Ziemlich nervenaufreibend und wenig erfreulich ist der alltägliche Streifendienst in Hamburg, und als ein Polizistenduo ein weiteres Mal zu einem amtsbekannten Ehepaar gerufen wird und der prügelnde Gatte seine verängstigte Frau grinsend vorführt, reißt dem Beamten André (Friedrich Mücke) endgültig der Geduldsfaden: mit ein paar Kopfstößen setzt er den rabiaten Ehemann außer Gefecht. Seine Kollegin Sibel (Sibel Kekilli) kann diesen Fall von Selbstjustiz allerdings nicht verschweigen und macht offiziell Meldung.
Mit dieser Anzeige setzt die resolute Deutsch-Türkin jedoch eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang: zwar hat sie ein ausgezeichnetes Standing bei ihrem Vorgesetzten, der sie (trotz dieses Vorfalls) in Kürze befördern wird, doch wird sie von dem betreffenden Kollegen fortan als Nestbeschmutzerin gemobbt. Und da dieser ihr beruflich nichts anhaben kann, geht er schließlich auf Sibels Familie, genauer gesagt auf ihren kleinen Bruder Melih (Yasin Boynuince) los: der computeraffine junge Türke hängt nämlich meistens mit seinem besten Freund Tobi in einem Handyshop ab, für dessen Besitzer er geklaute Kreditkartendaten besorgt, die dieser dann weiterverhökert. Der Beamte André sorgt nun erst einmal dafür, daß der Shop geschlossen wird, womit er den beiden ihren bisherigen Lebensmittelpunkt entzieht und schnappt sich dann auch noch Melih, den er bei einer Ausweiskontrolle unbegründet vermöbelt.
Kumpel Tobi ist derweil bei irgendwelchen Moslembrüdern untergekommen, die ihm nicht nur einstweilen freie Kost und Logis bieten, sondern auch seine Religiosität ansprechen. Auch Melih, der sich nach dem Vorfall mit Sibels prügelnden Kollegen nicht mehr heim zu seiner Mutter traut, zieht dort vorübergehend ein. Doch der an sich fröhliche junge Türke kann mit dem religiösen BlaBla seines besten Freundes und dessen Gastgebern nichts anfangen - das ändert sich allerdings, als der charismatische Baris (Tim Seyfi) dort auftaucht und die beiden jungen Burschen unter seine Fittiche nimmt. Es dauert nicht lange, bis die von diesen Vorgängen völlig ahnungslose Sibel vom Verfassungsschutz angesprochen wird: ihr kleiner Bruder habe Kontakt mit IS-Terroristen...
Was treibt junge Menschen mit Migrationshintergrund in die Arme von Islamisten? Dieser Frage versucht Regisseur Randa Chahoud in seiner 4-teiligen ZDF-Serie Bruder - Schwarze Macht zu beantworten, wenn er das schwierige soziale Umfeld des jungen Melih durchleuchtet, eines nicht-religiösen, weltlich orientierten jungen Türken, der - wie viele seiner Altersgenossen Anfang Zwanzig - noch seinen Platz in der Gesellschaft sucht.
Doch wer ist dieser Melih? Während seine ältere Schwester sich nach dem frühen Tod des Vaters für eine Laufbahn bei der Polizei entschieden hatte und dort bravourös ihren Mann (bzw. ihre Frau) steht, wohnt er noch bei der Mutter, die sich auch nach Jahrzehnten in Deutschland noch immer als Türkin sieht und die Karriere Sibels eher argwöhnisch betrachtet. Melih dagegen, der keine Probleme hat, Anschluß zu finden und ein gutes Verhältnis zum deutschen Handyshop-Besitzer und Dealer pflegt, ist sich diesbezüglich noch nicht sicher. Erst der Vorfall mit dem prügelnden Polizisten André treibt ihn in eine Richtung, in die er eigentlich nicht gehen wollte. Doch die frömmelnden Muslime unter der Leitung eines predigenden deutschen Konvertiten öden ihn ziemlich an, und was sein Freund Tobi an diesen findet, kann er ohnehin nicht nachvollziehen (klasse hierbei die Szene mit den Bier trinkenden Türken am Kiosk). Erst ein älterer Zuhörer in der Moschee, der sich teilweise kritisch äußert, weckt Melhis Interesse - daß dieser ein rhetorisch geschulter IS-Recruiter ist, kann der junge Bursche aber nicht wissen.
Während Sibel Kekilli (vielen Zusehern als Sarah Brandt aus den Borowski-Tatorten bekannt) ihre Rolle gewohnt souverän spielt, fällt bei diesem TV-Vierteiler vor allem eine erfreulich unverkrampfte Dialogregie auf (ohne den aus deutschen Produktionen so verhassten moralischen Zeigefinger), die der Handlung einen realistischen Touch verleiht. Auch wenn der prügelnde Kollege von Sibel etwas überzeichnet scheint - vor allem bezüglich fehlender Konsequenzen für sein Handeln - so wirft er doch anfangs die für das Publikum nicht unspannende Frage auf, wer denn nun das größere Arschloch ist: der prügelnde Ehemann oder eben der Beamte, der in bester Vigilanten-Manier das Recht beugt.
Auch das eher selten beleuchtete Verhältnis muslimischer Glaubenskreise zueinander findet Erwähnung: so geht Melihs Mutter öfter zu einem Imam, der sie dann auch ganz eindringlich vor dem schädlichen Einfluß der frömmelnden Brüder auf ihren Sohn und vor allem dessen Freund Tobi warnt. Doch da ist Melih schon nicht mehr erreichbar - das Herumspielen mit scharfen Waffen ist für ihn (wie für viele junge Männer gleich welcher Glaubensrichtung) einfach spannender als das Rezitieren religiöser Verse. Selbst die so eminent wichtige Frage, weswegen die beiden Freunde, statt in Syrien herumballern zu dürfen, für Selbstmord-Bombenattentate in Hamburg "auserwählt" wurden, dringt zu den beiden nicht mehr wirklich durch - zu groß ist der psychische Druck, den Baris auf sie ausübt.
In 4 Portionen zu je etwa 45 Minuten baut Bruder - Schwarze Macht hier ein bedrückendes Bild muslimischer Parallelgesellschaften auf, dessen insgesamt pessimistischer Ausblick von den bis in die Nebenrollen tadellos dargestellten Charaktären glaubhaft rübergebracht wird. Trotz des gewohnten TV-Formats inklusive tragischem Ende spannend inszeniert und durchwegs sehenswert: 8 Punkte.
PS: Wer sich für diese Thematik interessiert, dem sei auch die hervorragende skandinavische Variante Caliphate (2020) empfohlen.