Klassische Whodunits?
Heute irgendwie nicht mehr in Mode.
Die klassische Jagd nach dem unbekannten Täter innerhalb einer genau umrissenen Gruppe von Personen wirkt so altmodisch plüschig wie Großmutters Ohrensessel und seit Albert Finney und Sir Peter Ustinov jeweils ihren Poirot in den Kino vorstellten (1974 respektive 1977) war da eigentlich nicht mehr sonderlich viel zu erwarten, was die Qualität anging.
Daher wanderten die Christieschen Detektive dann auch mehr und mehr ins TV ab, wo die kleinen, feinen Fälle aus der guten, alten Zeit immer noch gemütliche Urständ feierten – angefeuert durch charismatische Darsteller.
Das ging solange, bis Kenneth Branagh offenbar seine Idee durchsetzen konnte, dass so ein Ensemble-Pic wie „Murder in the Orient Express“, dieses hüftsteife, wintergraue Starpanoptikum, mal wieder fällig wäre – wenn man eben wieder ordentlich bekannte Gesichter zeigen könnte.
Ein gewisses Risiko kann man dem 55 Millionen-Projekt nicht absprechen, denn Branagh kann zwar hochklassige Filme drehen, hat aber ein deftiges Theaterego am Start, das klassischen Ausstattungsstücken im Weg steht. Nicht zuletzt versenkte er mit einer Breitseite mittschiffs das scheinbar unsinkbare Stück „Sleuth“ mit seinem Remake so gründlich, dass Michael Caine heute noch trauern müsste, weil er bei beiden Verfilmungen dabei war.
Wie wir heute wissen, zahlte sich das Risiko aus, denn die Ansammlung von Depp, Pfeiffer, Cruz, Dafoe, Colman, Ridley, Jacobi und Dench, spielte weltweit mehr als das Vierfache seiner Kosten ein und brachte Christie wieder einem jüngeren Publikum näher.
Ganz ohne Modernisierungen ging das aber nicht ab, auch wenn die klassische Reisestory von Istambul durch den Balkan im Urvater aller Luxuszüge auch hier visualisiert wird, worauf das Verhörspiel eines guten Dutzend Verdächtiger seinen Lauf nimmt.
Doch Branagh wollte offenbar mehr: da wäre zunächst mal ein kreatives Ausbaggern der sonst sehr skizzenhaft angelegten Figur des Meisterdetektivs, den Branagh selbst zu spielen gedachte. Also verpasste sich der Regisseur als Darsteller selbst eine Art privater Backstory, bei der Poirot einer offenbar verflossenen (oder verstorbenen) Geliebten hinterher trauert, wenn er nicht – untypisch für die Figur – scharfsinnig an den ihn umgebenden Figuren herumwitzelt. Immerhin das ist relativ treffend ausgefallen.
Das zentrale modernisierte Element ist jedoch der „Whodunit“ selbst, die Tätersuche.
Die treibt zwar auch hier die Handlung voran, aber offensichtlich wollte Branagh, luxuriös auf 70mm drehend, aus der Enge des Zuges ausbrechen, das Kammerspiel in ein optisch breitflächiges Werk aufblasen.
Das führt zu ebenso kuriosen wie eigentlich überflüssigen Momenten wie dem Abmarsch des Casts zwecks „letztem Abendmahl“ in einer geräumigen Tunnelöffnung oder dem willkürlich an einen Tisch im Schnee verlegten Verhör Daisy Ridleys durch Poirot. Sogar eine vollkommen überflüssige Verfolgungsjagd hängt das Skript zwischen die Gespräche.
An dem Mord an sich, den klassischen Versatzstücken der Tätersuche, den echten und den falschen Spuren, ist der Regisseur dann nur marginal interessiert. In solchen Momenten drückt die Regie ohne Not auf Tempo oder verzichtet komplett auf die Zuschaueransprüche, indem sie den Leichenfund durch eine statische Aufnahme von oben ohne jedes Detail des Toten (bzw. ohne Toten im Bild) nur von Dialogen begleiten lässt – der Mord an sich ist nur noch Tatsache, die Details zu sehen scheint fast überflüssig.
Selbst die filmumfassende Aufgabe des Verhörens scheint so statisch zu sein, dass das Skript bisweilen drei Nebenrollen in einer Parallelmontage abfrühstückt und die Beziehungen der Anwesenden zu dem Mordopfer so stiefmütterlich übereinander wirft, als hätte man das alles sowieso auf dem Zettel. Dazu passend machen sich schon ausreichend Figuren verdächtig, bevor überhaupt ein Mord in Aussicht ist, d.h. das Mordopfer überhaupt in der Handlung auftritt.
So spielen denn auch alle brav mit, sind aber eigentlich nur schmückendes Beiwerk. Depp hat noch ein paar nette Momente, auch wenn ihm die Gravitas fehlt, die Widmark inne hatte. Dench und Jacobi, zwei Altgediente, wissen aus ihren Parts noch etwas heraus zu holen, aber Cruz, Dafoe, Ridley und am schändlichsten Colman sind geradezu verschenkt als pure Staffage. Dafoes Rolle, der unverständlicherweise als getarnter Detektiv vorgibt, ein rassistischer Österreicher und Anhänger von NS-Theorien zu sein, ist dabei besonders geschmacklos der Zeitgeschichte angeklebt.
So ist man also sichtlich bemüht, den Muff aus der Geschichte herauszuschütteln und sie kompatibel für das Digitalzeitalter zu machen, doch alle Fans, die durchaus romanaffin sind, werden sich wundern, was der Budenzauber denn überhaupt soll, fügt er doch der Geschichte nur optischen Schnickschnack bei und verwässert den Plot bis zur Offensichtlichkeit.
Branaghs gigantischer Schnauzer, der den typischen Poirotschen fein gewachsten Schnurrbart ablöst, ist dabei einer der Punkte, an die man sich irgendwann gewöhnt, den belgischen Meisterdetektiv allerdings in einer agilen Kampfszene präsentiert zu bekommen, wird Traditionsfans nicht eben begeistern.
Insofern spekuliert diese Adaption mehr darauf, neue Fans ohne Buchkenntnis einzufangen, anstatt die typischen Christie-Leser zu begeistern und im Wesentlichen wird das Buch auch nicht ruiniert – aber der Film schleppt dennoch die typischen Merkmale moderner Großproduktionen herum: viele Oberflächen, viele Oberflächlichkeiten, wenig Raffinesse.
Und was micht besonders überrascht hat: obwohl ich die alte Verfilmung als steif und museal umgesetzt empfinde (sie fiel ja auch in die Twenties-Nostalgiewelle in den 70ern), gewinnt die alte Fassung dadurch mehr, als das die Neuadaption jetzt mitreißen könnte.
Ein heerer Versuch – aber wenig wirklich gute Aussichten für das Sequel auf dem Nil… (6/10)