Man stelle sich zwei Schichten vor, die symmetrisch übereinander gelagert sind. Auf der oberen Schicht spielt sich das ab, was wir als gesellschaftliche Normalität kennen: Smalltalk zwischen Tür und Angel, die vorgeschriebene Freundlichkeit der Kellnerin gegenüber dem Gast, die Aufopferung für den Beruf, oder ganz allgemein: Die Rollen, die wir tagtäglich im Umgang mit Anderen einnehmen. Auf der unteren Schicht werden die Rollen abgelegt. Zum Vorschein kommt Neid, Missgunst, unstillbares Verlangen, Vergeltungsdrang und letztlich rohe Gewalt. Die „wahre“ Natur womöglich; vielleicht aber auch einfach nur das aufgestaute Resultat dessen, was sich auf der oberen Schicht abspielt.
Natürlich bestehen zwischen diesen beiden Schichten Verbindungen, die sich in den Subtexten unserer Kommunikation äußern. Die kleine Spitze, die in einen freundlich formulierten Satz eingebaut wird, damit dem Adressaten eine von Herzen kommende Botschaft der Verachtung zugestellt werden kann, ohne dass man deswegen seine Maske fallen lassen müsste. Vielleicht auch einfach nur ein unmissverständlicher Blick. Nicht offensichtlich genug, um die Regeln des gesitteten Miteinanders zu verletzen, aber gerade mit genug Nachdruck, damit das Gegenüber versteht, was wirklich gemeint ist.
Der erste Akt des Suspense-Thrillers „The Friendly Beast“ (oder direkt aus dem Portugiesischen übersetzt: „Das herzliche Tier“), der wie der gesamte Film vollständig im Inneren eines Restaurants spielt, beschäftigt sich fast ausschließlich mit den Verbindungen zwischen diesen zwei Ebenen. Ungeduld steht in den Gesichtern der Angestellten geschrieben, denn der Feierabend steht kurz bevor. Doch der Restaurantbesitzer möchte noch ein letztes Kundenpaar umgarnen, glaubt er doch, dass es sich bei dem Herrn mit weiblicher Begleitung um einen Kritiker handelt, der mit einer positiven Bewertung für gute Werbung sorgen könnte. Zur Ungeduld der Angestellten gesellt sich allmählich Unzufriedenheit aufgrund der ständigen Sonderwünsche des Chefs. Stets hinter verschlossener Tür versteht sich, unsichtbar für die zahlenden Gäste. Die wiederum lassen ihrer Kleinlichkeit und Arroganz freien Lauf und werden trotzdem weiter freundlich bedient; als Quittung für ihr Verhalten spiegelt sich lediglich die Verachtung in den Augen der Kellnerin, die aber ohnehin unbemerkt bleibt. Blindheit für äußere Belange liegt eben in der Natur der Arroganz.
Regisseurin und Drehbuchautorin Gabriela Amaral etabliert für dieses Possenspiel eine Art Vormitternachts-Dämmerung und muss dazu nicht einmal den sich verdunkelnden Himmel über São Paulo zeigen. Würde es sich hier um „From Dusk Till Dawn“ handeln, ginge es um die finale Sperrstunde, kurz bevor die Vampire ihre Fratzen zeigen – nur eben ohne den Trubel einer mexikanischen Grenzlandbar. Stattdessen entwickelt sich in diesem Fall ein intimes Kammerspiel mit einigen wenigen Gestalten, die ruhig auf ihren Plätzen hocken, bis etwas Ungewöhnliches passiert. Als zwei Vermummte das Lokal stürmen und Bargeld fordern, treffen sie auf insgesamt sechs Personen: Drei Gäste, den Chef, die Kellnerin und den Koch. Auf die Stabilität der oberen Schicht vertrauend, wagen sich die unbekannten Eindringlinge ins Innere und nehmen sich Dinge heraus, die man sich nur in der Anonymität leisten kann. Doch durch ihr destruktives Verhalten bringen sie die ohnehin bereits hauchdünne Eisdecke zum Einsturz und setzen die ungefilterten Dämpfe der unteren Schicht frei. Die Masken fallen…
Nicht ohne Grund wird hier der Dienstleistungssektor porträtiert: Immerhin trägt dieser mindestens die Hälfte zum Bruttoinlandsprodukt Brasiliens bei und eignet sich somit besonders gut für einen gesellschaftlichen Querschnitt, in dem sich die Wege von Unter-, Mittel- und Oberschicht kreuzen. Mit der Konstellation der Gäste aus dem offenbar (neu-) reichen Milieu, des Besitzers eines Mittelklasse-Restaurants und dessen schlecht bezahltem Personal zieht sich eine hierarchische Struktur durch das Repertoire an Figuren, die im folgenden so genussvoll gebrochen wird wie die Knochen eines Arms unter einem Drehgewinde. Die Machtverteilung verändert sich antiproportional zu den gesellschaftlichen Verhältnissen, denen es sich tagtäglich zu unterwerfen gilt und bringt einige Wendungen hervor.
