Ob der deutsch-türkische Autor und Regisseur Özgür Yldirim tatsächlich Kenntnisse vom Treiben in der Untergrundszene hat oder ob er nur jemanden kennt, dessen Nachbar einen Bekannten hat, der mal im Ghetto Drogen vertickt hat sei dahingestellt. Tatsache ist hingegen, dass sein Gangsterdrama eine ungeahnte Dynamik entwickelt.
Fünf Jahre saß Ricky (Moritz Bleibtreu) für seinen Bruder Rafael (Edin Hasanovic) und Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) im Knast, als ein Raubüberfall komplett aus dem Ruder lief. Nun benötigt er abermals einen Haufen Kohle, um irgendwo in Südeuropa eine Bar zu eröffnen. Doch der vermeintlich sichere Coup läuft nicht ganz nach Plan und plötzlich reißen sich mehrere Leute ums große Geld…
Ein Klischee des deutschen Independentkinos konnte Yldirim leider nicht ausklammern: Deutscher Rap. Bereits nach wenigen Minuten ertönt der erste Song, es folgen weitere, wobei der Titelsong den übelsten Text und die schwächste Instrumentierung liefert. Dass es auch anders geht, untermalt der ansonsten treffsichere Score, der mit größtenteils dumpfen pulsierenden Beats sehr gut abgestimmt ist und die triste Stimmung gekonnt untermalt.
Handlungstechnisch lehnt sich der Stoff ein wenig an klassische Tarantino-Streifen an, denn zunächst gibt es diverse Einzelschicksale, die auf den ersten Blick nichts mit denen der übrigen Figuren zu tun haben: Ricky besucht regelmäßig den an Demenz erkrankten Vater, Rafael will endlich eine Familie gründen, bekommt den Absprung jedoch nie so recht hin, Streifenpolizistin Diana (Birgit Minichmayr) muss sich um ihre herzkranke Tochter kümmern und wittert per Zufall ihre große Chance, während ein paar Gangster Druck machen, was sich wiederum aufs komplette Figurengefüge auswirkt.
Ist zunächst kein roter Faden erkennbar, mutiert eine Großstadt wie Frankfurt im Verlauf zum Kuhdorf, in dem jeder jeden kennt oder zumindest binnen weniger Momente aufsuchen kann.
Das wirkt mitunter ein wenig konstruiert, doch davon abgesehen, sind es primär die sauber ausgearbeiteten Figuren, die für emotionalen Drive sorgen.
Richtig spannend und gleichermaßen tragisch wird es zwar erst im letzten Drittel, doch der allgemeine Ereignisreichtum sorgt für ein nahezu latent flottes Erzähltempo.
Dazu tragen die treffend besetzten Mimen in nicht unerheblichem Maße bei: Bleibtreu performt ohne sichtlichen Aufwand, doch sobald einige Momente improvisiert wirken, läuft er zur Hochform auf. Zunächst unscheinbar, später richtig intensiv spielt Birgit Minichmayr, stark ist aber auch Edin Hasanovic, dessen Figur die wahrscheinlich vielschichtigste darstellt.
Die Dialogregie arbeitet okay und probiert es auf der Schiene eines allgemein eher rauen Umgangstons, doch unterm Strich wird etwas zuviel geschimpft und geflucht.
Es schien der austauschbare und vielleicht sogar leicht peinlich anmutende Versuch eines Untergrunddramas zu werden, doch daraus erwächst eine temporeich vorgetragene Geschichte, die aufgrund ihrer düsteren Lokalitäten genauso punktet wie mit der ordentlichen Ausarbeitung der Charaktere. 100 Minuten Krimigedöns aus Deutschland, das sich definitiv sehen lassen kann.
7 von 10