Sünden, Süden, Sühnen
Nachdem vor Kurzem schon "Geralds Game" als eine kostbare Frucht aus der Beziehung zwischen Netflix und Stephen King-Kurzgeschichten hervorging, geht "1922" noch einen Schritt weiter. Schlicht eine der authentischsten und der Vorlage würdigsten Stephen King-Filme überhaupt, hat der australische Regisseur Zak Hilditch hier geschaffen. Mit "These Final Hours" hat er vor vier Jahren schon ein geheimes Brett abgeliefert, jetzt macht er einen weiteren Sprung nach vorne mit dieser emotionalen Südstaatengruselstory über Todsünden, Karma und das eigene Schicksal, welches einen immer wieder einholt. Fäulnis zum dahinschmelzen und schaudern. Es geht um einen Farmer im titelgebenden Jahr 1922, dessen Frau viel Land und somit Macht und Geld geerbt hat. Da sich ihre Pläne von seinen unterscheiden, beschließt er sie zu töten und zieht in diese schlimmste aller Sünden sogar noch seinen Sohn als Komplizen mit ein...
Wunderschöne Bilder von Kornfeldern und blutenden Sonnenuntergängen treffen Verwesung und Ratten überall. Ein atemberaubend guter Thomas Jane trifft eine der menschlichsten und realistischsten Storys, die King je geschrieben hat. "1922" hätte man kaum besser verfilmen können. Ein paar Minuten Straffung hätten gut getan, genossen habe ich trotzdem jede Sekunde dieses Gänsehautchillers. Er bewegt sich langsam aber unaufhaltsam. Wie die Schuld selbst. Der Kern der Kurzstory wird haargenau getroffen und da stört sogar die antiklimaktische zweite Hälfte kaum. Der beste Horror ist der aus uns selbst, ein nachvollziehbarer und vorstellbarer Albtraum. Voller Hass, ohne Ausweg und mit einer Menge Verzweiflung und Angst im Bauch. Angst vor Machtverlust, Angst vor dem Schicksal, Angst vor Gott. Oder dem Teufel. Oder sich selbst.
Fazit: King-Adaptionen haben einen Lauf - ein intensives Gruseldrama über Schuld und Karma, Sünden und Vergebung, das ein intensiver Thomas Jane veredelt. Netflix + King, das scheint zu passen.