Review

Dieser Filmtitel. Kurz und knackig und vor allem bereits äußerst informativ für den Zuschauer. Statt dem gebräuchlichen Wochenendhaus oder auch Bungalow wird mit dem aus dem russischen abgeleiteten und vor allem im ostdeutschen Sprachgebrauch verwurzelten Begriff scheinbar bereits Zeit und Ort festgelegt, bevor überhaupt die Geschichte richtig ins Rollen kommt.

Und so sehen wir ein Pärchen aus dem Osten auf dem Weg zu ihrer außerhalb der Stadt gelegenen Datsche. Das Wetter ist mies, das Pärchen schweigsam und das Auto der Marke Opel lässt uns nun erstaunt feststellen, dass wir uns trotz der tristen Optik wohl doch in der Nachwendezeit befinden. Die November-Landschaft verstärkt noch den trostlosen Grundton und man spürt irgendwie, dass hier vor kurzem ein ganzes Land gescheitert ist. Die Menschen sind für ein besseres Leben auf die Straßen gegangen, alles ist neu und ungewohnt, Millionen Freischwimmer ins kalte Wasser geworfen...

Doch das Paar - Elke und Arnold - scheint noch nicht angekommen zu sein im Hier und Jetzt. Die Datsche als Symbol der Gestrigkeit, nichts hat sich hier verändert, alle Gegenstände sind an ihrem gewohnten Platz. Die Enge der Räume und das altbackene Mobiliar verströmen Muffigkeit. Auf den Möbeln klebt noch das vergilbte EVP-Schildchen. Doch dieser Ort stand aber auch immer für ein Stück persönliche Freiheit, ein Platz, um sich ins Private zurückzuziehen, abschalten vom sozialistischen Trott. Doch die heutige Stille trügt, denn hier soll nun auch im privaten Bereich die „Wende" vollzogen werden, und das kann manchem wehtun.

Es ist die Datsche selbst, die eine Ehekrise heraufbeschwört. Dem Zuschauer wird erst im Laufe des Abends klar, dass die folgende Nacht die letzte im ehemaligen Urlaubsdomizil sein soll. Das Relikt aus alten Tagen soll verkauft werden, am nächsten Morgen hat sich ein Makler angekündigt. Alles eine Frage des Preises, zumindest für Elke. Sie hasst mittlerweile diesen Ort ewig gleichförmiger Urlaubstage. Die Vergangenheit gibt es für sie nicht mehr. Im Gegensatz dazu ihr Mann Arnold, der unzählige Arbeitsstunden hier verbracht hat und an der Datsche hängt, genauso wie er auch auf alte Tage zurückblickt. Man merkt schnell, dass hier das Streitobjekt nur stellvertretend für die zwei verschiedenen Weltanschauungen steht, und in gewisser Weise auch für die geistige Verarbeitung eines neuen Zeitalters. Im Laufe des Abends wird man noch erfahren, dass Elke im Beruf eine Karrierefrau geworden ist, während sich Arnold als Arbeitsloser wertlos vorkommt, vor allem nach gut bezahltem Job aus Ostzeiten ein tiefer Fall. Und Nährboden für weitere Konflikte.

Die Auseinandersetzung der beiden erreicht unter eigenartigen Umständen seinen ersten Höhepunkt. Als zwei Verbrecher die beiden im Schlaf überraschen, ausrauben und fesseln, ist es Elke, die auf clevere Art sich aus der misslichen Lage befreit, während ihr Mann nur staunend auf seine Befreiung wartet, ein weiteres Indiz für die ungewöhnliche Rollenverteilung von stark und schwach. Der anschließende Streit geht von einem Extrem ins nächste: Erst zerstört Elke einen Teil der Inneneinrichtung, zur Versöhnung dann gibt's wilden Sex. Doch es kommt zu einem unangenehmen Coitus Interruptus, denn die Gangster stehen wieder in der Tür. Irgendwie scheint es auch nicht ihre Nacht zu sein...

Ab hier hätte man fast geglaubt, dass Fiebeler das Ehedrama mit einem parallel laufenden Gangsterdrama kreuzen will. Doch mit fortschreitender Zeit merkt man, dass die beiden ungebetenen Gäste trotz ihrer zunächst bedrohlichen Präsenz immer mehr zur Staffage geraten. Nur wenig erfahren wir zum Beispiel über ihren offenbar schief gelaufenen Coup, wobei die Ansätze mit vagen Rückblenden im Erzählmodus sogar flüchtig an „Reservoir Dogs" erinnern, die ungeschliffenen Dialoge hieraus können allerdings kaum als eine Verbeugung vor Tarantino durchgehen. Vermutungen über den Zustand eines angeschossen Wachmanns und eine eigene blutende Wunde sind alles, was man als Zuschauer mitbekommt.

Interessanterweise verlieren die Fronten der beiden Parteien immer mehr an Kontur, wobei die Szenerie gleichzeitig immer skurrilere Züge annimmt. Leider sind hier einige Einstellungen arg langatmig geraten und lassen die zunächst angespannt Atmosphäre etwas entweichen, und optische Symbolismen, wie der im gestern verharrende Arnold im Trainingsanzug mit DDR-Schriftzug sind dann doch etwas zu dick aufgetragen. Die beiden Gangster spielen mit Arnold Skat, einer der beiden hat dann rein zufällig Geburtstag, es wird ein wenig getrunken. Die Dominanz des Ehepaares wird noch einmal deutlich, als sich beide, scheinbar ohne die Gauner um sich rum wahr zu nehmen, wie bereits am Anfang des Filmes ihre verbitterten Vorwürfe um die Ohren hauen. Als dann unerwartet der Makler - offenbar viel zu früh - auftaucht, werden die Pärchen neu gemischt: Die Alphatiere haben sich offenbar gefunden. Der eine Verbrecher, der den Anführer mimt, schauspielt vor der Türe den Hausherrn, Elke als die resolute Ehefrau kommt dazu. Drin verstecken sich die Verlierer, Arnold und der zweite Kumpane, die sich in ihren Ansichten über die guten Seiten von damals recht einig sind.

Das blutige Ende, und vor allem die Konsequenz, mit der Elke mit ihrem alten Leben bricht, mag dramaturgisch zwar als Höhepunkt durchgehen, glaubwürdig ist dieses Ende nicht geraten. Aber die Schluss-Szene kann auch als böser Gag interpretiert werden. Denn ob Elke die Situation so radikal bewältigt, mag der Fantasie der Zuschauer überlassen werden, da eine kurze Eingangs-Szene, die normal ablief, auf brutalere Art wiederholt wird. Was nun wirklich passierte, kann sich wohl jeder selbst aussuchen: Eher die radikale Variante oder doch die mit Kompromissen? Vielleicht war dieser letzte Kniff als Denkanstoss gedacht, unsere eigenen Empfindungen und eigene Entscheidungsfreudigkeit auf den Prüfstand zu stellen, und vor allem uns zu hinterfragen, was wir aus unserem Leben gemacht haben, seitdem uns die Veränderungen in unserem Land überrannt zu haben scheinen. Doch Fiebeler lässt dabei nicht nur ein mehrdimensionales Eigenleben seiner etwas blass agierenden Figuren vermissen, der Tiefgang des Filmes wird auch durch einige ins Leere laufende Passagen gemindert, so dass es unterm Strich ein ordentliches Debüt geworden ist, welches aber durchaus Potenzial zu mehr gehabt hätte.

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