Review

Staffel 3


Cumming-of-Age

Als (neue) Animationsserie auf Netflix ist es ein Leichtes unterzugehen, von zu wenigen Leuten entdeckt zu werden und dann folglicherweise voreilig eingestellt zu werden. „Big Mouth“ ist es zum Glück anders ergangen - und das trotz anfänglichem Backlash von einigen prüden Gruppierungen. Das muss man erstmal schaffen, das zeugt von Durchsetzungsvermögen und einer hartnäckigen Fangemeinde, darüber bin ich froh. Denn der Haufen versauter Heranwachsender ist mir richtig ans Herz gewachsen, spricht zuverlässig wichtige Themen an und scheut sich nie mutig die Grenzen auszuloten. Sicher manchmal auch des „guten Geschmacks“, aber umso besser und löblicher. „Big Mouth“ hat seine dicken Eier noch lange nicht verloren und das merkt man auch im dritten Jahr immer wieder. Daher gibt es weiterhin eine ziemlich fette Empfehlung für alle Interessierten und einen Daumen hoch für die Verantwortlichen beim großen, roten N, die der Show schon vorzeitig drei weitere Staffeln versprochen haben. Wenn man sich die Schicksale von „Tuca & Bertie“ und anderen empfehlenswerten animierten Shows anguckt, ist das bei weitem keine Seltenheit Selbstverständlichkeit. 

In Staffel 3 gilt der Fokus bei „Big Mouth“ gefühlt eher Themen als Charakteren. Damit kann ich gut leben, selbst wenn dadurch natürlich geschichtlich etwas auf der pubertierenden Stelle getreten wird. Doch wenn dafür akute und (immer) aktuelle Dinge wie Handysucht, Schönheitsideale, MeToo, sexuelle Belästigung (am Arbeitsplatz) und Slutshaming angesprochen werden, dann kann ich mit dieser Art von Stillstand gut leben. Sogar Depressionen und Wechseljahre (!) werden angeschnitten. Außerdem ist der erhöhte weibliche Blickwinkel zu loben - wer könnte Missy und Co. schon nicht mögen. Und sie stehen den Jungs in Sachen feucht-fröhlicher Gedanken in nichts nach. Die Serie geht mit Nacktheit offener um denn je, erstaunlich und extrem fortschrittlich für Amis, mit Tabuthemen und frischen Variationen angestaubter Topics tat sie dies schon immer. Highlights sind für mich wohl die „Suche nach dem weiblichen Orgasmus“ (samt Jodler!) und das Finale als Superheldenparodie. Etwas weniger gut funktioniert haben die „Musical“-Episode und Dukes Origin-Folge. Weiterhin grandios sind die Synchronsprecher (im Original), inklusive Neuzugängen wie Wiig und Newton. Insgesamt wird das bisherige Niveau erstaunlich gut gehalten, zum Teil verfeinert und in neuen Ansätzen verarbeitet. Deshalb kann ich weitere Jahre oder Specials kaum erwarten. 

Fazit: auch im dritten Jahr hat der Netflix-Überraschungshit über die Pubertät und Sexualität nichts von seiner Spritzigkeit, Geilheit, Versautheit, Süße, Aufrichtigkeit und vor allem seinen Eiern verloren. Wichtig, witzig und wahnsinnig toll. Wenn das Niveau gehalten wird, könnte „Big Mouth“ in ein paar Jahren eine der prägenden Animationsserien dieser TV-Generation sein und stark in Sachen Aufklärung und offener Gesellschaft mithelfen. Das kann man nicht hoch genug hängen. (8/10)

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