Wie auch in anderen Werken des Abenteuerfilm-Pioniers Dr. Arnold Fanck dient das Handlungsgerüst hauptsächlich als Aufhänger für eine wagemutige und aufwendige Inszenierung der Naturgewalten. Was man bis dahin schon mehrfach in Verbindung mit den Bergen und ihren Gefahren als Herausforderung für den Menschen erleben durfte, wird in "SOS Eisberg", wie man sich anhand des Titels schon denken kann, im Kontext arktischer Gletscher und Eisschollen praktiziert: Film als Neuentdeckung von Landschaften, die bis dahin kaum ins Bild gesetzt worden waren.
Alles andere als untypisch ist natürlich in diesem Kontext die Beteiligung von Fancks Stammdarstellerin Leni Riefenstahl, die mit ihrer sportlichen Begabung und ihrer ambitionierten Persönlichkeit die mutigen Frauenfiguren dieser Filme gebührend zu porträtieren wusste. Als attraktive, aber nicht allzu hübsche Erscheinung setzt sie stets einen belebenden Akzent in der Männerwelt der Fanckschen Abenteuerwelten, die stets auch kameratechnisch an die Grenzen des damaligen Filmhandwerks gehen. Riefenstahl sollte dann später selbst als Regisseurin diese Grenzen weiter verschieben und die Möglichkeiten des Mediums Film neu definieren.
Mit einer kernigen Besetzung, in der Max Holsboer und Gustav Diessl hervorstechen, vielen Bildern, in denen der Film noch dem Expressionismus der Stummfilmzeit nahe wirkt - wie etwa den hochemotionalen Tagebuchbotschaften, die wie die zuvor üblichen Texttafeln im vollen Bildumfang erscheinen - und nicht zuletzt der sinfonischen, an spätromantische Vorbilder wie Wagner erinnernden Filmmusik von Paul Dessau kommt der Film im Stil pathetisch und existenziell daher. Dessau, der wenig später ins Exil ging, setzt in manchen Szenen sogar einen Chor ein, der mit textlosen vokalen Akzenten die Klangwirkung noch steigert. Aber im Mittelpunkt stehen letztlich die Aufnahmen berstender Gletscher und treibender Eisschollen, die von einigen beeindruckenden Kameraeinstellungen aus als optische Hauptattraktion des Films in Szene gesetzt wurden. Auch einen - für die Darsteller sicher nicht ganz ungefährlichen - Eisbärenkampf inszenierte Fanck, wobei dem Anschein der Szene nach zu befürchten ist, dass ein Tier zu Schaden kam.
Wie auch in anderen damaligen Filmen tritt Flug-Star Ernst Udet, einer der bekanntesten Flieger des Ersten Weltkriegs und später Generaloberst der Wehrmacht, hier als großer Retter auf. Allerdings, und das spricht absolut für den Film, haben hier viele Retter ihre eigenen Schwierigkeiten und brauchen wiederum selbst Hilfe. Fancks Konzept verweigert sich dem einen, großen Helden und Erlöser, sondern setzt auf Disziplin und Zusammenhalt als Voraussetzung für Erfolg. Denkwürdig ist auch die Botschaft, dass letztlich die Kenntnisse der (zugegebenermaßen etwas albern dargestellten) Eingeborenen eine entscheidende Rolle spielen und nicht alles mit individualistischem europäischem Forschergeist zu lösen ist. Zudem werden die Gefahren, unter denen die Hauptfiguren des Films zu überleben versuchen, auch nicht verharmlost, sondern die eine oder andere Figur fällt diesen tatsächlich zum Opfer. Dies macht "SOS Eisberg" zu einem alles in allem recht gehaltvollen, wenn auch stets auf große Effekte bedachten Abenteuerfilm, den es sich durchaus wiederzuentdecken lohnt.