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Tinnitus aus der Hölle

Ein Baby in den ersten Monaten seines Lebens zu begleiten und zu versorgen, ist alles andere als ein Kinderspaziergang. Nicht nur Neu-Eltern wissen das und können es am eigenen Leib spüren. Und Depressionen oder Schlimmeres nach der Geburt, meist bei den Müttern, sind dann nochmal ein ganz anderes Level. "Still/Born" spielt mit diesen Ängsten, Symptomen und Alpträumen, vermischt sie mit der Urfurcht vor dunklen Wesen und Dämonen, die immer mal gerne ein Neugeborenes snacken. Und diese zweiseitige Medaille funktioniert gut. In etwa "The Babadook" meets "Insidious". Ein Ehepaar verliert bei der Geburt eines ihrer Zwillinge und in den kommenden Wochen und Monaten, plagen die junge Mutter grauenhafte Visionen und Paranoia von einem kinderstehlenden Dämon, der es nun auf den übriggebliebenen Adam abgesehen haben könnte... oder ist es doch nur die Mutter selbst, ihr Stress und die Überforderung?!

"Still/Born" ist ein Jumpscare-Massaker. Mit den guten Kopfhörern auf und der Lautstärke nahe Anschlag, wären mir teilweise fast die Trommelfelle weggeflogen. Und obwohl solche lauten Effekte, Schnitte oder Fratzen eigentlich nie eine gute Idee sind und eher Ideenlosigkeit bezeugen, ist das hier derart effektiv und gnadenlos gemacht, dass sicher selbst James Wans Puls höher schlagen würde. Wenn er Vater ist, erst recht. Es gibt wirklich einige fiese Stellen, bei denen man sich fast etwas vor die Augen halten will wie früher, die selbst eingefleischtere Horrorheads böse erwischen können. Ähnlich knackig ist der ungemütlich dröhnende Soundtrack (der mich seltsamerweise etwas an "The Revenant" erinnert hat) und die starke Leistung der Hauptdarstellerin muss man ebenfalls betonen. Außerdem sieht der Film gut aus, die Atmosphäre geht ihm vor lauter Schreck nie aus (obwohl er am Ende etwas bröckelt) und um ein Baby bangt man automatisch mehr, als um eigentlich alles andere auf der Welt. Der Spagat zwischen intelligentem Horrordrama und Fast-Food-Erschrecker gelingt hier fast durchgehend. Hätte ich nicht erwartet. Die Augen im dunklen Lüftungsschacht allerdings schon.

Fazit: nichts für Kopfhörer und rigorose Jump Scare-Gegner. Trotzdem hat diese höllische Babydepression ihre Momente. Z.B. die engagierte Hauptdarstellerin oder einige perfekt platzierte und untermalte Schocks. Leider werden Letztere etwas inflationär benutzt und ärgern einen fast mehr, als sie für echte Spannung sorgen. Adrenalin-Fast Food. Hält wach wie ein Säugling. 

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