Killer mit Zeitdruck
Da sag mal einer im inzwischen zur Sparte verkommenen, reinrassigen Actionkino wird nur noch Lauwarmes für die Heimkinohalde produziert. Auch wenn mindestens jedes zweite Outing von Steven, Dolph, Jean-Claude und auch Scott die Nörgelthese immer wieder aufs Neue untermauert, es gibt auch unterhalb der Budget-Klasse von „John Wick", „Atomic Blonde" und „Taken" noch wertigen Radau der guten alten Schule. Also gebt das Genre nicht auf und haltet es am Leben.
Mit letzter Kraft bzw. Technik am Leben gehalten wird auch der Auftragskiller Travis Conrad (Ethan Hawke). Sein Brötchengeber ist ein zwielichtiger Großkonzern mit Sitz in Südafrika. Als ein ehemaliger Mitarbeiter die dunklen Machenschaften aufzudecken droht, ködern sie den jobmüden Travis mit einer Millionengage für einen letzten Mordauftrag. Der ist seit dem Tod von Frau und Kind aber nur noch ein desullusioinierter Schatten seines früheren Söldner-Selbst und wird auch prompt von der Interpol-Agentin Lin (Qing Xu) erschossen.
Kurz davor hatte er ihr immerhin den Aufenthaltsort des Kronzeugen entlockt, womit er in den Genuss eines streng geheimen Wiederbelebungsverfahrens seiner Firma kommt. Natürlich soll er kurz darauf ein zweites Mal und nun endgültig das Zeitliche segnen, aber da feiern Travis Lebens- und Rachegeister unverhofft fröhliche Urständ und motivieren ihn, die ihm noch verbleibenden 24 Stunden mit aller Macht zu nutzen. Besser gesagt mit aller Gewalt, denn der gleich merhfach Betrogene hat nun rein gar nichts mehr zu verlieren und zieht gemeinsam mit seiner Mörderin Lin in den Krieg.
„24 Hours to Live" mag auf dem Papier wie ein uninspirierter Mix aus „D.O.A - Bei Ankunft Mord" (1988), „Crank" (2006) und Jack Bauers üblichem Tagwerk anmuten, ist aber auf Bildschirm und Leinwand ein adrenalinhaltiger Knaller der Extraklasse. Der ehemalige Stuntman Brian Smrz weiß genau, was in punkto Action so richtig fett aussieht und zündet angesichts des geringen Budgets ein regelrechtes Feuerwerk an handgemachten Kämpfen, Schusswechseln und Auto-Stunts. Das erinnert in vielem an die Arbeit seines Berufskollegen David Leitch, der mit „John Wick" ähnlich puristisch auftrumpfte und dennoch darüber seinen geradlinigen Thriller-Plot nicht vergaß.
Dazu kommen ein filmisch unverbrauchtes Südafrika-Setting und ein Hauptdarsteller, der nicht nur die physischen Fähigkeiten, sondern auch das Kaputte, das Fatalistische und das Tragische der Figur glaubwürdig verköpern kann. Ethan Hawke hatte immer schon etwas Gehetztes und Trauriges in seinem Blick, was dem Wesen des Travis-Charakters sehr nahe kommt. Denn trotz all der druckvollen Action und dem enormen Tempo ist „24 Hours to Live" in Teilen auch ein menschliches Drama und ein bissiger Kommentar zu den Zuständen in den Armenvierteln der Welt. So gesehen ist es ein Glücksfall, dass Hawke in den wenigen, aber wichtigen ruhigen Momenten so gestandenes Personal wie Liam Cunningham und Rutger Hauer an die Seite gestellt bekommt, die eine gelungene Prise Zynismus und schwarzen Humors untermischen.
Der Grundplot ist fraglos ein Genre-typischer, soll heißen, er steht im Dienst der Actionsinszenierung. Travis ist der klassische Antiheld mit gutem Kern, der es mit einer ganzen Armee an Feinden aufnimmt und unter diesen kompromisslos aufräumt. Dass diese simple Prämisse und Anlage offenbar nicht das häufig belächelte Kinderspiel ist, belegt das positive Erstaunen, das „24 Hours to Live" über die volle Laufzeit zu erzeugen weiß. Also zugreifen bitte, denn nur erhöhte Nachfrage sorgt für ein umfangreicheres und wertigeres Angebot. Und ist es nicht genau das, was wir herbei sehnen?