Sie hatten sich erst vor gut einem Jahr in Berlin kennengelernt, die Bosnierin Selma (Alma Terzic) und der Deutsche Alex (August Wittgenstein). Das Pärchen ist nun zum ersten Mal in Selmas Heimat auf dem Balkan unterwegs, der Anlass ist eher traurig: Ein Begräbnis in der Nähe von Srebrenica stand an, und der Film steigt bei der Rückfahrt von der Trauerfeier ein. Alex hat Probleme mit seinem SUV, der sich in den Schotter eines Waldwegs eingräbt, was die beiden veranlaßt, zu Fuß zur nächstgelegenen Stadt zu laufen um Pannenhilfe zu holen. Während Alex jovial vorangeht, bemächtigt sich ein unerklärliches Gefühl der Beklemmung seiner Begleiterin: Es ist, als würde ein dunkler Geist sie vor etwas warnen wollen. Gab es hier nicht auch überall noch versteckte Minen? Der Berliner redet beruhigend auf seine Freundin ein, behauptet, alles unter Kontrolle zu haben, doch Selma wird von dunklen Visionen geplagt. Urplötzlich tauchen zwei Männer auf, vor denen sie sich extrem fürchtet. Zu ihrem Entsetzen bieten diese den beiden auch noch ihre Hilfe an, die der gleichsam forsch wie naiv auftretende Alex auch gerne annimmt. Als dessen Hund dann durch eine Mine umkommt, die auch Selma verletzt, hat sie keine Wahl mehr und muß mit den Männern gehen...
Die spanische Produktion The Maus ist eine einzige große Allegorie auf den Bosnienkrieg - um den Film zu verstehen bedarf es jedoch einiger diesbezüglicher Vorkenntnisse - wer allein wegen des Covers auf handelsüblichen Horror gehofft hatte, wird sicher bitter enttäuscht von diesem ambitionierten Independent-Streifen. Dabei ist die Genre-Klassifizierung "Horror" nicht einmal völlig falsch, taucht doch tatsächlich ganz kurz eine Art Monster auf, freilich eher als Versinnbildlichung des Geistes, der sich Selmas bemächtigt, seitdem sie die Panne hatten. Geschickt spielt Regisseur Yayo Herrero mit der Erwartungshaltung der Zuschauer, wenn er manche Szene mit unscharfem Hintergrund ausstattet und weitere Begebenheiten sich überhaupt nur in der Phantasie von Selma abspielen, wie recht bald deutlich wird. Die brutalen Szenen, die sich hauptsächlich in der abgedunkelten Behausung der Tschetniks abspielen, finden wiederum meist im Kopf des Zuschauers statt.
Die Bezugnahme auf den Krieg von 1992 - 1995 ist überdeutlich: Alex, der vermeintlich alles im Griff hat und sich ebenso beharrlich wie vergeblich bemüht, über sein Handy in der tiefsten ostbosnischen Provinz einen Notruf abzusetzen, dabei unermüdlich Selma zu beruhigen versucht ("Ich beschütze dich") und gar nicht merkt, was um ihn herum geschieht, steht hier für das Europa Anfang der Neunziger, welches trotz vieler Appelle und zögerlicher Versuche das Blutvergießen nicht verhindern konnte. Ein einziges Mal verliert Alex die Contenance ("Scheiss Bosnier") woraufhin sich die beiden Männer als Serben zu erkennen geben und ihm in der Folge seine vollkommene Machtlosigkeit vor Augen führen. Dabei sprechen sie ihn mit "Europäer" an (eine in diesem Kontext veralbernde Bezeichnung) und nicht etwa mit der wohlbekannten anderen, negativen Bezeichnung für Deutsche. Überhaupt parlieren sie mit ihm in einem ihnen eigenen, gebrochenen Englisch, was Alex bis zum bitteren Ende an eine gute Lösung der Sache glauben läßt - in Wirklichkeit düpieren sie ihn dadurch ein ums andere Mal, denn was die beiden Tschetniks mit den Gestrandeten vorhaben, steht für sie von Anfang an fest. Woher soll der Berliner Alex auch wissen, daß es auch 2017 in den nach wie vor verminten Wäldern um den geschichtsträchtigen Ort Srebrenica (der übrigens seit Dayton zur Republika Srpska gehört) immer noch serbische Tschetniks gibt, wie soll er wissen, daß sich der Hass zwischen den Volksgruppen nicht im Mindesten gelegt hat, er, der sich mit seiner Karte über gesicherte Minenfelder gewappnet glaubt und allen Ernstes einen Pannendienst in den Wald bestellen will... Wenn der bärtige Vuk dann Alex gegenüber anspricht, daß er ihn zwar für sympathisch hält, seine Begleiterin jedoch nicht, dann erinnert dies fatal an den Niederländer Karremans, wie dieser mit dem Massenmörder Mladić anstößt in der Hoffnung, alles werde wohl nicht so schlimm kommen - obwohl dieser den als Genozid klassifizierten Mord an tausenden Bosniern längst geplant und beschlossen hat. Dies spürt, ja weiß Selma dafür umso besser, und mit jeder Faser ihres Körpers kämpft sie dagegen an, bis sie physisch nicht mehr kann. Von den Tschetniks zusammengeschlagen besinnt sie sich eines Amuletts, das ihr ihr ermordeter Vater einst gab, und schöpft daraus die Kraft, Widerstand zu leisten. Widerstand, den Alex moralisch nicht zu leisten imstande ist (schön herausgarbeitet in der Szene mit dem Stein).
The Maus (die deutsche Schreibweise bezieht sich auf den Kosenamen von Selma, den ihr Alex gab) ist ein fast kammerspielartiges Werk, das bis auf die letzte Szene ausschließlich im Wald spielt. Ein großes Lob allen vier Darstellern, besonders Alma Terzic vermittelt in jeder Sekunde die Angst und das Grauen vor dem, was da war und wiederkommen wird; auch Aleksandar Seksan als bärtiger Tschetnik liefert einen absolut überzeugenden Part, die beiden anderen mit etwas weniger Screentime stehen dem allerdings in nichts nach. Die letzte Szene des Films läßt Spielraum für Interpretationen und schließt einen eindrucksvollen Kriegsfilm ab, über den man noch eine zeitlang nachdenken kann. Wer sich für die Materie Bosnienkrieg oder ganz allgemein was der Krieg aus Menschen macht interessiert, wird in The Maus eine höchst authentisch abgefilmte Geschichte entdecken. 8 Punkte.