Dampfhammer in Neonfarben
Seien wir ehrlich: die zwei bisherigen Thor-Filme waren auf den ersten Blick in Ordnung, unterhaltsam, schick, doch im Nachhinein ohne Mehr- oder Wiederguckwert, mit eklatanten Schwächen. Daher ist es keine Kunst, dass Taika Waititi nun mit "Thor: Ragnarok" den locker besten, coolsten, buntesten aller Donnergötter auffährt. Doch der lustige und begabte Neuseeländer schafft meiner Meinung mit diesem Pop-Art-Gewitter zwischen Atari und Flash Gordon weit, weit mehr.
Eine jede Sekunde extrem hübsche & spassige Weltraumoper. Die stilistische Brücke zwischen He-Man und dem Marvel Cinematic Universe. Und obendrauf noch seinen eigenen, urkomischen Stil einzubringen. All das so energetisch und lückenlos auf die Leinwand zu bringen und verschmelzen zu lassen, ist große Kunst. Vor allem wenn man den engen Studiorahmen, das für den Mann ungewohnt riesige Budget und die hohen Erwartungen kurz vor dem Infinity War bedenkt. Für mich eine jetzt schon legendäre Comicbuchadaption, die ihr gesamtes Universum enorm bereichert. Und meins dazu. Chapeau + Danke!
In seinem dritten Soloausritt, welcher weniger denn je "solo" ist, bekommt es der asgardische Thronerbe mit Hela, der Göttin des Todes zu tun, und er landet auf einem intergalaktischen Schrottplaneten, wo er in einem Gladiatorenwettstreit auf einen alten Bekannten trifft... Der kunterbunte Space-Look schlägt die Brücke zu den Beschützern der Galaxie und sich auf direktem Weg in mein Herz. Zusammen mit einem kongenialen Soundtrack zwischen Pac-Man und Led Zeppelin ist das selbstbewusster Neon-Big-Budget-Edeltrash der feinsten Sorte. Optisch sicher eine der schicksten Comicverfilmungen die es je gab. Und zudem noch eine der witzigsten. Das Timing stimmt, die Nebenfiguren rocken bis in die kleinsten Chameos, die Action donnert, es wird nie zu unreif oder zur Lachnummer - einfach eine wundervolle Zeit im Kino. Fast wie einst. Unschuldig, festlich, überschwänglich.
Hemsworth hat mehr Spaß denn je an seiner Rolle und Tessa Thompson ist ein wahrer Showstealer. Fans des Hulk bekommen ebenfalls genug geboten und nach diesem Feuerwerk hat der grüne Wutberg sicher noch einige mehr. Sogar Blanchett als böse große Schwester ist eine der besseren Marvel-Bösewichte. Nur ihr Abgang war etwas aus der Luft gegriffen. Auszusetzen habe ich an diesem Regenbogenfest für das Kind im Erwachsenen so gut wie nichts. Natürlich hätte man die legendäre Götterdämmerung, die Göttin des Todes und das Vorspiel zum Kampf mit Thanos dunkler & härter inszenieren können, doch dann wäre es einfach kein Waititi mehr. 140 Minuten fühlen sich an wie die Hälfte und ich würde ohne zu zögern sofort wieder ins Kino gehen. Mehr Spaß hatte ich in diesem Jahr auf der großen Leinwand selten bis nie.
Fazit: Schulterpolster braucht dieser Donnergott nicht, Videospiele hat er keine Zeit für, Aerobictanzen lässt er seine Gegner - trotzdem gelingt die Verbeugung vor einer unschuldigeren Epoche des Fantasykinos extrem unterhaltsam und cool. Das MCU geht Retro und die Bude bebt. Nicht nur der beste Thor, sondern einer meiner persönlichen Lieblinge des größten Kinouniversums aller Zeiten. Nur der deutsche Verleihtitel ist so unnötig wie ein Blitzableiter auf Thors Kopf.