Review

Der Fluch des Remakes liegt auf der Hand, - es wird stets am Original gemessen und da ist das Niveau von Sydney Lumets Agatha-Christie-Adaption von 1974 verdammt hoch.
Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh schafft es sogar, seinen Poirot über weite Teile unsympathisch erscheinen zu lassen, was nicht allein am überdimensionalen Moustache liegt.

1934 im Orient-Express: Der windige Geschäftsmann Ratchett (Johnny Depp) fühlt sich bedroht und wendet sich an Meisterdetektiv Hercule Poirot (Branagh). Am nächsten Tag entgleist der Zug im verschneiten Nirgendwo, kurz darauf wird die Leiche Ratchetts entdeckt.
Nun ist Poirots Spürsinn gefragt…

Agatha Christies Poirot ist eigentlich stets nah an einer Karikatur und offenbart zwischenzeitlich auch ein wenig Augenzwinkern, was hier völlig fehlt. Branagh führt den Ermittler mit einer hinzu erfundenen Anekdote an der Klagemauer in Jerusalem ein, um die Kombinationsgabe in einer Szene auf den Punkt zu bringen, um ihn kurz darauf als einen Pedanten zu zeigen, der im Verlauf nicht den Vergleich mit Gott scheut. Einige melancholisch anmutende Momente hinsichtlich einer verflossenen Liebe runden das Profil zwar ein wenig ab, doch dafür, dass Branagh sich selbst enorm viel Screentime einräumt, springt der Sympathiefunke letztlich kaum über.

Zumal dies zulasten des Staraufgebots geht, deren oberflächlich gezeichnete Figuren einige Mimen merklich unterfordern. Johnny Depp performt immerhin mal nicht mit auffälligen Macken, während Michelle Pfeiffer, Willem Dafoe und Penélope Cruz jeweils eine emotionale Szene zugestanden wird. Judi Dench wird indes geradezu verheizt und auch Tom Bateman wirkt phasenweise ein wenig verloren als Adjutant des Ermittlers.

So ziehen sich die Ermittlungen speziell im Mittelteil, zudem fehlen die für Poirot typischen Kombinationen, wodurch die Auflösung im Zuge der fast durchgehend ruhigen Erzählweise gegen Ende beinahe überhastet erscheint. Auch die visuelle Anlehnung ans Abendmahl bleibt unpointiert, was leider auch auf die ansonsten recht variable Kamera zutrifft. So wird die Tatortbegehung aus der Vogelperspektive festgehalten, es gibt einige lange Fahrten hinein in die Abteile und manch versierten Schwenk über die ordentlich gestalteten CGI-Schneelandschaften. Das sieht meistens schick aus, fördert allerdings kaum Atmosphäre zutage.

Als Krimifreund kennt man natürlich die legendäre Auflösung, doch wie Poirot hier auf selbige kommt, erschließt sich nicht in allen Belangen. Trotz solider Dialogregie, einem fein abgestimmten Score und tadelloser Ausstattung ein Remake, das den Charme und die kammerspielartige Intensität der 74er Adaption zu keiner Zeit erreicht.
Knapp
5 von 10

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