Review

kurz angerissen*

"The VVitch" nicht als Referenz zu nennen, hieße, das Offensichtliche zu leugnen. Von der Thematik über die avantgardistische Bildsprache bis zur bedingungslosen Vermeidung jedweder Genre-Zwangsjacke ist die Sage aus Neuengland mit ihrem Pendant aus den tiefsten österreichischen Bergen eng verwandt - und doch sind völlig eigenständige Werke mit unterschiedlichen Schwerpunkten das Ergebnis. Lukas Feigelfeld gelingt schon alleine deswegen Originäres, weil er sich dabei voll und ganz auf die Eigenarten und Besonderheiten heimischer Folklore bezieht.

In unheimlich langen Einstellungen, die permanent die Geduldsgrenze des Betrachters auf den Prüfstand stellen, wird Mythologisches schleichend in die Psychologie überführt. Leere Blicke ins Dickicht der Wälder erzeugen eine egoperspektivische Wahrnehmung, die den Zuschauer an der Entstehung des Wahnsinns im Kopf der Hauptfigur teilhaben lassen. Man wird unmittelbar Zeuge, wie der Tag mithilfe eines weichen, fast unsichtbaren Zeitraffers dem Abend weicht und die Schatten im Gehölz immer größer werden. Wie sich darin Gestalten bilden, die der isolierten Hauptfigur nach dem Verstand trachten. Ein giftiger Cocktail aus gestörtem Mutterverhältnis (dessen Vererbungslehre starke Gemeinsamkeiten mit "The Eyes Of My Mother" pflegt), Krankheit und Vereinsamung breitet sich in einer Aura der Ereignislosigkeit unbemerkt aus. Begleitet von einem zähflüssigen Drone-Soundtrack leiten Bergpanoramen Szenen-Übergänge ein, wie sie anderswo als Werbung für den Heimaturlaub verwendet werden.

Das sorgt für einen extrem naturalistischen Anstrich, der fast schon in einen Superrealismus mündet, sind Schnee und Baumrinde, aber auch der Schein des Feuers in der Berghütte stellenweise so greifbar, dass man sie vor dem Fernseher riechen und schmecken kann. Doch diese Eindrücke werden nur geschaffen, um sie wieder zu brechen. Mit radikalem Symbolismus beispielsweise, dem auch die Kapitel-Unterteilung mit Überschriften wie "Horn" oder "Feuer" gehorcht. Zudem mit chemischem Surrealismus, der nicht nur seltsam vertraute Stimmen aus dem Wald erklingen lässt und so einem äußerst subtilen Grusel dem gängigen Jump Scare vorzieht, sondern außerdem dafür sorgt, dass man den gezeigten Bildern nicht unmittelbar trauen kann. Erst im Nachgang, wenn man wieder dazu in der Lage ist, die im Pilzrausch wahrgenommenen Phantome zu deuten, offenbaren sich während der Transformation der Hauptfigur Dinge, die kein Blut benötigen, um das Grauen in Gedanken entstehen zu lassen.

Selbst wenn man keine Vetteln mit Hakennase erwartet, die geifernd in ihren Kesseln kleine Kinder kochen, selbst wenn man (etwa durch den Trailer) auf etwas Ambitioniertes eingestellt ist, kann man sich von der kompromisslosen, extrem minimalistischen Regieführung schnell vor den Kopf gestoßen fühlen. Kunst um der Kunst willen? A(rthouse)ffektierte Umdeutung des Heimatfilms? Möglich. Gleichzeitig verbirgt sich hinter "Hagazussa" aber eine stark gespielte, ausdrucksvoll gefilmte Studie der psychologischen Stadien der Isolation.
(7.5/10)

*weitere Informationen: siehe Profil

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