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Der Orient-Express - Erinnerung an einen Luxus-Zug einer längst vergangenen Epoche, als das Reisen noch ein Ereignis war, das Zugpersonal mit Handschuhen arbeitete, mit persönlichem Service vom Feinsten im Salon-, Speise- und Schlafwagen - dieses splendide Abbild des Luxus-Zuges, das der 1974er Klassiker sich redlich wiederzugeben bemühte kommt einem immer wieder in den Sinn, wenn die Rede vom Orient-Express ist. So dachten wohl auch eine Reihe prominenter Schauspieler, als 2017 die Dreharbeiten für ein remake des Klassischen Stoffes anstanden: Johnny Depp, Judi Dench, Penélope Cruz, Michelle Pfeiffer und William Dafoe - um nur einige zu nennen - sind eine hochklassige Riege, denen man doch einiges zutrauen kann.

Der irische Shakespeare-Darsteller Kenneth Branagh spielt nicht nur die Hauptrolle des Hercule Poirot, sondern führt auch gleichzeitig Regie - eine Konstellation, die immer etwas problematisch ist. Da mir Branagh aber in seiner Rolle als Kommissar Wallander nicht so schlecht gefallen hatte, konnte ich ihn mir auch als antiquierten belgischen Meisterdetektiv vorstellen. Was für ein Trugschluß! Branagh produziert sich mit zunehmender Dauer des Remakes immer peinlicher und erdrückt alle anderen Darsteller mit seinem präpotenten Gehabe. Das beginnt mit dem seltsamen nächtlichen Gegacker über einen Charles-Dickens-Roman, setzt sich fort mit dem manieristischen Tee-Tischchen außerhalb des Zuges und endet schließlich in einer Prügelei mit einem anderen Fahrgast... dazu kommt ein penetrantes nasales Deutsch mit französischem Akzent, das wie eine Verarschung des Vorbilds klingt... nichts, absolut überhaupt nichts davon - außer der Rahmenhandlung - hat mit der Romanfigur des Hercule Poirot bzw. dessen Darstellung im Film (beispielsweise durch Albert Finney) zu tun... stattdessen ist der 2017er Detektiv ein aufgeblasener, eitler Selbstdarsteller, der sich selbst gerne reden hört.

Apropos reden, die Dialoge sind enttäuschend belanglos bis dämlich und streckenweise mit dem erhobenen Zeigefinger besserwisserisch. Zwar wird sich im großen und ganzen an die literarische Vorlage gehalten, aber was fängt der Zuseher mit solch bemühten Witzchen wie dem von Sahne und Obers an? Nichts von der frischen Erzählweise in den Agatha-Christie-Romanen, keine durchdacht-gefinkelte Zeugenbefragung durch den belgischen Detektiv, der seinen messerscharfen Verstand hinter seiner ruhigen, manchmal schon betulichen Art versteckt ist in diesem Machwerk zu entdecken, stattdessen wird teilweise blöde dahergequatscht wie in einer Vorabendserie...

Hat wenigstens das Setting dieses 2017er Remakes etwas zu bieten?
Als sich der Zug in Bewegung setzt, besteht er aus gerade mal 4 Wagen. Nur ein einziger Schlafwagen, ein Gepäckwagen sowie zwei Salonwagen, von denen jener am Schluß des Zuges eine Veranda besitzt - Disneyland läßt grüßen. So einen Wagen gab  es niemals im Orient-Express, und auch für einen einzelnen Schlafwagen auf der mehrtägigen Reise gibt es keinerlei historisches Vorbild. Dann haben wir noch eine amerikanische(!)  Lok mit Kuhfänger, die es ebenfalls nie und nimmer auf diesem Kurs, der im Jugoslawien der Dreißiger Jahre spielt, gegeben hat. Die CGI-Schneelawine, die auf die Lok niedergeht, bringt den Zug zum Halten - natürlich hochdramatisch auf einer Brücke. Diese Brücke jedoch ist eine Holzbrücke typisch amerikanischer Bauart (trestlework) die es in dieser Form kaum an diesem Ort gegeben hat. Schließlich sei noch der direkt anschliessende ausbetonierte(!) Tunnel erwähnt, der mit seinem riesigen Querschnitt einer Hochgeschwindigkeitsstrecke des 21. Jahrhunderts entspricht, aber nie im Leben einem - wie seinerzeit üblich - in mühsamer Handarbeit herausgehauenem engen Durchlass.
Dazu kommen noch einige Filmfehler (z.B. die vergoldete statt schwarze Kuppel des Jerusalemer Felsendoms in der Anfangsszene) sowie Filmfolgefehler (z.B. daß der Zug, als er sich mühsam wieder in Bewegung setzt, plötzlich einige Meter weiter hinten losfährt, als wo er zuvor festgefahren war). Und beim unfreiwilligen nächtlichen Lawinenstop steht der Schlafwagen erkennbar am Gleis, womit der Umstand, daß die Passagiere quer zur Fahrtrichtung(!) aus ihren Abteilen gepurzelt sind, äußerst fragwürdig erscheint. Der Bahnhof Brod (damals eine 20.000 Einwohner-Stadt) schließlich besteht aus einem einzigen großen Gebäude, vollkommen isoliert und allein auf weiter Flur und liegt an einem einzelnen Gleisstrang ohne Bahnsteig, weit und breit nicht einmal eine Weiche...

Fazit: der 2017er Orient-Express ist einfach eine Riesen-Enttäuschung. Da stimmt nichts, da steckt nichts dahinter: ein gigantisches Heißluftgebläse mit prominenten Namen; literarisch ausgedrückt ein mit rosaroter Dosen-Sprühsahne zugekleisterter Disneyland-Fantasie-Express, der - wie in der Schlusszene - hoffentlich für immer ins Nirgendwo  verschwindet...

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