Um dabei den gewünschten Effekt zu erzielen, experimentiert Amaral mit Metaphern, wobei ihr vor allem die Kochkunst eine Muse ist. Das „medium rare“ bestellte, jedoch fast roh servierte Steak wird so für das verwöhnte Edelpüppchen im schlampigen Outfit zur unüberwindbaren Hürde in die ihr fremden Abgründe, die das Skript in der zweiten Hälfte zu entfesseln versucht. Der Sack Müll, den es unbemerkt an den Gästen vorbeizuschleusen gilt, wird zur Sündenkollektion einer Branche, in der es eben auch um oberflächliche Diskretion und Sauberkeit geht. Der Film mausert sich langsam zum unterhaltsamen Experiment und geht in dieser Funktion der Frage nach, wie stark sich der angeschlagene Ton der Verständigung binnen Minuten drehen kann, wenn man einfach mal die Oberfläche aufreißt und beobachtet, was passiert.
Formal bleibt die Signatur der Regisseurin durchgehend präzise, sehr definiert und wird von eher leisen Tönen angeführt. Obwohl sie die Ausgangssituation im Grunde genommen relativ stur auf links dreht und daher nur wenige echte Überraschungen vorweisen kann, gerät ihr die Arbeit nie zu stumpfsinniger Exploitation, jedoch hält sie immerzu die Fäden in jene Richtung aufrecht. Gezeigt wird immer gerade das, was notwendig ist und selten mehr. Eine vom Restgeschehen relativ isolierte Sexszene entwickelt auch deswegen die beabsichtigte animalische Wirkung, weil sie quasi aus dem Nichts kommt. Sie profitiert von den Kontrasten der blutbeschmierten Körper zur sauberen Kulisse, die zuvor so akribisch in Position gebracht wurde, während das Blut im dunklen Holz versickert wie Kirschsaft im Kuchenboden. Nicht zuletzt spielt die Anatomie der Szene eine entscheidende Rolle: Es ist kein normaler Sex, der hier stattfindet, sondern eine Zepterübergabe: Die Frau oben, grunzend, zitternd und sich gehen lassend, hält sie dennoch die Zügel in der Hand. Dass der Überfall nicht der eigentliche Wendepunkt der Handlung ist, sondern diese grelle Sequenz, sagt im Übrigen viel darüber aus, was in einer brasilianischen Großstadt als Normalität empfunden wird.
Allerdings gelingt der Aufbau dann doch etwas besser als die eigentliche Eskalation. Gerade als es zur Sache geht, tönt der für sich genommen durchaus interessante Elektro-Soundtrack von Rafael Cavalcanti manchmal eine Spur am Ziel vorbei. Die Ruhephasen zwischen den Höhepunkten werden zwar von den intelligenteren Figuren im Film (etwa des Kochs) für analytische Beobachtungen genutzt, die allerdings den letzten Schliff in den Dialogen vermissen lassen (sofern nicht eine Menge Information bei der Übersetzung aus dem Portugiesischen verloren gegangen ist). Einige der Figuren, die sehr vielversprechend eingeführt werden, scheinen auf halber Strecke außerdem ihren Reiz zu verlieren, was gerade bei Murilo Benício auffällt, der als Restaurantbesitzer facettenreich eingeführt wird und dann zurechtgestutzt wird wie eine wild wuchernde Hecke. Das Gegenteil lässt sich immerhin von Luciana Paes behaupten, die einen relativ unscheinbaren Einstieg bekommt, letztlich aber nichts Geringeres als das Gesicht des Films wird. Doch ist diese inkonsistente Figurenentwicklung kein Makel mehr, sondern eine bewusst getroffene Ansage. Angesichts der patriarchalen Strukturen, die weltweit existieren, handelt es sich also wohl auch um einen zutiefst feministischen Film.
„The Friendly Beast“ dürfte also vor allem jene Zielgruppe ansprechen, die bei Indies wie „The Invitation“ oder „Coherence“ gerne in Beobachterposition hinter dem Sofa kauerte, um das Verhalten von Personen innerhalb einer abgeschiedenen Gruppe während einer Ausnahmesituation zu studieren. Hinter den genannten Arbeiten muss sich das Spielfilm-Regiedebüt der langjährigen Autorin Gabriela Amaral jedenfalls nicht verstecken, auch wenn noch etwas mehr Biss in der Präsentation der Grundaussage nicht geschadet hätte. Dem aufgeschlossenen Cineasten offenbaren sich immerhin spannende Einblicke in die Beurteilung der gesellschaftlichen Dynamik aus dem Herzen Südamerikas, die sich organisch mit Anleihen aus dem Kino des Monströsen und Deformierten verknüpfen. Obwohl dieses minimalistische Dialogstück somit vor allem die Eigenschaften eines am Realismus orientierten Sozialexperiments verkörpert, referenziert es auch Genre-Streifen (v.a. durch die langsame Dezimierung des Casts) und wird so fast beiläufig zu deren Synthese.