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Der 21. Fall des Stuttgarter Emittler-Duos Lannert/Bootz unter der Regie eines der talentiertesten deutschen Regisseure der Gegenwart, Dominik Graf, warf tatsächlich seine „roten Schatten“ voraus, warteten beispielsweise der selbsternannte RAF-Experte und ehemalige „Spiegel“-Redakteur staatstragender Ausrichtung Stefan Aust sowie Springers reaktionäres Revolverblatt „Bild“ nur darauf, ihn mittels Titelschlagzeile als „RAF-Propaganda“ zu diskreditieren. Dabei greift dieser „Tatort“ lediglich auf ebenso ansprechende wie anspruchsvolle Weise das alte RAF-Trauma auf und verweist, nachdem es um das Thema lange ruhig war, auf die Möglichkeit, dass die damaligen Stammheim-Insassen nicht mit von ihren Anwälten ins Gefängnis geschmuggelten Waffen Suizid begingen, sondern von einem staatlichen Tötungskommando ermordet wurden – wie es u.a. die wahlweise Selbstmordversuch oder Mordanschlag überlebt habende Insassin Irmgard Möller behauptet. In ihrer halbfiktiven Herangehensweise vermitteln Graf und Co. den beunruhigenden Eindruck tiefgreifender geheimdienstlicher Verwicklungen (wie sie bekanntermaßen in vielerlei Bezug längst nicht mehr von der Hand zu weisen sind) und Kontrollverlust über V-Männer sowie eines außerhalb jeglicher rechtlicher Legitimation agierenden „Verfassungsschutzes“. Als Aufhänger nimmt das Drehbuch einen fiktiven Mordfall in der Gegenwart sowie die mutmaßlich von ehemaligen RAF-Mitgliedern durchgeführten realen Überfälle z.B. auf einen Geldtransporter in der jüngsten Vergangenheit. Grafisch ist „Der rote Schatten“ recht drastisch und ungeschönt und traut sich andererseits an ästhetische Sex- und Nacktszenen mit nicht ganz jungen Menschen heran, womit er Jugendwahn und oberflächlicher Hochglanzinszenierung angenehm zuwiderläuft. Die Kritik an diesem herausragenden, dramaturgisch fesselnden, bis zum leider etwas arg konstruierten unvorhersehbaren Ende spannenden und inhaltlich klugen „Tatort“ ist lächerlich und beweist einmal mehr, wie sehr eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Themen ganz offensichtlich Finger in bundesrepublikanische Wunden legt, die weder verheilt, noch erschöpfend aufgearbeitet sind.

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