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Weißt Du, ich denke, ich konstruiere weiter Computer.“

Zusammen mit Scarface (1983) und Der Tod kommt zweimal (1984) der in Sachen Gewalt und Sex und der Verbindung miteinander vor allem auch offensivere und intensivere Film von Brian de Palma, bei dem Anfang der Achtziger in der Hinsicht alle Dämme zu brechen schienen, der Film eingangs nur mit Schnitten der Zensurbehörde freigegeben und angesichts des Gezeigten und Gesagten sowie der Andeutungen von den Kritikern ursprünglich auch 'gejagt'. So ist es schwer vorstellbar, dass ein Sean Connery vom Drehbuch und von der Rolle des Psychiaters, des „Seelenschnüfflers“ und „Gedankenlesers“ begeistert war, aus Zeitgründen aber nicht teilnehmen konnte, es ist umso leichter vorstellbar, dass namhafte Darstellerinnen den Part von letztlich Angie Dickinson abgelehnt haben. Und das Proteste von Frauenorganisationen aufgrund der gezeigten Gewalt an der Tagesordnung waren:

New York. Die in einer Beziehung befindliche, aber sexuell frustrierte Hausfrau Kate Miller [ Angie Dickinson ] macht nach einer Therapiesitzung mit ihrem Psychiater Dr. Robert Elliott [ Michael Caine ] einen geplanten Besuch des Metropolitan Museum of Art, wo ihr ein fremder Mann auffällt, mit ihm flirtet und auch im Taxi zu ihm nach Hause fährt. Als sie nach dem Geschlechtsakt nach Hause fahren will, wird sie brutal ermordet, als einzige Zeugin gilt die Prostituierte Liz Blake [ Nancy Allen ], die auch die eindeutige Beschhreibung der Täterin an die Polizei, speziell den ermittelnden Detective Marion [ Dennis Franz ] übermittelt. Währenddessen macht sich Kates Sohn Peter [ Keith Gordon ] selber an die Detektivarbeit, und auch Dr. Elliott forscht nach, bekommt er doch Drohanrufe eines ehemaligen Patienten, der mittlerweile in Behandlung von Dr. Levy [ David Margulies ] ist.

Immerhin wurde das Interesse der Zuschauer schnell geweckt, die mit 6,5 Mio. USD vergleichsweise preiswerte Produktion, veröffentlicht wie Blow Out - Der Tod löscht alle Spuren (1981) von Filmways Pictures, von der kurzlebigen Cinema 77 Films produziert, hat ein Vielfaches seiner Kosten eingespielt und wurde vor allem auch im Nachhinein gewürdigt, ein Gang in die Abgründe und zugleich ein Gang in die Tiefe und die Breite, in die Psychologie, das Unterbewusstsein und das Versteckte, nach außen hin nicht Sichtbare des Menschen, seine Träume und seine Begierden, die Neugier auf das Verbotene und das Durchbrechen eigener Erfahrungen und Beschränkungen, ein Blick in den Spiegel, ein psychologischer, intellektueller, gesellschaftlicher und moralischer „Gratis-Striptease“, damals eine Vorwegnahme, heute gleichzeitig retro als Film und sozial eine Aktualität ("I don't know what the transgender community would think [of the film now]... Obviously I realize that it's not good for their image to be transgender...But I think that [perception] passes with time. We're in a different time.", 2016 in einer Rückschau ausgesprochen.)

Das Verhalten und Begehren der Frau wird hier in Augenschein genommen, ein Gebaren wie vor dem Pre-Code, aus Austesten und Ausloten und Auskosten von unsichtbaren Grenzen, zwei weibliche Wesen zur unterschiedlichen Zeit und Umständen, eine etwas älter, reifer, eine jünger, eine mehr passiv, eine aktiv mit ihrer Libido, aus den Augen der Männer betrachtet und damit mit Irrtümern und Vorbehalten und Verfälschungen. Die Herren der Schöpfung hier sind allesamt in Unkenntnis, sie sind meist Spielball, sie schlüpfen in Rollen des Zusehenden, sie sind im Grunde impotent, sie leben über Voyeurismus oder Gewalt ihre Erregung und dies stets im Geheimen aus. Zart erst der Beginn, mit der Unschuld wird gespielt, mit weichen, sanften Tönen, mit einlullender Musik, mit einer langsamen Kamerafahrt, kein Eindringen, eher ein Anschleichen, ein nicht stören wollen, einer Natürlichkeit, dann der erste (Gewalt)Akt, ein vorgetäuschter Orgasmus, ein Klaps auf die Wange als Belohnung für die „Frühgymnastik“. Die Frau ist Mutter auch, stolz auf ihren Sohn, sie hat Termine, sie hat Planungen, sie hat einen Lebensgefährten, sie hat keinen Ehemann, sie hat einen Psychologen. Sie stellt Fragen, sie bekommt Hinweise, keine Antworten, sie stellt sich selber infrage, sie macht direkte Andeutungen.

