Kommen wir mal auf die Comicvorlage zu Thor - Ragnarök (wie der Film im Original heisst) zu sprechen: Ragnarök ist die Götterdämmerung, das Ende aller Tage und wurde bereits mehrfach in den Marvel Comics irgendwie umgesetzt, am bekanntesten sind die Versionen von Kirby und Simonson, wobei Simonsons Version als die mit Abstand beste und wuchtigste angesehen wird, daher hier kurz dessen Zusammenfassung: Surtur greift Asgard an, bei dem folgenden Kampf vereinen sich Odin, Thor und Loki gegen Surtur - wie prophezeit -, um Asgard zu retten, dabei stirbt Odin. Thor muss gegen Hela antreten, ist nahe dem Verlieren, verliert (buchstäblich) sein halbes Gesicht im Kampf und gewinnt nur mit knapper Not. Daraufhin verflucht Hela Thor, dass seine Knochen ganz porös werden, er aber niemals sterben kann. In diesem geschwächten Zustand baut er sich eine Rüstung, da er plötzlich von allen möglichen Feinden angefriffen wird und sich einen Knochen nach dem anderen bricht, ohne dass diese heilen würden. Als letzter Punkt der Äonen alten Prophezeiung über das Ende der hiesigen Götter kommt es zum Aufeinandertreffen der riesigen Midgardschlange mit Thor, in dessen Verlauf sich Thor und die Schlange gegenseitig töten und damit Tür und Tor für die Götterdämmerung öffnen. Der Haken an der Sache, Helas Fluch: Thor liegt zermatscht da und kann nicht sterben, die Götterdämmerung jedoch abgewendet.
Das ist wuchtige, archaische Erzählung mit einem Gott, der sich seiner Sterblichkeit und Verletzlichkeit sehr schmerzhaft bewußt wird und trotzdem in der Stunde der Entscheidung sich dem Schicksal stellt, ja stellen muss. Einer der in diesen letzten Momenten alles verloren hat, der dann bereit ist, dennoch sein Leben auch noch zu geben, damit Asgard und Midgard überleben können. Und das hat sowhl inhaltlich als auch optisch einiges zu bieten. So wird beispielsweise die Ankunft Surturs ähnlich lange und minutiös fabelhaft vorberaitet, wie Jahre später Doomsdays Ankunft in den Superman Comics, und Thors Kampf gegen die Midgardschlange ist eine Ansammlung von Splash-Pages (d.h. quasi einseitige Poster), die allesamt phänomenal von Simonson selbst gemalt sind, mit einer Prosa, die ihresgleichen sucht, mit einem fatalistischen Verlauf. Auch dies wurde dann später versucht von Superman vs. Doomsday kopiert zu werden, ohne diese Intensität zu erreichen.
Wenn also ein Film mit dem Titel Ragnarök angekündigt wird, dann geht man als Comic-Fan davon aus, dass mit ein bißchen Glück ein halbwegs archaischer, epischer, wuchtiger Film daher kommt. Das würde zwar den bisherigen Thor Verfilmungen zuwider laufen, aber man darf ja doch ein bißchen hoffen.Wenn man dann auch noch sieht, wie Marvel die Comicvorlagen Civil War und Age of Ultron in handzahme Verfilmungen verwurstet hat (nicht falsch verstehen, ich fand Civil War als Film saustark, aber es war sicherlich kein Civil War, eher ein kleines Scharmützelchen unter Freunden), dann kommen erste Zweifel auf.
Wenn man dann noch hört, dass es eine Mischung aus Ragnarök und Planet Hulk werden soll, trüben sich die Wolken über der Erwartungshaltung noch mehr ein. Wie soll eine solch epische Story, die eigentlich mehrer Filme benötigen würde nun noch mit der Hulk Story verbunden werden?Dann übernimmt ein anerkannt guter Komödienregisseur den Regiestuhl und die ersten Trailer versprechen eine Buddy-Movie-Verfilmung, die sich sehr stark an Guardians of the Galaxy zu orientieren scheint und die Erwartungshaltung tendiert gegen Null: Tschüss Simonsons Epos.
Und tatsächlich dieser Thor hat nichts mit Simonsons Thor zu tun, und hat auch nichts Ehrfürchtiges bzgl. der genannten Figuren in der Ragnarök-Saga zu sagen, stattdessen lässt er beispielsweise die Konfrontation mit Surtur sogar zur Lachnummer verkommen. Und in diesem Stil und Tempo geht es ständig weiter, wenn Hela auftaucht und ihr Erbrecht einfordert.Dennoch, der Film erzählt überraschend konsequent seine Geschichte, trotz der Komik kommt die Tragik und Dramatik nicht zu kurz, sowohl Loki als auch Skurge haben ihre extrem ambivalenten Momente und es gibt tatsächlich Szenen, die wie aus den benannten Comics entsprungen wirken.
Wer also glaubt, dass nur weil der Film witzig ist, dass er keinerlei Tiefe hätte, der sieht sich getäuscht und trotz der Nichterfüllung des Fanwunsches ist es für MCU-Film-Verhältnisse ein überraschendes konsequentes Ende, das einem hier aufgetischt wird.Und man glaubt es kaum, selbst das Fehlen einer Natalie Portman stört hier nun kaum, und selbst eine von mir stets als störend empfundene Tessa Thompson kann das Vergnügen nicht schmälern. Der einzige Wermutstropfen ist der recht eindimensionale Charakter, den eine zwar gut aufgelegte, aber deutlich unterforderte Cate Blanchet hier abgibt. Hier hätte man vielleicht drei Minuten länger in die Spielzeit investieren können, und etwas mehr Nuance reinbringen können.
Souveräner MCU-Film, der seinem Titel gerecht wird, ohne die Stringenz der Comic-Vorlagen erreichen zu müssen: 7 Punkte