Trampelpfad für Fortgeschrittene, oder ein Rächer mit Stil
Die persönliche Rache für Gewaltverbrechen ist ein klassischer Topos des Actionfilms, vor allem des US-amerikanischen. Der Western hat als Genre-Mitbegründer auch diese Spielart etabliert und manifestiert. Hier muss und will der Held das Gesetz selbst in die Hand nehmen, die gewählten Vertreter sind entweder nicht verfügbar, weit weg, oder inkompetent. Was im Umfeld der Frontier-Erfahrungen noch akzeptiert wurde, ist in seiner Transformation auf die Realitäten moderner Rechtsstaaten meist mit dem wenig schmeichelhaften Stigma des Reaktionären behaftet. Unreflektierte Gewaltverherrlichung, offensiver Machismo und die hemmungslose Glorifizierung simpler Radikallösungen sind fast immer die schnellen und finalen Urteile. Dennoch funktionieren viele dieser Filme beim Publikum überraschend häufig und gut, was nicht so einfach ausschließlich mit einer dumpfen, männlichen Spartenklientel weg analysiert werden kann.
Clint Eastwood, Charles Bronson, Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger plus ihre B-Epigonen, aktuell Jason Statham und Liam Neeson, die Namensliste der einsamen Rächer ist lang und namhaft. Aber große Namen sind nicht einfach die Ursache des Erfolgs, sondern große Namen zieht das immer wieder Erfolg versprechende Thema auch häufig an. Ob es die Sehnsucht nach geradliniger Gerechtigkeit ist, für die das gültige Recht nicht zwingend sorgt. Ob es die emotionale Genugtuung für die Bestrafung des Bösen ist, für die das Recht nicht geschaffen wurde. Oder ob es die Attraktivität einfacher und schneller Lösungen ist, die in den komplizierten Strukturen der Justiz nicht möglich scheinen. Der Affekt wird hier weit mehr bedient als der Intellekt, was man kritisieren kann, was aber auch schlicht einen Teil des Menschseins ausmacht.
In ihren interessanteren, weil nicht rein auf den Actiongehalt reduzierten Ausformungen sind diese Revenge-Filme immer einen Blick wert, gerade in ihrem Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen Emotion und Reflexion. „Pfad der Rache" zählt auf den ersten Blick eher nicht dazu. Wenn sich die beiden israelischen Haudrauf-Spezialisten Avi Lerner (Produktion) und Isaac Florentine (Regie) zusammentun um für das spezialisierte Klopper-Studio Millenium Films ein neues DTV-Brett zu zimmern, ist das Verdikt schon vorformuliert. Der Plot liefert auch kaum entlastende Argumente.
Der aalglatte Strafverteidiger Frank Valera wird auf brutalste Art und Weise aus seinem Lebens-Idyll gerissen. Frau und Tochter werden Opfer eines grausamen Verbrechens, auch weil er mal wieder zu spät zum vereinbarten Treffen erscheint. Polizei und Justiz treten auf der Stelle und haben lediglich vage Indizien. Nach einem persönlichem Absturz in Alkoholexzesse und illegale Hinterhofkämpfe ermittelt der verbitterte Frank auf eigene Faust, trainiert sich parallel zur Kampfmaschine auf und ist wild entschlossen, den oder die Täter zur Strecke zu bringen.
Das mutet nicht nur simpel und formelhaft an, das ist es auch. Die kostengünstige Inszenierung in bulgarischen B-Kulissen sowie der Fokus auf eine schnörkellose Handlungsführung tun ein Übriges. Dennoch kann wer will auch mehr daraus mitnehmen, als vordergründige „Auf die Zwölf"-Unterhaltung. Immerhin spielt Antonio Banderas den vom Schicksal Gebeutelten. Der Spanier ist ähnlich wie sein irischer Kollege Liam Neeson nur vordergründig ein zuvorderst kerniger Mime. Er verfügt über eine natürliche Würde und Klugheit, die auch die eindimensionalste Rolle aufwertet und steht für eine mindestens zarte Renaissance des B-Action-Segments, das lange Zeit nur von unterklassigem Personal in schummrigen Videothekenecken gerade so am Leben gehalten wurde.
Der zugegeben etwas konstruierte Drehbuch-Kniff, Valera nach der Anleitung Marc Aurels zum schweigsamen Stoiker zu stilisieren, nutzt Banderas Fähigkeiten geschickt aus. Körpersprache, Mimik, v.a. aber vielsagende Blicke bestimmen fortan Valeras Auftreten. In all dem ist Banderas ein Könner und bekanntlich sieht man einem solchen gerne bei der Arbeit zu. Auch sein Widersacher Karl Urban wird gerne unterschätzt. Der Neuseeländer hat eine Bärenstatur, die gern auf bloße Einschüchterung und Gewltätigkeit reduziert wird. Als „Pille" McCoy im Star Trek-Reboot hat er sich aber auch als sarkstischer Sprücheklopfer und zänkischer Grieskram bewährt. Ihm ist alles zuzutrauen, was wiederum „Pfad der Rache" ein beachtliches Maß unterschwelliger Spannung beschert.
Schließlich endet der ausgewogen zwischen Thriller und Gewalteruptionen pendelnde Film nicht wie erwartet, jedenfalls nicht gänzlich. Der ehemalige Kampfsporttrainer Florentine macht daraus keine große Sache, aber genau deshalb funktioniert das Gezeigte auch auf einer zweiten Ebene, die Raum für Reflexionen über den eigenen Standpunkt im Bezug auf vigilantes Verhalten und Agieren lässt. Formelhaftigkeit und Fanservice stehen dazu nicht im Widerspruch. Wohl dem, der Lieferanten wie Antonio Banderas für solch fest gezurrte Genre-Pakete auf der Lohnliste hat. Die einst wertig produzierte B-Action-Ware staubte lange genug in maroden Lagerhallen vor sich hin. Hoffen wir, dass die Nachfrage nun wieder steigt, das Angebot jedenfalls ist schon mal in Vorleistung gegangen.