Ein Museumsbesuch, eine Gemäldegalerie weckt die ersten Beobachtungen, es geht um die Grafiken, die anderen Besucher, es werden Notizen gemacht, man ist erst allein, dann nicht mehr. Man probiert verschiedene Dinge, verschiedene Taktiken und Praktiken, eine Verfolgung auch, eine Überraschung seiner selber, ein Versteckspiel, eine Unaufmerksamkeit, auch Angst vor sich selber. Eine stumme künstlerische Arbeit, im öffentlichen Raum, eine Demonstration und eine Überwältigung, gleichzeitig zum Subjekt des Zusehens (durch den Taxifahrer) und das Objekt eines Fremden geworden, die Erfüllung einer sonst nicht stattfindenden Leidenschaft, ganz in Weiß gekleidet, inklusive der Handschuhe. Viele Worte wurden bis dahin nicht gemacht, ein Memo gemacht und verändert, die böse Nachricht in der Schreibtischschublade auch gefunden, die Fassung versucht zu bewahren. Der Angriff im Fahrstuhl wird vom Regisseur selbst als einer seiner besten Szenen bezeichnet, ein unglaublicher Vorgang, mit dem Rasiermesser ein Leben in aller Grausamkeit zerstört, eine Zeugin will helfen, es ist besser, dass sie es nicht tut, die Polizei ermittelt. Ein Gespräch zwischen erwachsenen Mann und heranwachsenden Jungen, zwei verschiedene Generationen, der Versuch des Tröstens, mehr privat als beruflich, dann ein Mithören, ein Mitlauschen, gleich mehrere Menschen im Bilde, Sätze, die kein Sohn über seine Mutter hören sollte und wollte, Personen emotionaler Fehlfunktionen werden gesucht, Informationen preisgegeben, Probleme stark verminderter Anpassung, Kooperation gesucht, Schutz der Interessen, viele Befragungen. Am Vulgärsten ist der Cop hier, verbal aggressiv, direkt und offensiv, einschüchternd einwirkend, Drohungen ausgesprochen, Menschen unter Druck gesetzt.

Der Sohn hat sein technisches Equipment, der Regisseur sein technisches Know-how, beide spielen selber Detektiv, beide gehen auf Erkundung, sie bauen ihre Instrumente zur Beobachtung und Wahrnehmung auf, sie observieren eigens die Leute, in Split Diopter und Split Screenshots, in Nah- und Fernaufnahmen, in Beiläufigen und Alltäglichen und dennoch jederzeitig wichtigen; zudem wird das Thema der Diversifizierung hier angesprochen, vorurteilsfrei angegangen, eine Normalität im Extremen. Mit dem Fernglas werden die Personen nah geholt, werden verfolgt, viele Blick- und Richtungswechsel, dazu einige Aufnahmen, die man später in Blow Out noch so sieht, gerade die Bilder in der U-Bahn, manche Gespräche stumm, nur für die tatsächlich Beteiligten zu hören. Die Kamera dicht dran und wirbelnd und kreisend, manchmal die Gefahr abrupter als die Rettung, zwischendurch eine Nähe aufgebaut, keine Intimität wie in Blow Out, aber schon eine Partnerschaft, dazu der Altersunterschied zu groß, nicht gleichgestellt wie im Nachfolger, zudem ist die Polizei mehr zu Nutze, mehr involviert, mehr investierend, tatsächlich an der Aufklärung interessiert. Wenige Personen, viele Koordinaten und Koordinierung, ein Film mit verschiedenen Identitäten und Funktionen, mit Verfolgung von beiden Seiten oft, von Mann und Frau, mit aufwühlender Emotionalität, mit Rationalität auch, mit dem Wissen um die Wirkung (des Unbekannten) und das Wollen des Effektes, mit spürbarem Einfluss und Auswertung und Auswirkungen, dazu ein Finale bei Blitz und Donner, bei strömendem Regen, vorher und nachher der Gang in die (S)Exploitation, in den Albtraum des Ungeschützten und Ungewöhnlichen.

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