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Unter der Regie Florian Baxmeyers ermitteln die Bremer Kommissare Inga Lürsen und Nils Stedefreund in ihrem 36. Fall, der sie in die Abgründe der mafiösen Pharmaindustrie führt und mit der Psyche einer sehr speziellen Karriere-„Powerfrau“ konfrontiert. Bei ihr handelt es sich um Maria Voss, einer von Nadeshda Brennicke gespielten Frau mittleren Alters, die sich nach einem schweren Autounfall zurück ins Leben gekämpft und entgegen ursprünglicher Prognosen ihren Bewegungsapparat wieder vollständig hergestellt hat – durch eisernen Willen und viel Selbstdisziplin. Den Toten kannte sie durch ihre Tätigkeit in der Pharma-Branche, was sie ebenso in den Kreis der Verdächtigen rückt wie ihren von ihr getrennt lebenden Mann. Doch an dieser Frau, die gern vermögend, talentiert und erfolgreich wäre, ist, wie sich herausstellen wird, so gut wie nichts echt. Brennicke spielt die aufgesetzte Glücklichkeit und Souveränität ihrer extrem unsympathischen Rolle derart bemüht, gestelzt und selbstgefällig überheblich, dass man es ihr beinahe als mangelnde schauspielerische Fähigkeiten auslegen könnte, dabei verlangt die Rolle im Prinzip danach: Brennicke muss eine psychisch besorgniserregend entrückt wirkende, schlechte Schauspielerin mimen. Damit thematisiert dieser „Tatort“ zerbröckelnde Fassaden sowie krankhaft narzisstischen Ehrgeiz, bei dem bei aller egozentrischen Fixierung nicht nur durch den Mord über Leichen gegangen wird, sondern auch durch die tiefe Verstrickung in Medikamentengeschäfte zu Ungunsten sterbenskranker Patienten. Die sexualpathologische Komponente in Voss‘ Persönlichkeit wird u.a. durch eine bizarre Handjob-Szene auf offener Straße stark betont und findet ihre Entsprechung gewissermaßen in der Beziehung Stedefreunds zu seiner autistische Züge aufweisenden BKA-Kollegin Linda Selb, in deren Zuge Stedefreund-Schauspieler Mommsen sein Geschlechtsorgan einer geradezu an ihm klebenden Kamera präsentieren darf, welches er seltsam bereitwillig und kaum nachvollziehbar kurze Zeit später in Maria Voss einführt. Doch auch ohne den erzwungen wirkenden Sex-Aspekt würde der Seifenoper-Anteil auf nur unregelmäßige Tatort-Gucker, die mit den Charakteren nicht vertraut sind, gewöhnungsbedürftig wirken. Diesen einmal mehr etwas überambitioniert wirkenden „Tatort“ peppt Baxmeyer mit einigen Stilelementen wie Videoausschnitten aus Voss‘ Leben auf und tut ansonsten sein Bestes, den eher in Richtung Psycho-Thriller denn klassischen Kriminalfilm tendierenden Fall im starren 90-Minuten-Korsett auszuformulieren – wobei die Frage bleibt, ob ein Duo wie Lürsen und Stedefreund den richtigen Rahmen für einen Fall wie diesen bietet, wenn es dabei derart austauschbar bleibt und Stedefreund lediglich als verloren wirkender Partner der sich evtl. als Lürsens Nachfolgerin in Szene zu setzen versuchenden Luise Wolfram Zeit zur Selbstdarstellung bekommt. Ein größerer Lichtblick: Die Jungschauspielerin Emma Drogunova als Voss-Tochter Lotte, die sich als hoffnungsvolle Nachwuchsdarstellerin zu verkaufen versteht. Am Ende dieses „Tatorts“ stehen diverse Trennungen, denn auch das ist er: Ein Film über Beziehungsunfähigkeit.

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