schüren, nahm man ganz bewusst den Umweg über ambivalent gezeichnete jüdische Figuren in Kauf, um dann quasi hinterrücks zuzuschlagen. Man stellt erst eine vermeintliche Fairness unter Beweis, um sie anschließend ganz nebenbei wieder abzubauen. Aus diesem Grund auch wurde ein unverschleierter Hetzfilm wie Hipplers "Der ewige Jude" (1940) als weitestgehend unwirksam eingestuft, während ein sich zu Beginn noch verhältnismäßig ausgewogen gebender Film wie "Hitlerjunge Quex" (1933) als wirksame Manipulationsmaschinerie gefeiert wurde.
3.) Der Film selbst bringt das Rachemotiv ins Spiel: Kurz bevor Oppenheimer Sturms Tochter vergewaltigen wird, betont er, dass auch die Juden einen Gott haben, den "Gott der Rache. Auge um Auge, Zahn um Zahn." Wenn dann am Ende sein Todesurteil verhängt wird, betont Sturm - der als ärgster Betroffener das Urteil fällen darf -, dass man nicht der Rache frönen dürfe: von diesem "Judenrecht" sich distanzierend, braucht er nur seinen braven Luther herbeizukramen und kann Oppenheimer, der mit einer Christin sexuell verkehrte, den Tod durch den Strick aufbrummen.
Dass Oppenheimer bei der Urteilsvollstreckung noch um sein Leben bettelt und winselt, dass er lügt und sich windet - ganz anders als der reale Oppenheimer, mit dem Marians Jud Süß ohnehin wenig gemeinsam hat -, nimmt dem Publikum dann schließlich auch die letzte Möglichkeit, den Film gegen den Strich als anti-antisemitische Rächergeschichte zu lesen und ihn derart umgestülpt für sich zu vereinnahmen. (Wobei zunächst ein anderes Ende angedacht gewesen war, das Oppenheimer keinesfalls flehend, sondern seine Richter verfluchend zeigte - Goebbels lehnte dieses dann jedoch aus naheliegenden Gründen ab.)
4.) Allein die Titelverschiebung von Oswalds "Anders als die Anderen" (1919) zu Harlans "Anders als Du und Ich" kann man schon als bezeichnend ansehen.
5.) In den Entnazifizierungsprozessen hatte man Gelegenheit gehabt und diese weitestgehend versäumt... nicht nur im Hinblick auf die Personen des Propagandafilmbetriebs, sondern auch im Hinblick auf die Filme nahmen Entnazifizierungsvorsätze sonderbare Formen an: Die FSK ließ 1958 etwa die Olympia-Filme der Riefenstahl von dieser höchstpersönlich um die besonders kitzligen Szenen kürzen und präsentierte die Filme dann als scheinbar saubere Sport-Dokus, denen man ideologische Abgründe dennoch noch immer ansehen konnte.