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Mit seinem 1980 erschienenen Psycho-Thriller „Dressed to Kill“ wandelte US-Regisseur Brian De Palma („Phantom im Paradies“) – obwohl in der Regel als Hitchcock-Hommage betrachtet – vor allem auch auf den Pfaden des italienischen Giallos argentoesker Prägung.

Kate Miller (Angie Dickinson, „Der Tod eines Killers“) ist mir ihrer Ehe unzufrieden, insbesondere auch mit ihrem Sexualleben, was in fremdgängerischen Obsessionen mündet. Nach einer Therapiesitzung bei ihrem Psychiater Dr. Elliot (Michael Caine, „Der tödliche Schwarm“) lässt sie sich auf ein solches Abenteuer mit einem Fremden ein, wird jedoch beim Verlassen des Hotels im Fahrstuhl brutal von einer unbekannten Person mit einem Rasiermesser ermordet. Die Prostituierte Liz (Nancy Allen, „Das letzte Kommando“) wird Zeugin der Tat und dadurch für die Polizei zur Hauptverdächtigen. Kates Sohn Peter (Keith Gordon, „Christine“) schaltet sich in die Ermittlungen ein, vermutet einen Patienten Dr. Elliots als Täter. Er setzt Liz als Lockvogel ein, um seine Mutmaßungen zu beweisen und den Täter zu identifizieren…

Hitchcock trifft auf Argento in Brian De Palmas sexualisiertem Whodunit?-Psycho-Thriller, der neben klassischen aus „Psycho“ entlehnten Motiven reichlich aus dem Fundus des exaltierten Italo-Films schöpft, wenn schwarzbehandschuhte Mörderhände mit Schneidwerkzeugen blutiges Unheil anrichten und erst außerpolizeiliche Ermittlungen einer Privatperson die psychopathologischen Hintergründe aufdecken. „Dressed to Kill“ beginnt ohne Umschweife mit einer erotischen Masturbationsszene Kates unter der Dusche, die sich als Traum entpuppt, jedoch nahtlos in eine Sexszene in der filmischen Realität übergeht. Die zunächst vermutete Hauptrolle fällt früh einem Mord zum Opfer und wird abgelöst von der Zeugin Liz, die nun ihrerseits zur Verfolgten wird. All das kommt bekannt vor, wurde jedoch spannend und technisch wie künstlerisch ansprechend umgesetzt, überzeugt grundsätzlich auch im Aufbau einer unheilschwangeren Atmosphäre, verlässt sich mitunter indes recht stark auf den nicht zu verachtenden Erotikfaktor. Die sich in der finalen Retrospektive nach Enthüllung des Mörders als bisweilen etwas arg konstruiert herausstellende Handlung mag ebenfalls eine Ehrerbietung an unsere Lieblingsitaliener sein, wirkt auf mich in Ermangelung des europäischen Charmes der Vorbilder aber wie ein Schwachpunkt des Films. Seine Hausaufgeben vollkommen zweifelsohne gemacht hat De Palma in jedem Falle beim langsamen Aufbau von Spannungsszenen, zu denen der schwelgerische Klassik-Soundtrack Pino Donaggios dramatische Züge annimmt.

Gegen Ende verwickelt sich „Dressed to Kill“ in zwar an Hitchcock gemahnend, im Jahre 1980 jedoch irgendwie anachronistisch und überholt wirkende Erklärungen, die zudem nicht frei sind von etwas naiv wirkenden Thesen zur Transsexualität. Dass es sich um einen (Achtung, Spoiler!) männlichen Täter handelt, war dem halbwegs aufmerksamen Zuschauer eigentlich schon zu einem frühen Zeitpunkt bewusst; um wen es sich genau handelte, blieb dennoch im Dunkeln – Miträtseln ist zumindest in einem gewissen Rahmen über weite Strecken möglich. Stilistisch ist das mehr oder weniger überraschend eingeleitete Finale schon fast dem Slasher-Horror-Subgenre zuzurechnen, De Palma zieht noch einmal in Sachen Härte an. Durch eine erneute Duschszene referenziert er noch einmal zum Beginn des Films und das sich als Traum entpuppende Horror-Ende wird zum perfekten Brückenschlag zur Einstiegssequenz.

Hauptdarstellerin Nancy Allen macht ihre Sache passabel, kann jedoch nie an den naiven Charme Janet Leighs aus „Psycho“ anknüpfen (was vermutlich auch nicht gewünscht war) und schon gar nicht diversen liebgewonnenen Giallo-Königinnen den Prosecco reichen, was angesichts der fiebrigen, fast schon klebrigen, voyeuristischen Inszenierung De Palmas etwas irritiert. Davon einmal abgesehen, ist „Dressed to Kill“ ein gelungener Psycho-Thriller für ein erwachsenes Publikum und ein interessanter, nicht unsympathischer Streifzug über diverse Eckpfeiler des Genres, der Filmkennern zahlreiche Wiedererkennungseffekte beschert.

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